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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-08 · Heft 41 (8.10.1909) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 41 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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- 487 - Behauptung hat machen können. Kennt denn Herr Dr. Levin nicht Geigers lichtvolle Auffassung der jüdischen Parteien? — In dem Kampfe der Pharisäer mit den Sadduzäern galt' es den ersteren, den Vertretern des Volkes, die Macht der Priesterschaft zu brechen. Das ist ihnen gelungen. Ich erinnere bloß an folgendes: in der Traditionskette im Tractate Abot wird den Priestern kein Plätzchen eingeräumt. Moses erhält die Thora am Sinai und überliefert sie an Josua, dieser den Aeltesten und von diesen ging sie über an den Propheten und schließlich zu den Männern der großen Synagoge. Die Priester haben demnach zur Erhaltung der Lehre nichts bei ge tragen. — Das, glaube ich, ist eine deutliche Sprache. — Und doch war der Sieg der Pharisäer über die Sadduzäer kein vollständiger und konnte es auch nicht sein. Ihre Hände waren gebunden durch die Schrift. Die priesterlichen Privilegien waren gottgewollt und so mußte man auf halbem Wege stehen bleiben. — Aber den Pharisäern bleibt das Verdienst, an der Priestermacht gerüttelt zu haben, unb unsere Aufgabe ist es, ihr Prinzip wieder aufzunehmeu und den Kampf gegen Priestertum zu Ende zu führen. Zurück zu den Propheten! muß unsere Losung sein. Das hat Geiger seinen Schülern beizubringen gesucht. Herr Dr. Levin fährt fort: „Rabbiner Dr. Klein spottet über den Küchenrabbiner." Nein, das tue ich nicht und habe das nie getan! Das Wort „Küchenrabbiner" stammtauch nicht von mir. Ich spreche von einer „Küchenreligion", für die man den Rabbiner haben wollte. — Den Respekt vor dem Stand teile ich ganz mit Dr. Levin. Ich habe zu Füßen von alten Rabbinern gesessen, die in einer heiligen Atmosphäre gelebt, deren Antlitz vom Geiste der Thora verklärt war, denen jeder unlautere Gedanke ferngeblieben. Diesen weltfremden Männern war das „Joch der Lehre" und das „Joch der Gebote" der lieblichste Teil ihres Lebens. Sie konnten wohl darüber betrübt sein, daß sie nicht imstande waren, alle 613 Gebote und Verbote zu beobachten. Selbstverständlich sahen sie in der späteren Kodifizierung der jüdischen Religion in 13602 Paragraphen nur den natürlichen Ausfluß aus der unversiegbaren Quelle des göttlichen Gesetzes. Alle Gebote und Gebräuche wurden als von einem Hirten gegeben betrachtet. Das war ihre i n n e r st e Ueberzeugung und die muß respektiert werden. — Ueber diese Rabbiner habe ich also nicht gespottet. Ich spotte überhaupt nicht in meinen Predigten und über Rabbiner schon gar nicht. — In meiner, in dieser Zeitschrift abgedruckten Predigt spreche ich vom Tiefstand der Religion bei den breiten Massen Israels. Ich sage dort wörtlich: „Denn tatsächlich hat das priesterliche Element, das seinen Ausdruck in Symbolen und Riten fand, die prophetische Lehre so in den Hintergrund gedrängt, daß breite Schichten Israels, durch Druck und Sorgen aller Art vom Denken abgewöhnt, den Mittelpunkt der Religion Israels in den Speisegesetzen erblickten. Und die Anstellung des Rabbiners für die Küchenreligion war vielen notwendiger, als für die Synagoge und Schule." — Mit diesen Worten habe ich den früheren Zustand im Judentum charakterisiert. Leider sehe ich mich genötigt, den Zeitraum, für den meine Schilderung galt, etwas näher zu rücken. Dr. Levin, ein Mitglied der Liberalen Vereinigung deutscher Rabbiner, ruft aus: „Darum will ich es im Namen meiner Gesinnungsgenossen ungescheut aussprechen, daß wir stolz darauf sind, in unseren Gemeinden Lehrer des Judentums, seiner Wissenschaft und seiner Ideen, seiner Gesetze und seiner Bräuche, seiner Moral und seiner Riten zu sein! — Wir möchten es auch nicht missen, daß wir neben der Seelsorge, dem Religionsunterricht, der Predigt, nicht auch über Schlachten undSpeisegesetze zu entscheiden habensollten." Ich will mit Dr. Levin nicht darüber rechten, daß er stolz darauf ist, auch Lehrer der Bräuche, Gesetze und Riten des Judentums zu sein. Aber wissen möchte ich, nach welchem Kodex die „Liberale Vereinigung" ihre Entscheidung darüber trifft. Natürlich nach dem 8ehu!ehan arueh! — Aber Hand aufs Herz! welcher liberale Rabbiner kann den 8ehu1chan arueh zur Norm für seine in den Kulturstaaten lebenden Glaubensgenossen machen? Wir wollen ja nicht den ganzen 8ehulehau arueh! höre ich mir entgegenrufen. — Nun möchte ich aber die religiöse Behörde kennen, die dem liberalen Judentum einen revidierten und zeitgemäßen Sehulchan arueh vorgelegt und Wichtiges von Nebensächlichem in demselben geschieden hat. Aus wohlweislichen Gründen hat es eine solche Behörde nie gegeben und wird es auch nicht geben. Es ist also der Willkür eines jeden einzelnen liberalen Rabbiners überlassen, eine ihm passende Auswahl aus dem 8ehu1ehan arueh zu treffen. Und diese Praxis wird bekanntlich stillschweigend allenthalben geübt. Dem einen sind die auf etwa 180 Folioseiten zusammengefaßten Sabbatgebote doch etwas zu viel, dem anderen erscheinen die auf über 300 Folioseiten behandelten Vorschriften über Schlachten, Speise- und Trinkgesetze als unausführbar. Und mau befreit sich ganz einfach von den lästigen Paragraphen. — Ich möchte z. B. wissen, wieviel liberale Rabbiner die Trinkgesetze beobachten, wieviel ihr Taschentuch am Sabbat als Gurt benutzen, um von anderen viel wichtigeren Dingen, die übertreten w erden, zu schweigen. — Nun ich will gewiß nicht mit ihnen darüber rechten. Aber verbitten möchte ich es mir, von solchen ein Radikaler genannt zu werden. Die Autorität, auf die ich mich in Leben und Lehre stütze, sind unsere, heiligen Propheten, die Verkünder des ethischen Monotheismus. Darum zurück zu den Propheten! Und könnt Ihr oder wollt Ihr das nicht, so seid konsequent und werdet orthodox! Denn liberal oder orthodox? das ist die Frage. -ÄKe Organisation und Selbstverwaltung in Ungarn und Kroatien. Von Professor Dr. G. Schwarz-Agram. II. Als vor mehr denn zwei Jahren Graf Apponyi Kultusminister geworden, glaubten die größten Optimisten unter den ungarischen Juden nicht, daß gerade er die Frage der Organisation mib Selbstverwaltung in ein akutes Stadium bringen werde. Auf die diesbezügliche Begrüßungsansprache der Distriktspräsidenten — der offiziellen Vertreter der Neologen — gab er die übliche ministerielle Antwort, die mit der Bedeutung des angeregten Problems anhebt, die Schwierigkeiten seiner Lösung in die Mitte versetzt, das Studium und Unorientiertheit zur Ausflucht benutzt und in das wohlwollende Versprechen hinausläuft. Diesmal war aber sowohl das Studium wie das Versprechen in vollem Ernste gemeint. Im Frühling 1908 entwickelte der Minister ein großangelegtes Kultusprogramm, in dem jedoch kein Wörtchen die jüdische Konfession anging. Eine neue Quelle des Skeptizismus gegenüber seinem Versprechen.

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