Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
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Aber schon einige Monate nachher mußte diese Wolke des Unmutes verschwinden. Denn der Minister forderte die Landeskanzlei auf, ihm dringlich Vorschläge zu unterbreiten darüber, wie ein jüdischer Kongreß einzuberufen wäre mit der Aufgabe, eine einheitliche Organisation der israelitischen Konfession zu schaffen. Die Aufgeforderten, beeilten sich, die gewünschten Vorschläge in einem ausführlichen Memorandum niederzulegen. Darin wird der Wirkungskreis des künftigen Kongresses genau umschrieben und besonders hervorgehoben, daß er die Vertretung des ganzen ungarländischen Judentums verkörpern muh. Um dies zu erreichen, die Mitarbeit und Teilnahme aller Richtungen zu ermöglichen, ist jede religiöse reete rituelle Frage von der Beratung und Verhandlung auszuschließen, und so von vorhinein die Garantie geboten, daß die zu schaffenden Beschlüsse und Institutionen auf die vM schiedenen Nuancen des religiösen Lebens — wie sie in den einzelnen Gemeinden bestehen — keinen Einfluß ausüben, also „die Religion nicht gefährden", das religiöse Gewissen nicht unterdrücken werden. Wenn jedoch die bisherigen Gegner der einheitlichen Organisation ihren oppositionellen Standpunkt nicht verlassen, in gar keine gemeinsame Aktion eintreten wollen, was dann? Nach den Erfahrungen der Vergangenheit ist diese Frage wohl berechtigt. Sie mußte klar gestellt und ebenso klar bcanwortet werden. Das Memorandum führt hier einen ernsten und energischen Ton, es duckt und verbeugt sich nicht vor den Orthodoxen, sondern sagt klipp und klar: Die ungarischen Gesetze und die jüdische Geschichte kennen nur ein Judentum, das trotz verschiedener, von der Kulturstufe und der politischen Lage bedingten Schattierungen ans einer und derselben. Grundlage ruht. „Wenn nun die Orthodoxen in unserem Streben eine einheitliche Organisation durchzuführen mit uns nicht Zusammenarbeiten wollen, unsere religiöse Grundlage, die Grundlage des Judentums negieren, und andere religiöse Grundlehren anerkennen, dann sollen sie eben mit diesen eine neue Konfession bilden, und diesen Willen offen bekennen auf dem Kongresse selber." Das ist einmal, die Sprache des selbstbewußten liberalen Judentums, das jede Richtung achtet, jedoch auf diese Achtung auch selber, mit Recht Anspruch erhebt, und sein Wesen nicht verläugnet in Kompromissen, die verächtlich zurückgewiesen werden. Entweder besteht die Differenz zwischen Orthodoxen und Neologen nur in der wenig oder mehr strengen Observanz des Ritus — was jedoch in Ungarn gar nicht zutrifft, denn es gibt nicht nur orthodoxe Mitglieder, sondern auch Gemeinden, die in Wahrheit neolog sind, wie auch umgekehrt Neologe mit orthodoxem religiösen Leben — in allen anderen Dingen hingegen herrscht Gleichheit, dann ist ein Zusammenwirken möglich und notwendig, wie es sich auch in anderen Ländern bewährt, oder sind die Unterschiede dogmatischer Art und erstrecken sich auf alle Erscheinungen des konfessionellen Lebens, dann sind es eben zwei grundverschiedene Konfessionen, dann soll das Schisma proklamiert und dessen Folgen eingehalten werden. (Dann darf kein Neologer in einer orthodoxen Gemeinde besteuert, mit keiner Orthodoxin getraut, auf dem orthodoxen Friedhofe begraben werden und dergleichen mehr.) Die Verfasser des Memorandums erklären weiter, daß sie fest glauben, daß es zu diesem Bruche nicht kommen wird, denn unerschütterlich ist ihr Glaube: „daß diejenigen, die mit uns auf Grund unserer aus der Offenbarung hervorgegangenen Religion eins sind, welche Einheit weder in unserer vaterländischen, noch laut Zeugnis der Weltgeschichte je gebrochen wurde, und nirgends auf dem Erdenrunde je ausgehört hat, > daß diejenigen, die gar nicht imstande sind die Kriterien der Religionsverschiedenheit anzugeben, ja es niemals versucht habensich von uns loslösen wollen oder es zu tun fähig wärem" Sollte die Hoffnung, daß diese ernsten Worte nicht erfolglos verhallen werden, nicht in Erfüllung gehen? Sollten die Führer der Orthodoxie . noch immer nicht zur Einsicht gelangen, daß das religiöse Leben nicht voy Kongreßbeschlüffen beeinflußt wird, daß die rituelle Observanz nicht von der Selbstverwaltung beeinträchtigt wird, und daß die Verhältnisse in Ungarn ein gekräftigtes und geeintes Judentum fordern, dessen Wohltaten in erster Reihe ihre schwachen Gemeinden genießen werden? Wo man hinblickt wird Judenhaß gepredigt. Im Parlament nehmen die Agrarier kein Blatt vor den Mund, auf dem Lande gründet man Konsumvereine, und selbst in der Presse, die zu ^/z von Juden bedient wird, raschelt es oft von judenfeindlichen Notizen und Bemerkungen, - Trotz dieser verdächtigen Erscheinungen kannsich das Ungarische Judentum zu einer Kräftigung durch Schaffung einer einheitlichen Organisation nicht aufraffen. Es hat — so scheint es — wieder den günstigen Zeitpunkt versäumt, denn was vor einem Jahre durchführbar war ist heute aä graeeas calendas verschoben. Inzwischen hat nämlich die ungarische Regierung den Boden unter den Füßen verloren, hat demissioniert, ist dann wieder ernannt worden ohne Kündigungsfrist, sucht eine homagene Partei und ein annehmbares Programm, und hat keine Muße für jüdische Probleme. Der Hoffnungsschimmer der Organisation des ungarischen Judentums ist schon wieder verblaßt, wie ein Komet, der auf eine Zeit erscheint, dann verschwindet und erst nach vielen Jahren wieder zum Vorschein kommt. Der politische Horizontin Ungarn ist dermaßen umwölkt, daß für die Lösung der jüdischen Frage für lange Zeit gar keine Aussicht vorhanden ist. III. In Ungarn ist die Frage der Organisation nach langer Stagnation plötzlich ins Rollen gekommen, in dem nachbarlichen Kroatien ist diese Frage allerjüngsten Datums, sie hat noch keine Geschichte und wird auch keine haben, denn es stellen sich ihrer Erledigung keine Hindernisse, und Schwierigkeiten entgegen. In Kroatien gibt es keine Parteien und keine Fraktionen, zudem ist die Zahl der Gemeinden keine große — es gibt etwa 30 bis 35 — die zu vereinigen nicht schwer , ist. Das trat schon beim ersten Schritte klar zutage, bei der Statutenberatung des Gemeindeverbandes. Die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens aller kroatischen Gemeinden ist öfters eingetreten, zuletzt vor vier Jahren anläßlich der Verhandlung des Gesetzes „über die Regelung der israelitischen Gemeinden" im Landtage (siehe meinen Artikel vom 19. Januar 1906). Das gemeinsame Vorgehen hatte auch damals gute Früchte getragen und infolgedessen der Idee eines Gemeindeverbandes den Weg gebahnt. Der Titel „Gemeindeverband" scheint bescheiden zu sein, in Wahrheit umfaßt sein Begriff sowohl die Organisation als die Selbstverwaltung. Der Gemeindeverband verkörpert die ganze Judenschaft Kroatiens als einheitliche Konfession, deren oberste administrative Behörde — innerhalb der Schranken des staatlichen Aufsichtsrechtes — der jedes dritte Jahr tagende Kongreß ist. Auf diesen entsendet jede Gemeinde ihre Vertreter je nach der Zahl ihrer Mitglieder. Das vom Kongreß zu wählende Zentralkomitee ist das . eigentlich arbeitende Organ des Gemeindeverbandes, das in erster Reihe berufen ist, das hiesige Judentum der Regierung gegenüber zu vertreten, den amtlichen Verkehr zwischen ihr Und den Gemeinden zu besorgen.