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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-08 · Heft 41 (8.10.1909) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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beibehalten, und das ist gut so! Denn so mancherlei Kummer und Schande hastete an seinem rechtmäßigen Namen, unverdient für den armen, alten Schulmeister. Eigentümlich aber bleibt es, daß Sie- Herr Grosser, immer wieder in Zusammenhang mit diesen Dingen stehen . . ." „Mein Herr!" „Werden Sie nicht ungeduldig. Ich muß nach der Vollandt-Geschichte noch eine zweite berichten. Reimers hatte eine Tochter, die ihn eines Tages heimlich verließ und die Geliebte eines polnischen Rittergutsbesitzers wurde." Grosser war'wieder sehr unruhig geworden. „Diese knüpfte im vorigen Sommer ein Verhältnis an mit einem Manne, der nur vorübergehend in der Nähe der Besitzungen des Gutsherrn sich aufhielt. Als dieser durch Zufall davon erfuhr, jagte er die Person davon, und eines Tages kurz nach Ihrer Abreise erschien das Frauenzimmer bei mir im Kontor und fragte nach Herrn — Edmund Grosser . . ." „Ich bitte Sie, Herr Steinfels . . sagte er sehr verlegen . . . „kleine Privatangelegenheiten, Dinge, die man unter Männern doch nicht so ernsthaft nimmt." „Ich verstehe von solcher Auffassung nichts. Trotzdem läge es mir ganz fern, mich mit diesem Liebesabenteuer zu befassen, wenn die Dame mir nicht verraten hätte, daß sie eine Deutsche . . . daß sie Emilia Reimers, also die Schwester Winter-Reimers sei, dieselbe, die ich aus den Erzählungen Ihres Bruders bereits kannte. Und nun die beiden in nächster Nachbarschaft, im Umkreise eines kleinen Städtchens, wo sie sich jeden Augenblick begegnen konnten! Das mußte verhütet werden. Der Vielgeprüfte durfte daseben erstgewonneneAsyl nicht auf so schmähliche Weise wieder verlieren. —Seine Schwester, die er tot geglaubt, nicht als Ehrlose wiederfinden. Deshalb nahm ich mich ihrer an, sorgte dafür, daß sie sortkonnnen konnte, und deshalb verlange ich von Ihnen, daß Sie für diese Verlorene eintreten, soweit für sie sorgen mögen, daß sie nicht noch tiefer sinkt, als es schon der Fall ist." „Aber, mein Gott, lieber Steinfels, mit welchem Aufwand von sittlichem Pathos sagen Sie das. Nicht, als ob Sie ein Großstädter, ein Mann wären, der die Welt und daS Leben kennt, sondern als ob Sie mit Spießbürgermoral solche Extravaganzen verurteilten" . . . sagte Grosser, der sich rasch gefaßt hatte . . . „Es ist ja ganz selbstverständlich, daß man solche kleinen Affären beseitigt. Ich hätte in der Tat das nette Abenteuer völlig vergessen, wenn Sie mich nicht mit der ganzen Strenge eines Sonntagsnachmittagspredigers daran erinnert hätten. Die Dame war nicht spröde, ich glaube sogar, sie kokettierte mit mir." „Ich trete hier nicht für die Ehre jener Person ein, sondern für das Interesse ihres Bruders!" „Schon gut, schon gut!" sagte er ungeduldig . . . „Und wo ist sie jetzt?" „Vermutlich bereits in Berlin." „Hier?!" Er lachte nervös auf. „Das ist ja eine reizende Geschichte, und das haben Sie wirklich köstlich arrangiert. Und nun sind Sie im Besitze so pikanter Geschichtchen aus dem Leben eines Mannes, dem Sie . . . dem Sie als Gegner gegenüberstehen, mein Herr!" Er hatte seine Stimme erhoben. Alfred verstand ihn nicht sogleich. * „Die Mitteilung dieser Dinge in unserer Lage — es sieht aus ... es klingt wie eine — — wie eine kleine Pression. Haben diese Geheimnisse einen Preis?" Steinfels sprang empor: „Sie . . . Sie . . . Sie vergessen" . . . vergebens rang er nach Worten, seine Augen flammten, während sein Gesicht mit fahler Blässe bedeckt war. „Diese Zumutungen sind infam! Ich komme mit der größten Schonung, mit Ihnen von diesen fatalen Angelegenheiten zu sprechen, die ich im Interesse meines Schützlings, des bedauernswerten Reimers wahrnehmen muß, und Sie . .. Sie schieben mir die gemeinsten Insinuationen unter . . . Das ist unerhört! Nein, mein Herr Grosser, mein Ehrenwort hat keinen Preis! Ihr Ehrgeiz nach Titeln und Orden bleibt ein ewiges Geheimnis zwischen uns, ebenso die anderen Einblicke, die der Zufall mir in Ihr Leben gestattete. Ich kämpfe nicht mit unedlen Waffen, das ist mir zu niedrig, zu gemein. Das entspricht nicht meinem Charakter!" Er stand hoch aufgerichtet wie ein Ankläger vor dem Schuldigen, seine Stimme bebte in tiefster Erregung, gewann aber allmählich ihre Festigkeit. „Und nun merken Sie sich, daß Alfred Steinfels, trotzdem er im Besitz so merkwürdiger Geheimnisse ist, keinerlei Pression auf Sie ausüben wird; unsere geschäftlichen Differenzen sind ein Rechtsstreit, der nicht mit Daumschrauben geführt, sondern von preußischen Richtern entschieden werden wird," bei diesen mit dem Tone der Verachtung und feinen Ironie gesprochenen Worten zog er einige zusammengefaltete Papiere ans der Tasche. „Hier, mein Herr, sind die Dokumente in der Sache Vollandt, und nun ist unsere Unterhandlung beendet und ich kann gehen ..." Und fast genau so, wie vorhin seine Gattin, verließ apch er in stolzer Haltung, ohne Grosser noch eines Blickes zu würdigen, das Kontor. Dem Zurückbleibenden drängte sich die Aehnlichkeit im Verfahren und der Haltung der beiden Gatten aus. „Hochmütige Phantasten!" murmelte er vor sich hin. „Das war ein schwerer Vormittag! Und er fordert meine Großmut, meine Rücksicht gar nicht heraus.. . Stolz wie ein Spanier wirft er mir diese verräterischen Zeichen hin . .. von dessen Indiskretion habe ich nichts zu fürchten . .. solche Leute schweigen wie das Grab." Darauf versank er in längeres Nachsinnen, „ich muß allerdings einige Zeit verstreichen lassen, ehe ich vorgehe. .. und jetzt habe ich auch noch diese Emilia auf dem Halse.. . das danke ich ihm, diesem Don Quichotte, diesem ehrgefühlvollen Narren... wie stolz sich dies Bettelpack geberdet, erst die Frau, dann der Mann. Nun, ich werde Dich noch demütig sehen, schöne Agathe!" Nach diesem Selbstgespräch schloß er die empfangenen Briefe in den eisernen Geldschrank und verließ ebenfalls die Geschäftsräume.-— Einige Wochen waren über diesen Ereignissen hingegangen, als Doktor Sievers Edmund in seiner Privatwohnung aufsuchte. „Das muß ein ungewöhnlicher Anlaß sein, der sie hersührt, werter Freund..." „Erraten, lieber Grosser, ich kommein besonderer Mission." „Hoffentlich nicht in einer Mission zur Bekehrung der Kinder der Welt!" „Sie kennen mich zu genau, um nicht zu wissen, daß ich der Seelenfängerei abhold bin, und daß ich die Kinder der Welt nicht gerade für meine Gegner und für Feinde der kulturellen Entwicklung halte. Meine Mission hat einen weit höheren und bedeutsameren Inhalt..." „Sie machen mich neugierig, Herr Doktor!" „Spotten Sie nicht, mein lieber Freund. Es gibt Dinge auf Erden und unter dem Himmel, von denen unsere Philosophie sich nichts träumen läßt, und ich hatte heute Gelegenheit, in Verkettungen des Lebens zu schauen, die mir neu und überraschend waren und mich düster stimmten." (Fortsetzung folgt.)

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