Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Mit Sehnsucht harrt es auf ein gläubiges, von den Schlacken des Aberglaubens geläutertes Israel, auf eine Gemeinschaft der Guten, die sich in den Dienst des Gottes der Wahrheit stellt und durch ein Leben in Gerechtigkeit und Liebe die Prophetenlehre betätigt. Dr. Levin hat freilich über das Prophetenideal eine andere Ansicht. Er meint, daß man aus diesem die Kulthandlungen nicht ausschalten darf. Er sagt u. a.: „Jesaja schmäht nicht die Opfer, sondern die Vereinigung von Opfer und Unrecht". Dagegen möchte ich folgendes einwenden: Wie kommt es, daß Jesaja in der Formulierung seiner ethischen Forderungen der Opfer gar keine Erwähnung tut. — Entrüstet über des Volkes Sünden ruft er ihm zu: „Waschet, reiniget Euch! Schafft mir Eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht! Befriedigt, dem Gewalt geschehen! Verschafft den Waisen ihr Recht! Führt die Sache der Witwen!" Und wenn Israel diesen Mahnruf beherzigt, was geschieht dann? Der Prophet fährt fort: „Wenn Eure Sünden scharlachrot sind, sollen sie doch schneeweiß werden" usw. — Aber Jesaja hat doch das Wichtigste vergessen! Sagt er doch kein Wort vom Opfer, ohne welches nach der Priesterlehre keine Sünde gesühnt werden kann. — Nein, Jesaja hat nichts vergessen! Und wahrlich, deutlicher hätte er die Opferinstitution nicht negieren können als durch den Ausspruch, daß Sündenvergebung nur durch Buße erlangt werden kann. Als zweiten Gewährsmann für seine Ansicht führt Dr. Levin den Propheten Jeremia an. Von ihm sagt er: „Auch Jeremia, den man so gern zum Eideshelfer holt wegen des Satzes (7,22) „denn ich redete nicht zu eueren Vätern und gebot ihnen nicht an dem Tage, da ich sie aus dem Lande Aegypten führte wegen Ganzopfer und Schlachtopfer", auch er hat damit den Levitikus und alle Opsergesetze nicht als apokryph bezeichnen, sondern allein darauf hindeuten wollen, daß mit ihnen der Wunsch der Menschen erfüllt wird, wäh^fnd das Hören auf Gottes Stimme und das Wandeln auf dem von Gott gegebenen Wege (dort Vers 24) das von Gott dem Menschen Befohlene ist." Auf diesen Einwand zu erwidern, fällt mir nicht so leicht, denn ich verstehe nicht recht, was Dr. Levin mit dem zweiten Teil eigentlich meint. Nimmt er an, daß Gott nur die sittlichen Gebote befiehlt, während die Menschen Opfer wünschen, dann wären wir ja beide einer Meinung. Ich halte mich darum an den ersten, mir verständlichen Teil seines Einwandes. — Also, Jeremia hat mit seiner klaren Rede über den Wert der Opfer die Absicht nicht gehabt, „den Levitikus und alle Opfergesetze" als apokryph zu bezeichnen. — Nein, diese Absicht stand dem Propheten sicher fern, denn er hat den Levitikus nicht gekannt. — Doch sei dem, wie ihm wolle. Soviel steht indessen fest, daß es unmöglich ist, eine Harmonie zwischen dem Ausspruche Jeremias und den Opsergesetzen herzustellen. Wenn heutzutage z. B. ein radikaler Rabbiner seiner Gemeinde zuruft: Gott verlangt von Euch nicht, daß Ihr alle Zeremonialgesetze beobachten, kappores schlagen, Taschlich machen, Hoschanot klopfen sollt usw., sondern Gott verlangt, daß Ihr vom Bösen lasset und das Gute tut, daß Ihr Euren Nächsten nicht verleumdet und nicht verketzert, daß Ihr vielmehr demjenigen, der Herz und Nieren prüft, das Richteramt überlasset usw. — so sind das zwei ganz verschiedene Fordederungen. — Es ist sittlich gleichgültig wie Du es mit den Riten und Bräuchen hältst, aber nicht gleichgiltig ist deine persönliche Stellung zu Deinem Gott und zu seinem heiligen Sittengebot. Diese Konsequenz ziehe ich aus den angeführten Worten des Propheten Jeremia. Dr. Levin fährt fort: Durch Vermittlung Abraham Geigers haben seine Schüler die von christlichen Gelehrten so scharf pointierte Scheidung zwischen Prophetie und Priestertum übernommen. Bei den Nichtjuden war diese Sonderung folgerichtig und zweckerfüllt. Damit wird der Paulinismus ausgebaut, die Gesetzesreligion als minderwertig beiseite geschoben und dem Christentum die Glorie verschafft, daß es allein das Erbe der Propheten angetreten habe. Wir Juden haben keinen Anlaß, die Wahrheit so zu trüben — uns haben Gesetz und Prophetie zusammengewirkt, uns den Gottesweg erkennen und gehen zulaffen." Man müßte ein umfangreiches Buch schreiben, um die in diesen Sätzen ausgesprochenen Unrichtigkeiten zu .widerlegen. Ich will hier nur den Versuch wagen, in möglichster Kürze das allerwichtigste zu sagen. Die Behauptung, daß die scharf pointierte Scheidung zwischen Prophetie und Priestertum von christlichen Gelehrten übernommen ist, kann nur Staunen erregen. Die von Dr. Levin angeführten Stellen aus Jesaia und Jeremia genügen schon, uns zu überzeugen, daß die Bibel die einzige Quelle ist, der wir diese Scheidung entnehmen. — Wenn Hosea im Namen Gottes ausruft: „Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteskenntnis und nicht an Brandopfern!"; wenn Micha mit Entrüstung gegen alles Opferwesen eifert (6, 6. 7) und die prophetische Religion in die kurzen Sätze faßt: „Er hat Dir gesagt, o Mensch, was gut ist! Und was fordert der Ewige von Dir außer Recht zu tun, Liebe zu üben und demütig zu wandeln vor Deinem Gott?"; oder wenn der Psalmist betet: „Denn Schlachtopfer begehrst Dunicht — sonst wollte ich sie geben — und an Vrandopsern hast Du nicht Wohlgefallen. Die rechten Schlachtopfer für Gott sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verschmähen"; — wenn man diese und unzählige andere Stellen bei den Propheten und Psalmisten findet, die so deutlich wie möglich über die Minderwertigkeit der Opfer sprechen und diese mit den priesterlichen Opfergesetzen im Pentateuch vergleicht,-so ergibt sich . wohl von selbst für jeden, eine „scharf pointierte Scheidung". Wir sind daher geradezu gezwungen, von zwei verschiedenen religiösen Systemen zu sprechen, von einem niederen, dem priesterlichen und einem höheren, dem prophetischen. Ich kann also nicht einsehen, was für eine Rolle die christlichen Gelehrten bei dieser Scheidung gespielt haben. — Noch weniger verständlich ist mir aber die Behauptung, daß eine solche Scheidung im Christentum „folgerichtig und zweckerfüllt" war. Das gerade Gegenteil ist historisch-wahr. Im Christentum erst ist der Priester zur Höhe erhoben worden. Dort erst ist er erstarkt und zu einer Machtfülle gelangt, vor der sich die Mächtigsten der Erde haben beugen müssen. Und zu dieser Sonderstellung hat der Paulinismus das meiste beigetragen. — Demjenigen, der den Inhalt des Hebräerbriefes oder des Barnabasbriefes, dieser im pautinischen Geiste geschriebenen Episteln, kennt, sage ich damit nichts Neues. Der Respekt vor dem Priestertum ist da so groß, daß man Jesus mit der Priesterwürde schmückt, ja, ihn Opfer und Priester zugleich sein läßt. — Und wird nicht das Prinzip des Opfergesetzes in der heiligsten Handlung des Christentums, im Abendmahl, noch als gültig anerkannt? — Wo in aller Welt, frage ich, hat das Christentum den Anspruch erhoben „allein das Erbe der Propheten angetreten" zu haben? Es ist mir daher unbegreiflich, wie Herr Tr. Levin Abraham Geiger zum Ausgangspunkte für eine solche