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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-08 · Heft 41 (8.10.1909) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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„Sie echauffieren sich unnütz, Herr Steinsels.-Ich bin auf Einzelheiten nicht so erpicht wie Sie, mir genügen Zahlen, die Verlustziffer, die schwarz auf weiß dasteht." Dieser Hohn ernüchterte ihn.- „Und was wollen Sie mit dieser Ziffer tun?" „Mir meine Rechte als Gläubiger Ihnen gegenüber sichern..." „Ich verstehe Sie nicht. . ." „Es gibt nichts Einfacheres als das: Sie unterschreiben den Auszug und bekennen sich mir gegenüber als Schuldner dieser Summe. Ueber die Zahlungsmodalitäten werden wir uns sicher leicht verständigen." „Ich unterschreibe nicht. .." „Dann werde ich mein Recht auf dem Wege des Gesetzes suchen." „Tun Sie das! Es gibt noch eine Gerechtigkeit aus Erden." „Und so wären wir fertig miteinander! Unser Vertrag ist gelöst." Alfred tastete mit der Hand nach der Stuhllehne, als wollte er sich davor schützen zusammenzubrechen. Auch an seinem Geiste zogen die fürchterlichen Konsequenzen dieser unerwarteten Lösung seiner Verbindung mit Grosser vorüber. Er war für den Augenblick ohne Existenz ... Unvorbereitet, plötzlich auf das Pflaster gesetzt... Er, der für eine Familie zu sorgen hatte. .. Einen Moment drängte sich ihm die Frage auf, ob er einlenken, nachgeben sollte. . . dann aber stählte ihn wieder das Gefühl seines guten Rechts, das Bewußtsein seiner Tatkraft, seines Willens.-— Er würde auch über das Schwerste hinwegkommen, und so sagte er nach einigen Minuten der Sammlung: „Wir werden erfahren, ob das so ganz von Ihrer Willkür abhängt!" „So stehen wir uns also von Stunde an als Gegner gegenüber?" „Wir werden beide suchen, zu unserem Recht zu gelangen..." „Das ist Ihr letztes Wort? Ueberlegen Sie wohl, noch haben Sie Zeit, die Unterschrift zu vollziehen.. ." Er reichte ihm den Bogen hin-Ein Moment schien es als schwanke Steinfels, dann sagte er mit fester Stimme: „Mein letztes Wort in dieser Angelegenheit, doch muß ich noch in fremder Sache für kurze Zeit Ihr Gehör erbitten." Eine Handbewegung bekundete Grossers Zustimmung. „Wenige Tage bevor Sie im vergangenen Sommer nach Valentinowa kamen, kam ein Deutscher, ein Flüchtling, zu mir in das Kontor und erzählte mir eine Geschichte, in die auch ihr Name verflochten ist. . ." Grosser, der scheinbar teilnahmslos und zerstreut aus seine Worte kaum geachtet hatte, horchte plötzlich auf. „Mein Name?" „Ihr Name. Der Mann nannte sich Winter, doch war das bloß der angenommene Name seines Passes, in Wirklichkeit heißt er Reimers und stammt aus Ihrer Heimat." „Reimers?" Jawohl, ich erinnere mich des Namens, doch ums habe ich mit diesem auf falschen Paß reisenden Manne zu schaffen?" „Dieser Winter oder Reimers wurde zur Flucht gezwungen, weil er in eine Angelegenheit verwickelt war, die ein Baron von Vollandt, hier mit Ordens- und Titelschwindeleien verübt hat..." Grosser zuckte zusammen. Er war sehr bleich geworden, aber er suchte sich zu beherrschen. „Ah so! Die alte Geschichte? In der Tat, auch ich bin dem Lumpen auf den Leim gegangen und Sie — Sie wissen darum .. . und Sie . . wollen Sie die Kenntnis dieser dummen Geschichte etwa gegen mich ausspielen, gegen mich benutzen?" Steinsels fuhr empor. „Diese Zumutung kennzeichnet Ihre Gesinnung. Ich wurde zur Zeit von Ihnen in diese, Affäre eingeweiht gegen Diskretion, die ich auf Ehrenwort versicherte." „Nun?" „Und Winter oder Reimers erzählte mir nichts Neues. Nur daß ein grenzenlos unglücklicher Mensch durch eine Verkettung von Umständen heimatlos und flüchtig geworden, und daß sein alter Vater, als er hilfesuchend zu Ihnen eilte, schnöde und unbarmherzig von der Tür Ihres Hauses abgewiesen, wurde..." „Von meiner Tür?" „So ist es. Vielleicht erinnern Sie sich noch jenes Tages, I als der wackere Herr Müller einen Bittsteller zurückwies, der kein Almosen mochte, sondern um eine Unterredung mit Ihnen, bat. .. es gibt ein Merkzeichen dafür, es war an jenem Tage, an dem unsere famose Gründung der russischen Filiale beschlossen wurde." In der Tat... ich entsinne mich ... Sie bedauerten den Alten . .." Er tat als suche er in seiner Erinnerung. „Sie machten dem Buchhalter Vorwürfe ..," „Der Mann war der Lehrer Reimers, der gekommen war. Ihnen die Papiere zu überliefern, die Sie als eines der Opfer von Vollandt bloßgestellt hätten." „Aber wie kamen diese Leute dazu?" „Ich sagte Ihnen schon, der Baron hatte nahe Beziehungen zu Reimers. „Vollandt hat während seines Aufenthalts in Berlin bei Reimers gewohnt und so die unglückliche Familie mit in seine unsauberen Angelegenheiten hineingezogen. Reimers mußte flüchten, da sein Vater von Ihnen nicht vorgelassen, den er-, hofften Rat nicht heimbrachte..." „Aber wer konnte das wissen? Weshalb schrieben die Leute nicht? ..." .; : „Die Zeit drängte — — er glaubte, daß die Polizei, die bei ihm nach dem Baron gefragt hatte, sich seiner bemächtigen könnte-sie hatten niemand und verloren vor Angst und Schreck.den Kopf, so entfloh er." „Und jene Papiere?" „Nahm er mit auf seiner Flucht nach Rußland." „Und wo sind sie jetzt?" „In meinen Händen!" Grosser sprang empor. Sein Gesicht war fahl geworden, es schien, als könne er diesen Schlag nicht verwinden. „Ah!" kam es endlich über seine bebenden Lippen. Alfred tat, als bemerke er von dieser Aufregung nichts. „Ganz flüchtig erzähle ich Ihnen noch, daß ich mich dieses unglücklichen Landsmannes annahm, der keine Ahnung hat, daß die Firma Ehrike & Comp, mit Herrn Edmund Grosser in irgendwelcher Beziehung steht. Ich verschaffte ihm . eine Stellung in der Spinnerei von Zychowski, und vor einigen Tagen ist seine Frau zu ihm gereist. Vorher hat sie den Vater ihres Mannes begraben, der von dem Umschwung in dem Schicksal seines Sohnes nichts mehr erfuhr, denn er war stumpfsinnig geworden seit jenem Tage, wo er vor der Tür eines stolzen Hauses seine letzte Hoffnung begrub." „Das ist ja wirklich eine ganz romantische Geschichte..." suchte Grosser mit einigem Spott zu sagen, aber es gelang ihm nicht, seine Stimme klang gepreßt. „Und dabei ist sie noch nicht, ganz zu Ende. Es gibt wirklich zu wunderbare Zufälle im Leben, und romanhafter als alle Romane erscheint oft das Jneinandergreifen von Umständen und Ereignissen des täglichen Verkehrs. Der alte Reimers ist tot. Sein Sohn wird den Namen Winter

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