Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Referent die Hauptgrundsätze des bekannten Gesetzentwurfs-, der bau . der ad hoc eingesetzten Kommission in zweiter Lesung-angenommen - worden und auf dem letzten Gemeindetag Gegenstand eingehender Beratung gewesen ist. Er weist den von mehreren Seiten erhobenen _ Vorwurf zurück, daß Berlin in diesem Gesetzentwurf zu sehr bevor-; zugt werde. Berlin kann weder wegen der Verschiedenheit der Verhältnisse der Juden der Provinzialgemeinde Brandenburg zugeteilt noch auch in der Zahl der zu dem Landesgemeindetag zu. entsendenden Abgeordneten beschränkt, werden, weil es zu den aufzubringenden Kosten den weitaus größten Teil wird beitragen müssen. Der Gesetzentwurf, wird auch insofern religiös-freisinnigen Prinzipien gerecht, als er naturgemäß sich weder aus liberalen noch auf konservativen Prinzipien stützt. Durch den Entwurf ist eine Entwicklung des Judentums in religiös-freisinnigem Sinne nicht gehindert, nicht nur durch die Bestimmung, daß die Staatsregierung in bezug auf Kultus und/Ritus sich nicht einmischen kann, sondern auch dadurch, daß die höheren Organisationen irgendwelche Richtung nicht verpönen können, die sich etwa in Berlin, dem klassischen Boden für kültuelle Maßnahmen, im Judentum Geltung verschafft. Namentlich aber ist, entgegen der wiederholten Forderung der Rabbiner, das Vetorecht derselben im Entwurf ausgeschlossen worden; auch selbff das aufschiebende Veto ist ihnen nicht zugebilligt worden. Nur um leichtfertige Aenderungen im Kultus und Ritus zu verhindern, hat das Gesetz zugelassen, daß zu derartigen Aenderungen eine Zweidrittelmehrheit in beiden Verwaltungskollegien der Gemeinde vorhanden sein und der Rabbiner gutachtlich gehört werden muß. Betreffs der lebenslänglichen Anstellung der Rabbiner und Religionslehrer, die beiden nicht im Entwurf gewährt ist, wird man nach Ansicht des Redners zu einem Kompromiß zu kommen suchen. Den Gemeindebeamten wird man ohne weiteres auch das aktive und passive Wahlrecht, das sie fordern, znbilligen, falls sie von dem Privilegium der Steuerfreiheit keinen Gebrauch machen wollen. Redner hält die - Ansicht, daß dieser Entwurf Gesetz werden könnte, nicht für allzugünstig. Zunächst ist mit der Abneigung der Staatsregierung zu rechnen, den Juden eine Landesgemeinde zu bewilligen, da es natürlich für die Staatsregierung bequemer ist, die einzelnen Gemeinden »gegeneinander auszuspielen, als sich einer mit Staatsautorität aus-, gerüsteten Landesgemeinde gegenübcrgestellt zu sehen. Dieser Widerstand scheint aber nicht unüberwindlich. Weit schwieriger erscheint die Ueberwindung der Widerstände im Judentum selbst, und .im Interesse der Gesamtheit der Juden wird eine Selbstbescheidung der einzelnen Parteien dringend erforderlich sein. Den auf dem Gemeindctage zur Annahme gelangten Anträge Friedmann legt Redner keine große Bedeutung bei, da dieser Beschluß > . in sich widerspruchsvoll und auch nicht durchführbar ist. Doch muß sich die damalige Majorität in eine verschwindende Minorität verwandeln. wenn der Entwurf Aussicht auf Annahme .. haben soll. Nach seiner Meinung wird es jedoch erforderlich werden, daß man diesen Entwurf auf einer Versammlung nur preußischer Delegierter nochmals zur Beratung stellt und hier einen Entwurf in dritter Lesung formuliert. — An den mit lebhaften Beifall ausgenommenen Vortrag schloß sich eine nur kurze Diskussion. Direktor. Dr. Minden schätzt den Widerstand der preußischen Staatsregierung gegen einen derartigen Entwurf nicht sehr groß, dagegen fürchtet er. größere Schwierigkeiten in den beiden Häusern des Landtages. Weder die Konservativen noch das Zentrum werden geneigt sein, den Juden eine feste Organisation zu geben, aber auch die freisinnige Partei hat aus inneren Gründen kein großes Interesse daran, kirchliche Verbände zu organisieren und sich dadurch gewissermaßen einen Staat im Staate zu schaffen. Er ist der Ansicht, daß, wenn eine Einigung über die Stellung der Rabbiner zustande käme, alles andere im Gesetzentwurf nur Sache der juristischen Technik sein werde. Justizrat Breslauer weist noch eininal die Mehrzahl der gegen den Entwurf erhobenen Einwände als unberechtigt zurück. Er vertritt die Ansicht, daß an dem Entwürfe weiter gearbeitet werden solle, und der „Liberale Verein" versuchen solle, diejenigen Grundsätze bei der Kommission zur Durchführung zu bringen, welche der Liberalismus als notwendig fordert. Von allen Glaubensgenossen muß aber den Mitgliedern der Kommission dauernder Dank bewahrt werden, denn noch niemals haben sich Männer einer so weit umfassenden und schwierigen/Arbeit in so glänzender Weise entledigt. Der Vorsitzende schloßhierauf die Versammlung mit der Bitte, alle' weiteren Schritte dem Vorstande zu überlassen. — Berlin,'??. September. Wie dem Hilfsverein der Deutschen Juden mitgeteilt wird, gaben zu den Gerüchten über schwere Pogromausschreitungen in Kiew folgende Vorgänge Anlaß: Am 23. August 10 Uhr abends ertönten auf dem Wall der Dorstadt „Slobodka" Hilferufe, Es stellte sich heraus, daß eine Gruppe des Kiewer „Verbandes des russischen Volkes", 15 an der Zahl, mit dem berüchtigten Nicolai Pawlowsky (mit dem Beinamen Moroni an der Spitze, auf dem Wall erschienen waren und mehrere Juden aus Slobodka zu prügeln anfingen. Unter anderen wurden David Blachmann und Moses Stellbaum durchgeprügelt. Indem die Holigans sich mit Erbitterung auf das Publikum warfen, riefen sie: „Da habt Ihr die Gleichberechtigung". In einer Drogenhandlung wurde drei Personen, die bei der Prügelei zu Schaden gekommen waren, die nötige Hilfe erwiesen. Als, durch die Rufe der Geschlagenen herbeigelockt, die Polizei erschien, beeilten sich die Holigans zu verschwinden. Einige der Holigans wurden von den Geprügelten nach einer in der „Kiewskaja Jskre" erschienenen photographischen Aufnahme als Mitglieder der Kiewer Kämpforganisation erkannt. Irgendwelchen nennenswerten Umfang haben die Ausschreitungen nicht angenommen, jedoch entstand begreiflicherweise eine große Panik. 8. Berlin, 26. September. Die von mehreren Blättern gebrachte Meldung, betreffs Anlegung eines neuen jüdischen Friedhofes in Marienfelde entspricht, wie der Eemeindekommissar Herr Netter in der heutigen Nepräsentantensitzung offiziell mitteilte, nicht den Tatsachen. Das Angebot des Terrains aus Marienfelde ist erst erfolgt, nachdem, die Notiz in den Zeitungen erschienen war. Es besteht auch kaum die Aussicht, daß die hiesige Gemeinde diesem Anerbieten nähertreten wird, um so weniger, als anderweitige Verhandlungen über den Ankauf eines Terrains sehr nahe dem Abschluß sind. F. Berlin. 23. Sept. Am 6. November er. feiert die hiesige jüdische Lehrerbildungsanstalt das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens. Der Vorstand der hiesigen Gemeinde wird aus dieser Veranlassung einen Festakt in dem Seminar veranstalten, und der jetzige Leiter, Herr Direktor Holz mann, ist mit der Abfassung einer Geschichte des Seminars betraut. Aber auch die früheren Zöglinge der Lehrerbildungsanstalt wollen diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne ihrer Anhänglichkeit und Dankbarkeit für ihre Ausbildungsstätte einen würdigen Ausdruck zu verleihen. In einer vor einiger Zeit abgehaltenen Versammlung ehemaliger in Groß-Berlin ansässiger Zöglinge wurde ein aus den Lehrern A. Levy, Weber, Flanter, Dr. Barol und Naftaniel bestehendes Komitee gewählt, das die Vorbereitungen zu einer Festfeier zu treffen und die Begründung einer „Unterstützungs- und Darlehnskasse" für ohne Verschulden in Not geratene frühere Zöglinge dieser Anstalt in die Wege zu leiten hat. Ein vom Komitee erlassener Aufruf zur Teilnahme an dem Jubiläum und zur Beitragsleistung für die geplante Kasse hat eine überaus freudige Aufnahme gefunden, selbst bei außerhalb Deutschlands wohnenden und auch bei solchen früheren „Berlinern", die dem Lehrerstande nicht. mehr angehören. Die Zustimmungserklärungen, die meistens recht herzlich gehalten, sind, und die bisher gezeichneten resp. gezahlten Beiträge zur geplanten „Unterstütznngs- und Darlehnskasse" sind ein erfreulicher Beweis für die Liebe und Anhänglichkeit der ehemaligen Zöglinge für ihre ahna mater und berechtigen zu der Hoffnung, daß die projektierte Kasse sich mit der Zeit zn einem „Lehrerhort" werde ausgestalten lassen. Leider steht noch eine beträchtliche Anzahl früherer Seminaristen mit ihren Erklärungen und Beiträgen aus. Es wird jedoch wohl nur dieses Hinweises bedürfen, um die Säumigen an ihre Ehrenpflicht gegen die Anstalt, in der sie ihre .Ausbildung genossen haben, und gegen ihre unverschuldet leidenden Kollegen zu gemahnen. Möge sich.niemand ausschließen! lieber das Ergebnis der Sammlung von Beiträgen für den „Lehrerhort" und über die geplante Feier im November d. I. wird allen, die Ihr Interesse dafür bekundet haben, besondere Mitteilung zugehen. Alle Sendungen sind zu richten an: Lehrer Naftaniel, Berlin N., Weißenburgerstr. 67.