Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228894--65909-3278061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gebiet. Auch unser „Grünes Blatt" will sich die Berechtigung' nicht bestreiten lassen, .in solch allgemeinen Fragen das Wort zu ergreifen; es soll sich bemühen, den Gesichtskreis der Leser zu erweitern, es soll sein gewichtiges Wort in die Wagschale werfen, es darf verlangen, in weiteren Kreisen gehört zu werden. Der Leser dieses Blattes hat ein Anrecht darauf, von den weltbewegenden Fragen zu vernehmen, die, wenn auch vielleicht nicht unmittelbar, so doch mittelbar im nahen Zusammenhang mit dem Judentum stehen. Der Stolz der Juden war zu allen Zeiten das eigene Schrifttum; und doch ist die Klage alt und nicht unberechtigt, daß die Juden viel eher antisemitische Broschüren lesen und kaufen als jüdisch-literarische Erscheinungen. Unsere Zeitung soll nachdrücklicher und ausführlicher als bisher auf die neuen Schriften und Bücher Hinweisen, die der Wissenschaft des Judentums dienen, die Angelegenheiten der Juden behandeln oder bei der Darstellung anderer Gebiete die Juden erwähnen oder — vergessen. Sie soll fortfahren, wie sie es bisher in reichem Maße getan, in selbständigen Artikeln neue wissenschaftliche und erzählende Werke von Juden und Schriften über das Judentum zu würdigen, aber sie soll schneller und allgemeiner in kurzen Referaten orientieren über die vielfachen reichen Beiträge, die in jüdischen und christlichen Zeitschriften niedergelegt sind, sie soll sich bestreben, ein rasch unterrichtender Führer zu werden auf dem Gebiete der jüdischen Literatur. Die Zeitung nennt sich ein unparteiisches Organ. Sie war dies stets in dem Sinne, daß sie von allen Bestrebungen innerhalb des Judentums Kenntnis nahm. Sie wird sich bemühen, dies auch ferner zu tun. Sie will ernstlich darauf bedacht sein, das hervorzuheben, was uns eint, nicht einseitig das zu schildern, was uns trennt. Aber unparteiisch in dem Sinne war sie nie, daß sie keinen Standpunkt einnahm und keine eigene Ansicht bekundete. Ludwig Philippson und Gustav Karpeles waren liberale Männer. Sie haben ihre Gesinnung in Wort und Tat bezeugt. Auch sie folgten dem Goetheschen Wort: Des tätigen Manns Behagen sei Parteilichkeit. Die Verteidigung des Liberalismus war von jeher die Aufgabe dieser Zeitung. Sie soll es ferner bleiben. Unsere Zeitung soll sich stets bewußt sein und es unermüdet ihren Lesern einprägen, daß der große Gedanke der Entwicklung der treibende und leitende zu allen Zeiten war, daß Beharren Zeichen der Stagnation ist. Wenn sie auch keineswegs ihren Ruhm darin suchen wird, beständig polemisch gegen andere Richtungen aufzutreten, wenn sie nörgelnde und hämische Ausdrücke abweist, vielmehr die Vornehmheit des Tons sich zu wahren bestrebt ist, sie muß, wenn sie ein Anrecht auf Fortbestand haben will, laut und entschieden den Freisinn betonen. Sie bekennt sich stolz zu dem Worte des Altmeisters: Freiheit erwacht in jeder Brust, Wir protestieren all' mit Lust. Wir protestieren gegen jedes Unrecht, das uns vom Staate zugefügt wird, gegen jede Beeinträchtigung seitens anderer Religionen, gegen Ignorierung von seiten der Wissenschaft. Aber wir protestieren auch im Sinne der Freiheit gegen das bloße Kleben am alten, gegen die ausschließliche Herrschaft derer, die das Judentum in starrer Wahrung des Ueberkommenen sehen, die dem erfrischenden Lusthauch neuer Ideen keinen Eingang gönnen wollen, die unser deutsches Vaterland uns veBkümmern, die Segnungen der modernen Kultur uns zu beschränken gewillt sind. Wir ehren die Vergangenheit, aber wir betrachten sie nicht in allem und jedem bindend für uns, und niemals wollen wir vergessen, daß wir der Gegenwart angehören, und daß wir den Beruf in uns tragen, für die Zukunft zu wirken. Ludwig Geiger. Dir Woche. - Berlin, 4. .Oktober, er „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat es wieder einmal mit der „sanftmütigen" „Staatsbürger-Zeitung" gründlich verdorben. Die Zornesröte der tiefsten Empörung steht diesem antisemitischen Herold russischer Aushungerungsmethoden gegenüber den deutschen Juden besonders niedlich. Aber der Jammer des einstigen Pückler-Organs ist zweifellos echt, denn es handelt sich für das Blatt diesmal um die Futterkrippe oder, um im Jargon per „Staatsbürger-Zeitung" zu reden, umseinen „Rewach" an den Annoncen „vorurteilsloser" jüdischer Großfirmen, die diesem Judenschimpfblatt durch ihre Inserate die Möglichkeit bieten helfen, sie im redaktionellen Teil als „Schmarotzer am deutschen Volkskörper" zu stigmatisieren. Der „Zentralverein" scheint mit einigem Erfolge und in erfreulich systematischer Konsequenz jene jüdischen Firmen, die in unbegreiflicher Verkennung ihrer Würde als Juden oder auch in Unkenntnis des radauantisemitischen Charakters der „Staatsburger-Zeitung" dieser ihre gutbezahlten Annoncen zuweisen, über das Unrichtige ihres Verhaltens gegenüber dem Antisemitenblatt aufzuklären. Die „Staatsbürger-Zeitung" jammert über die Versuche des „Zentralvereins", ihr die jüdischen Inserenten abspenstig zu machen, und beklagt sich zugleich darüber, daß man es sogar unternommen habe, durch entsprechende Eingaben bei den Gerichtspräsidenten zu veranlassen, daß die Versteigerungsanzeigen der Gerichtsvollzieher nicht in ihrem, ja in der Tat von nicht allzuvielen Neugierigen gelesenen Blatte, sondern in anderen verbreiteteren Organen publiziert würden. Anstatt sich zu freuen, daß der „Zentralverein" darauf bedacht ist, ihre Prinzipientreue zu wahren und ihre Leser nach Möglichkeit vor der Verführung durch die lockenden „Schwindelanzeigen" „jüdischer Profitgier" zu behüten, schreit die edle „Staatsbürgerin" Zeter und Mordio, wenn ihr der jüdische Brotkorb etwas höher gehängt werden soll. Die Wertschätzung der jüdischen Kundschaft, die aus diesem Geschrei so unverhüllt hervorleuchtet, ist wirklich rührend! Das Jammern über den wirtschaftlichen „Boykott" und das wütige Geschimpfe über den „Zentralverein", der die Juden vom Inserieren in der „Staatsbürger-Zeitung" abhalten will, steht diesem Blatte, das zur Weihnachtszeit in grellen Lettern sein: „Kauft nicht bei Juden" hinausbrüllt, so prächtig zu Gesicht, daß Moliöre sich im Grabe ob dieser Uebertrumpfung seines Tartüff umdrehen würde, wenn er davon erführe. Das Leben bietet wirklich die besten Komödien. Hier: „Ein wütender Antisemit, der um seine jüdischen Inserenten, wie ein Löwe um sein Junges kämpft!" Die Juden aus der Ostmark gänzlich hinauszuhungern, ist der Zukunftswegweiser, den ein „höherer Beamter" des Ostmarken Vereins in einer „Ostmärkische Städtepolitik" betitelten, soeben im Verlag von Oskar Eulitz in Lissa erschienenen Schrift ausstellt. Die Freudigkeit der Mitarbeit unserer Glaubensgenossen in der. Provinz Posen an dem Germanisierungswerk kann durch solche kraß antisemitische Enuntiationen eines Beamten des Ostmarkenvereins gewiß nicht gehoben werden. Der Versasier, den die „Posener Neueste Nachrichten" als einen Regierungsrat bezeichnen, betrachtet das jüdische Bevölkerungselement, das er als „auch deutsch" bewertet, als ein Haupthindernis der Jnaugurierung einer „echt" deutschen Politik, da sie sich einer solchen hemmend in den Weg stelle. „So mancher großgedachte Plan aus Stärkung des Deutschtums in den Posenschen Städten", so