Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 73. Jahrgang. No. 4L Berlin, 6. Oktober 1909. illTiil Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PhilipPson. VeiIsß8-k!xiiMUoll: Beriln, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums". Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten, durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Lh.efredakteur: Ludwig Seiger. An unsere Leser. — Die Woche. — Berlin am Jom Kippur I. IJUlJuU« Betrachtungen eines alten Berliners. — Liberal oder orthodox? Von Prof. Dr. Klein-Stockholm. — Organisation und Selbstverwaltung in Ungarn und Kroatien. Von Prof. Dr. G. Schwarz-Agram. (Schluß.) - Feuilleton: Tie Kompagnons. Roman von ErnstHeil m a u n. Eine Seele. Von F. OttMer. — Sprechsaal. . Der Gemeindebote r Beilage zur Allg. Zeitung des Judentums. Berlin, Posen, Breslau, Wien, Sofia. — Von Nah und Fern. fln untere Lkler. ei Uebernahme der Hauptleitung der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", mit der , mich die ehrenvolle Berufung des Herrn Verlegers betraut hat, entbiete ich den Lesern meinen Gruß. Ich hoffe, daß die bisherigen Getreuen bei der Fahne verharren werden, um die sie sich bisher scharten, und daß sich zu den früheren viele neue gesellen. Ein neuer Leiter gestaltet ein alles Blatt, das seit Jahrzehnten besteht und seine Spuren in die Geschichte tief eingegraben hat, nicht neu, er darf nicht den Ehrgeiz haben, seine Vorgänger vergessen zu machen, vielmehr schaut er dankbar auf sie zurück. Zuerst auf den Begründer des Blattes. Ludwig Philippson hat diese Zeitung erstehen lassen und sie länger als ein halbes Jahrhundert geleitet. Ja, man darf sagen: nicht bloß geleitet, sondern viele Jahre hindurch größtenteils geschrieben, seinen Geist und seine Art ihr aufgedrückt. Eine organisatorische Natur ersten Ranges: einer der wenigen, vielleicht der einzige, der nicht nur Anregungen zu geben verstand, sondern mit Zielsicherheit, mit beispielloser Energie das Geplante durchzuführen wußte. In der Geschichte des Judentums wird -man es immer; dankbar erkennen, daß er es war, der die Pläne, teils von anderen geäußert, teils aus seinem Geist entsprungen, in . Tate,: umsetzte: Sein Verdienst ist das Zustandekommen der Rabbinerversammlungen; seiner Werbetätigkeit gelang.es, stattliche Summen für die jüdische Fakultät zusammenzubringen, die den Grundstock für die jetzige Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums gebildet hat; seinem Geschick verdankt das Institut zur Förderung der jüdischen Literatur seinen Beginn und eine lange, meist, segensreiche Entwicklung durch viele schwere Jahre. Und so ist auch die „Allgemeine Zeitung des Judentums" von ihm vor zwei Menschenaltern gegründet und jahrzehntelang durchgeführt, das einzige jüdische Organ, das der Zeiten Sturm getrotzt hat. Er hat sein Leben voll ausgelebt und die Anerkennung der Zeitgenossen und der nachfolgenden Geschlechter in reichem Maße verdient. Nicht minder dankbar denkt der neue Leiter dieses Blattes des Heimgegangenen Gustav Karp elcs. Das Amt des Fort- Hetzers ist leichter und. schwerer , als das des Begründers. Leichter, weil er scheinbar nur gebahnte Wege zu gehen hat, 'schwerer, weil er immer den Vergleich mit dem Vorgänger fürchten muß. Karpeles, dessen frühen und jähen Tod wir schmerzlich beklagen, erfüllte seine Aufgabe voll und ganz Wenn er auch seinen Vorgänger in jenem unvergleichlichen Organisationstalent nicht erreichte, so durfte er sich außer der ungebrochenen Kraft, mit der er an seine Aufgabe herantrat, dreier besonderer Vorzüge rühmen, eines negativer: und zwei positiver. Des negativen, daß er nicht den Rabbinerberuf ausübte, zu dem er sich vorbereitet hatte und infolgedessen geneigter und geeigneter war, das rein Theologische etwas in den Hintergrund zu stellen; der positiven,, daß er in Berlin lebte, das sich immer mehr zum Mittelpunkt der jüdischen Bewegung herausbildete, und daß er ferner durch seine Beweglichkeit, seine zahlreichen, viele Jahre hindurch bis zum Ende des letzten Winters fortgesetzten Vortragsreisen in alle Teile Deutschlands kam und infolgedessen, besonders auch aus dem Grunde, weil er zu sehen und zu hören verstand, die Wünsche der Leser, die Neigungen und Bedürfnisse des großen Publikums schneller vernahm. Ihm eignete als einem erprobten Journalisten die Gabe flüssiger, anziehender Darstellung; wie er in geselligem Kreise durch seinen schlagfertigen Witz, durch den unerschöpflichen Schatz von Anekdoten die Zuhörer zu erheitern wußte, so verstand er es auch, so sehr er durch gediegene Ausführungen und wissenschaftliche Untersuchungen zu unterrichten und zu. belehren wußte, humoristische Schilderungen zu entwerfen, die den Leser unterhielten; er besaß großes Interesse für die zeitbewegenden Fragen, die er in lichtvoller Weise erörterte. Dem so schnell Abberufenen ist schon mehrfach, dankbares Gedächtnis in diesen Blättern bezeugt worden; die Erinnerung an ihn soll auch ferner, pietätvoll gewahrt werden. Nicht im Gegensatz zu den bisherigen Leitern, sondern auf'dem Grund, den sie gebaut und gefestigt haben, soll das Blatt fortgeführt werden. Und doch wird ein neuer Herausgeber nicht ausschließlich das tun wollen, was andere vor ihm getan haben. Ich gebe kein Programm, spreche vielmehr nur schlicht einige Ansichten aus. Das Blatt heißt „Allgemeine Zeitung". Es war,ursprünglich im wesentlichen ein Nachrichtenblatt, aber es sucht, wie es dies schon jahrzehntelang erprobt hat, durchaus nicht seinen Ehrgeiz darin, ausschließlich oder auch nur schnellstens von dem Geschehenen zu unterrichten. Eine wöchentlich einmal erscheinende Zeitung kann in hurtiger Berichterstattung nicht mit Tagesblättern konkurrieren. Aber das Blatt darf und soll auch ferner nie vergessen, daß es eine Zeitung ist: ein Blatt, das der Zeit dient und die Ereignisse nicht etwa bloß berichtet, sondern beurteilt, gleichsam von einer höheren Warte aus betrachtet. Sie soll ferner allgemein sein, und wenn sie auch in erster Linie nie vergessen darfden Interessen des Judentums zu dienen, so soll sie dieses Allgemeine auch sonst hervorkehren. Unsere Zeit ist eine Epoche der Gährung, wie auf religiösem, so auf politichsem, pädagogischem, ethischem und sozialem; -/