Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
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sein würden. Man beginnt mit der Befriedigung eines „zionistischen" Gelüstes; man endet vielleicht damit, daß man wieder dort steht, wo man gestanden hat, ehe Lord Macaulay und Josef v. Eötvös ihre mächtige Stimme zugunsten der Rechtsgleichheit sämtlicher Staatsbürger erhoben haben!" Wie uns aus Wien berichtet wird, hat der Wiener Reichsratsabgeordnete Hofrai Dr. Kuranda Schritte unternommen, um das Zustandekommen eines solchen Gesetzes zu verhindern. löerlin am Jom Kippur. Betrachtungen eines alten Berliners. I. 4om Kippur, der große dlppell, an dem Musterung abgehalten wird über alle Getreuen, hem keiner, der noch irgendwie im losesten Zusammenhänge mit der großen Heerschar des. Judentums steht, sich so leicht entzieht! Aber behauptet der Jom Kippur fein Recht auch im Gewühl der ^Weltstadt, vermag er auch in ihr Antlitz einen Zug grüblerischen Ernstes, weihevoller Heiligung zu prägen? Fast scheint, als müßte die Frage verneint werden, denn in den Zentren des Handels' und der Luxusgüter, in der Friedrichstadt, der Leipziger und Potsdamer Straße, wie im äußersten Westen und Unter den Linden kann sich wie an allen anderen Tagen ein jeder ungehemmt alles, was er an Notwendigem und . Ueberflüssigenr braucht, auch aus jüdischen Geschäften verschaffen, obwohl einige vereinzelte, und zwar begreiflicherweise gerade die bedeutenderen dieser Gegend geschlossen sind. Aber ebenso wie am Vorabend des Jom Kippur, den: hochheiligen Kolrndreabend, kein einziges Theater, die doch nach gegnerischen Behauptungen zumeist dem jüdischen Einfluß unterliegen, geschlossen ist, so bleiben am Tage selbst so überwiegend viele jüdrsche Geschäfte geöffnet, daß man die Insinuation von der Uebermacht der Juden in Berlin als bewußte Uebertreibung bezeichnen muß. t Auf einem Gebiet macht sich allerdings die Wirkung des Jom Kippur augenfällig geltend, wenn man, von den Linden die Kaiser Wilhelmbrücke überschreitend, die Zone des Engroshandels im Zentrum betritt. Dort haben die jüdischen Geschäfte fast ohne Ausnahme geschloffen, ebenso die Engrosgeschäfte der Konfektions- und Textilbranche, die sich um den Hausvoigteiplatz gruppieren. Die großen jüdischen Konfektionsgeschäfte, die auch zugleich Detailverkauf haben, pflegen ihren Betrieb zwar nicht einzustellen, aber ihre jüdischen Angestellten von der Arbeit zu dispensieren, während von den in jüdischem 'Besitz befiiiblidDjert Warenhäusern bislang nur eines am Jom Kippur zu schließen pflegte. Als einen Zug erstarkenden jüdischen Bewußtseins gegenüber der Oeffentlichkeit könnte man vielleicht die in den letzten Jahren an Häufigkeit zunehmenden Zeitungsannoncen „des hohen Feiertags halber bleibt mein Geschäft heute.geschlossen", bezeichnen, allein ein sicherer Schluß wäre daraus erst abzuleiten, wenn man die Anzahl solcher Annoncen mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung und der der jüdischen Geschäftsinhaber überhaupt vergleichen 'würde. Aber um einen anschaulichen Eindruck von der Macht, die der Jörn Kippur noch heut auf.das Gemüt der jüdischen Menge ausübt, zu gewinnen, muß man erst bis in den östlicheren Teil, des Zentrums und von dort, einen Bogen, nach Jinks bis zum Hinterlande der Oranienburger Straße beschreibend, Vordringen; denn hier wohnen die Minderbegüterten, die kleinen Leute, die aber die Heiligung des Jom Kippur durch den Verzicht auf den Verdienst, trotz des für sie vielleicht empfindlicheren Opfers als etwas schlechthin .Selbstverständliches - betrachten. Darum sehen wir hier .alles in jüdischen Händen Befindliche geschlossen; das elegante Herrengarderobegeschäft aus Abzahlung, die.Partie-.und Nesterwarenhandlung,' den Juwelierladen für An- und Verkauf,, das kleine Antiquariat, das seine Umwohner mit geistiger Nahrung versorgt und auch die dekorativen Bedürfnisse des Kultus befriedigt. Aber die Größe dieses Opfers -steht in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Bedeutung für den großstädtischen Handel und Verkehr. In den belebteren Straßen der Gegend verschwinden die doch immerhin kleinen geschlossenen Läden unter der Fülle ihrer christlichen Konkurrenten, in den abgelegeneren Straßen sucht sie nur der Blick des interessierten Beobachters. Und das Ruheopfer der zahlreichen jüdischen Handwerker und Markthändler, von denen viele aus Rußland und Galizien eingewandert sind, kann sich erst recht nicht im Straßenbilde sichtbar darstellen. Draußen aber, an der Peripherie, in den gewaltigen Fabrikvierteln des Südens, Nordens und Ostens regiert die eiserne Arbeit'- ebenso wie an jedem anderen Tage. Ob von den zahlreichen jüdischen Fabrikbesitzern schon einer die Forderung jenes sozial gesinnten jungen Rabbiners verwirklicht hat und, anstatt sich mit eigener Arbeitsenthaltung zu begnügen, seinen christlichen Arbeitern außer ihren Feiertagen auch den Jom Kippur freizugeben in majorem iudaismi gloriam entschlossen hätte und so an einer Stelle des sausenden Getriebes der Lärm, der Arbeit zu Ehren des Jom Kippur um einen Ton gedämpft wäre? Jedenfalls müssen wir uns eingestehen: ein ganz unbefangener, uneingeweihter Beobachter Berlins am Jom Kippur, etwa ein Chinese oder ein Hindu, hätte große Mühe, eine Wirkung der mosaischen Gesetzgebung aus dem Habitus des gewerblichen Lebens zu entdecken. Fast unhörbar verklingt der Hall des Jom Kippurschofars im allgemeinen Tosen und Brausen. Etwas anderes ist es für das geübte Auge, ob es nun aus alter Zuneigung gern die Spuren des Jom Kippur, erkennen möchte oder sie gar. durch, die Brille des Hasses verfolgt. Deutlich macht sich in der Nähe der Synagogen und der für diesen Tag oder vielmehr für die hohen Feiertage ad hoc eingerichteten Betlokale ein Zustrom feiertäglich geputzter, feiertäglich wandelnder Gestalten bemerkbar, gruppenweis geordnete Familien. Die Alten tragen das Gebetbuch, nach altem Brauch sorgfältig eingewickelt, die Jugend, die das Motiv der liebevollen Verhüllung nicht mehr kennt, trägt das Buch mannhaft und unverhüllt, gleichsam als Symbol offenen Bekenntnisses. In und um die Synagogen des Ostens und Nordostens geht es noch patriarchalisch her. An den Eingangstüren nimmt man, noch auf der Straße, mit guten Wünschen zärtlich voneinander Abschied, bevor'man den verschiedenen Plätzen zustrebt. Die Besucher sind vielfach kleinbürgerlich, häufig Provinzialen, vielfach auch russisch-galizischer Provenienz und fast durchweg orthodox. Man steht mit dem lieben Gott auf Du und Du, ist häufig bei ihm zu Gast und nimmt es mit der Förmlichkeit nicht so genau. Dennoch ist die' Andacht und die Inbrunst der Betenden oftmals erschütternd. Man fühlt, daß diese Menschen mit ihrem ganzen Herzen bei der Sache des Jom Kippur find. Ein so mystischer Zauber geht von solcher Andacht aus, daß einer der eifrigsten Vorsteher und Vorkämpfer der „Reform" in früherer Zeit am Jom Kippur stets ein Minjan allerorthodoxester Observanz zu besuchen pflegte, weil er — seltsamer Widerspruch der Menfchenseele — nur dort in die von seinem Gemüt ersehnte Weihestimmnng sich versetzen konnte.