Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Einen ganz anderen Anblick bieten die große Neue Synagoge, das'kleine freie Gotteshaus der „Reform" und die Synagogen des Westens und Südwestens. Alles ist gedämpfter, korrekter, oft von höchster Eleganz, aber doch immer reserviert, wie am Hofe eines Fürsten, dem man alljährlich einmal seine Aufwartung macht. Die reiche Handelswelt, Vertreter der Intelligenz, Professoren, Aerzte, Anwälte, Beamte, Leute, die durch den Besuch des Gottesdienstes an diesem Tage ihre Zugehörigkeit zu'm Judentum bekunden wollen. Vielfach hört man allerdings versichern, es klingt fast wie eine Entschuldigung: man komme nur aus Pietät. Aber trotzdem steckt selbst in dieser verzerrten Selbstüberschätzung immerhin noch ein Keim der Liebe und Anhänglichkeit, der besser und hoffnungsvoller ist, als die ablehnende Kälte derjenigen, die vom 4om Lippur überhaupt nichts wissen wollen. Die weiten Entfernungen setzen bei den Mitgliedern dieser Synagogengemeinden das Fahrverbot häufig außer Geltung, doch läßt die Rücksicht auf die Empfindung traditionsbeflissener Glaubensgenossen das Gefährt in angemessener Entfernung vom Gotteshause halten, oder man bedient sich der Elektrischen als eines allgemeinen, nicht für den persönlichen Zweck besonders dienstbar gemachten Verkehrsmittels. Als. einen minutenlang im Getriebe des Straßenlebens sich markierenden Zug kann man die große Wagenburg bezeichnen, die sich am Vorabend und Abend des Versöhnungstages vor den Portalen der Synagogen staut und die Getreuen von allen vier Enden der Weltstadt bringt und wieder zerstreut. Pikant wirken die zahlreichen Automobile; man hat Mühe, auch ihren Insassen die Teilnahme an einer so alten Institution zuzutrauen, aber schließlich entsinnt man sich des feurigen Wagen Eliä und versöhnt sich auch mit diesem ultramodernen Anblick. **#<-. Libers! oder orthodor? Von Prof. Dr. Klein-Stockholm. er Artikel: Liberal oder radikal? den Vezirksrabbiner Dr. Levin-Freiburg vor einiger Zeit in diesem Blatte veröffentlicht hat, enthält eine Polemik gegen. Köhlers und meine Darstellung des liberalen Judentums, Herr Dr. Köhler, dieser geistvolle und gelehrte Erforscher jüdischer Tradition, wird, so hoffe ich, die Antwort nicht schuldig bleiben. Ich will daher nur meinen Standpunkt, soweit dieser in einem Zeitungsartikel möglich ist, zu verteidigen suchen. Meiner Auffassung gegenüber, daß der Prophetismus die höchste Stufe in der Entwicklung der Religion Israels bildet und daß man infolgedessen geradezu von einem Gegensatz zwischen Priester- und Prophetenreligion sprechen kann, betont mein verehrter Kollege, Herr Dr. Levin: „Ich gehöre zu denen, die die Behauptung eines solchen Gegensatzes als historisch und logisch verkehrt ansehen. Moses ist uns, die ihn als Lehrer und Meister verehren, zugleich Priester und Prophet. Aber auch denen, welche ihn von der frommen Sage gedichtet meinen, muß diese Dichtung. anweisen, wie Priestertum und Prophetie ineinander übergingen, mit einander innig verwachsen waren." Darauf erwidere ich: auch ich verehre Moses als Lehrer und Meister, aber als prophetischen Lehrer und Meister, und darin weiß ich mich eins mit dem Propheten Hosea. Dieser sagt (Kap. 12, 14): „durch einen Propheten.hat der Ewige die Israeliten ans Aegypten geführt und durch einen Propheten.ward es behütet." — Ich will weiter als wissenschaftliches ’ Resultat feststellen, daß oie - vorexili schen Propheten, die ebenfalls in Moses ihren Lehrer und Meister verehrten, nichts anderes verkündeten als die Lehre Mdses: den Dekalog. Geht man nämlich die Strafreden dieser gewaltigen Gewissenserschütterer durch, so macht man die Wahrnehmung, daß sie dem Volke nicht darüber zürnen, daß es kultische Regeln und Bräuche'und priesterliche Opfergesetze vernachlässigt, sondern daß es ethische Gebote Übertritt, und zwar solche, die im Dekalog normiert wurden. — Freilich weist Dr. Levin darauf hin, daß die Propheten vor dem Sabbat Halt machen, und daß Jeremia außer der Arbeit auch das Ausladen, Tragen und Hinausführen von Lasten als verboten erklärt (Jer. 17, 27). Aber das gerade bestätigt meine Ansicht; denn von allen heiligen Zeiten Israels wird im Dekälog nur der Sabbat genannt. Beachtenswert ist auch folgendes: Die Essäer haben bekanntlich, nach Philo und Josephus, in Moses ihren größten Lehrer und Meister verehrt. Diese haben einen Sittenkanon aufgestellt, der nur ethische Pflichten enthält. Auch sie verlangen eine Sabbatfeier, aber verwerfen die Opfer, weil der Dekalog solche nicht fordert. — Also Moses ist uns ein Nabi. Und auch dem Deuteronomiker war Mosesein Nabi. In dem 18. Kap. 1—9 behandelt dieser das Priesterrecht und getrennt davon wird vom Vers 9 ab vom Prophetentum gehandelt. Vers 18 läßt er Gott zu Moses sprechen: „Einen Propheten will ich ihnen aus der Zahl ihrer Volksgenossen erstehen lassen, wie du einer bist." Vgl.Verslödas. Und in dem wunderbar ergreifenden Schluß, in dem der Deuteronomiker dem unvergleichlichen „Ebed Adonai" ein Denkmal für alle Zeiten und alle Menschen setzen will, faßt er alles, was sein Herz erfüllt, in die Worte zusammen: „Es stand aber in Israel kein Prophet mehr auf wie Moses, mit dem der Ewige von Angesicht zu Angesicht verkehrt hätte." Und wenn der Priesterorden dem Propheten Moses auch die Priesterkrone aussetzt, so sind uns die Faktoren bekannt, die mitgewirkt haben, dieses Plus der Wirksamkeit Moses hinzuzufügen. — Aus der Schrift wissen wir, daß das Israel der alten Zeit noch weniger als das Israel der Gegenwart für die Predigt der Propheten reif war. Das Heidentum steckte den breiten Massen des Volkes noch in ben Gliedern, Durch Ritus, Külte, Opfer wollten sie mit der Gottheit in Verbindung treten. So ist etwas geschehen, was geschehen mußte, um das Volk zur Heiligkeit zu erziehen. Der Priester hat sich mit dem Propheten verbunden und dank dieser Vereinigung von Priesterlehre mit Prophetengeist ist ein großes Stück Heidentum, das einen integrierenden Teil der Volksreligion gebildet hat, durchgeistigt und in den Dienst des heiligen Gottes gestellt worden.*) Vom historischen Gesichtspunkte aus betrachtet ist diese Vereinigung demnach nur ein Notbehelf gewesen — die Folge der Unreife des Volkes. Hat sie auch in den Jahrhunderten segensreich gewirkt und mächtig zu' unserer Erhaltung beigetragen, so darf das uns nicht in unserem Streben abhalten, das Prophetenideal zu verwirklichen. Denn dieses ist uns als heiligstes Erbe unserer großen Vergangenheit geblieben. *) Interessant ist eine Stelle im Midrasch Lev. Rabba, Cap. 22 über die Entstehung des Opserrilus. Diese lautet: Weit die Israeliten mit heißer Eier sich dem Götzendienst Hingaben und ihre Opfer den Waldteufeln (Leilim) darbrachten, sprach der Heilige, gelobt sei er: Mögen sie doch mir ihre Opfer darbringen, denn dadurch werden sie vom Götzendienst allmähliche lassen." Bekanntlich hat Maimonides ' diesen Gedanken sich voll ungeeignet. (Vergleiche More Nebokim III. 32.) ■Müfli