Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jahrgang Nr. 40. ► Berlin, 29. September 1909. Vellsgr zur „Allgemeinen Leitung üeS Iubentum>S". lkorrelpondkn?m und Ischrichtm Deutschland. 8. Berlin, 26. September. Die heutige erste Repr äse nt ante n- Versammlung nach den Sommerferien hatte eine sehr reichhaltige Tagesordnung zu.erledigen, nur wenige Vorlagen verfielen der Vertagung. Des beschränkten Raumes wegen können wir leider nur einen kurzen Bericht geben und werden erst in der nächsten Nummer unseres Blattes auf einige sehr interessante Einzelheiten der Vorlagen ausführlich zurückkommen. Aus den geschäftlichen Mitteilungen ist die sehr erfreuliche Nachricht zu entnehmen, daß sowohl die gemischte Deputation wie auch der Gemeindevorstand sich auf Grund der angefertigten Modelle über den Bauentwurf der Synagoge Fasanenstraße entschieden haben.. Von den beiden vorliegenden Varianten, die nach Umarbeitung des preisgekrönten Hesselschen Entwurfes von den Baumeistern Hessel undHoeniger gemeinsam angefertigt sind, haben sich die beiden Instanzen aus Gründen vornehmlich ästhetischer Natur für das Modell ohne Turm erklärt. Das Modell, das in der heutigen Sitzung aufgestellt war und in hohem Maße die Aufmerksamkeit der Repräsentanten fesselte, bietet durch die Form seiner Gestaltung einen ungemein vornehmen und reizvollen Eindruck. Der Vorsitzende Louis Sachs begrüßte mit großer Freude die definitive Entscheidung über den Bau der Synagoge Fasanenstraße, welche für die Bewohner der westlichen. Vororte von größter Bedeutung sein wird. Herr Kommissar Netter, der rührige Vorsitzende der Baukommission, bat noch um schleunige Anberaumung der nächsten Repräsentanten-Sitzung. um den auf 1 110 000 Mark berechneten Kostenanschlag zur Verabschiedung zu bringen; wahrscheinlich werde dann schon in den nächsten vier Wochen mit dem ersten Spatenstich begonnen werden. — An Stelle der Herren Professor Kalischer und Dr. Ignaz Cohn werden die Herren Aron Hirsch und Lewin ski zur Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden abgeordnet. — Im geschäftlichen Teile brachte dann noch Herr Manheimer die längst beschlossene Ausstellung der Büste des Rabbiners Dr. Geiger in Erinnerung. Syndikus Iustizrat Lilienthal bedauerte die Verzögerung dieser Angelegenheit aus äußeren Gründen und sagte deren baldige Erledigung zu. — An Zuwendungen wurden angenommen: die Zuwendung des Herrn Georg L a ch m a n n (5000 Mark) zur Begründung einer Georg Lachmann - Eltzbacher.-Stiftung zum Zwecke der Unterstützung von Hilfsbedürftigen jüdischen Glaubens sowie die Zuwendung seiner Ehefrau Hedwig Lachmann im gleichen Betrage für die zu gründende Stiftung, ferner die Zuwendung des Herrn Generalkonsuls Martin Burchardt im Betrage von 1000 Mark an die Armen-Kommission, des Kaufmanns Selmar Rose im Betrage von 2000 Mark an die Altersversorgungsanstalt, der Frau Anna Sachs im Betrage von 5000 Mark zu Grabes, erhaltungs- und Wohltätigkeitszwecken, außerdem die Zuwendungen der Herren Siegmund Perl, Louis Höniger, Julius Wallfisch, des Bankiers Oskar Jonas zur Graheserhaltung und der Frau Rebecka Markuse (600 Mark) zur Begründung einer Jahrzeitstiftung. Die Zinsen aus dem Dr. Freiherr v. Landauschen Vermächtnis von 10000 Mark werden dem Fonds für verschämte Arme überwiesen. Herr Dr. Ginsberg bittet bei dieser Gelegenheit den Gemeindevorstand, sich der Fürsorgekommission, die eines erhöhten Zuschusses sehr bedürftig sei, in verstärktem Maße anzunehmen. — Zwe; bedeutsame Anträge des Herrn Arnold Lew in ski, auf die wir ebenfalls noch ausführlich zurückkommen müssen, betr. Abänderung des Tarifs für Gemeindesteuern und Abänderung des. Verfahrens bei Veranlagung von Gemeindemitgliedern, werden nach längerer Debatte einer gemischten Kommission zur Vorberatung überwiesen. — Die Verhandlungen wurden alsdann durch die Amtseinführung des zum Aeltesten-Stellvertreter gewählten Herrn Geheimen Baurats Prof. Dr. Theodor Landsberg unterbrochen. In einer längeren Ansprache verpflichtete der Vorsitzende Louis Sachs das neue Vorstandsmitglied aus sein Amt und wies auf die umfassenden baulichen Arbeiten hin, an deren Erledigung mitzuarbeiten Professor Landsberg hauptsächlich berufen worden sei. Der Neugewählte dankte in kurzen herzlichen Worten für das in ihn gesetzte Vertrauen und versprach, sein bestes Wissen und Können gern in den ehrenvollen Dienst der Gemeinde zu stellen, — Der Etat der Alterversorgungsanftalt für 1909/10 wird in Einnahmen und Ausgaben abschließend mit 181385 Mark genehmigt. Die Extrasubvention von 5000 Mark wurde bewilligt. — Der Voranschlag der Festgottesdienstkommission pro 1909/10 wird in Höhe von 105000 Mark genehmigt; der über die etatmäßig verfügbaren Mittel (78 000 Mark) hinausgehende Betrag von 27 000 Mark soll aus den vorhandenen Ueberschüssen gedeckt werden.— Nach Entlastungserteilung für die Bibliothekkommission, die Armenkommission und den Fonds für verschämte Arme pro 1908/09 wurde Herr Oskar Wassermann in die Bibliothekkommission und Herr Benno Salz als Mitglied des Vorstandes der Synagoge Kaiserstraße in die Kommission für die sestgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten gewählt. Mehrere Ausgaben für bauliche Reparaturen sowie die Ausgaben zur Einrichtung von Nachhilfekursen im Hebräischen an der II., VI. und VIII. Religionsschule wnrden bewilligt. — Dem Israelitischen Religionsverein Groß-Lichterfelde- Lankwitz ist für seinen Festgottesdienst 200 Mark gewährt worden. Die Versammlung genehmigt nachträglich diese Beihilfe. — Die erforderlichen Summen für den Druck einer Friedhofsordnung und eines Beamtenverzeichnisses werden bewilligt. — Zum Abschluß eines Vergleichs mit der Gemeinde Weißensee, wodurch nunmehr der dringend erforderliche Bau einer zweiten Gebethalle auf dem Friedhofe ermöglicht wird, erklärt die Versammlung ihre Zustimmung. — Nachdem noch der bisher auf 5000 Mark bemessene Gemeindezuschuß an die Waisenkommission für das Jahr 1909/10** nach kurzer Befürwortung des Referenten Herrn Emil Pincus erhöht wurde, beschloß die Versammlung, 1000 Mark zur Einrichtung von Kursen zur Ausbildung von I nt erimsdirigenten und Kantoren zu bewilligen. — In dringlicher Vorlage wurde alsdann noch die Anstellung zweier Schächter behufs Vornahme der Gänseschlachtung im Oderbruch gutgeheißen. Es ist übrigens bemerkenswert, daß für den hiesigen Bedarf 20—30000 Gänse im Jahre geschlachtet werden müssen. 8. Berlin, 20. September. Der Liberale Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde hat heute seine erste Versammlung nach den Sommerserien abgehalten. Herr Justizrat Plonsker eröffnete die Sitzung mit einem warmempsundenen Nachruf. auf das jüngst verstorbene, bewährte Mitglied des Vereins, Dr. Gustav Karpeles, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Verein gelingen möge, die von Dr. Karpeles erstrebte Fortentwicklung im Judentum mit zu verwirklichen, da hierin die Pietätvollste Ehrung für den Verstorbenen liege. Alsdann sprach Herr» Landgerichtsrat Löwe zum einzigen Gegenstand der Tagesordnung: „Ueber den Gesetzentwurf betreffend die Verfassung der jüdischen Gemeinden Preußens." Der Redner ging in seinem Vortrage von der Tatsache aus, daß sich unter dem ^Gesetze vom 23. Juli 1847 zwei Notstände für die Juden herausgebildet haben; der eine beruht auf der Abwanderung der Juden aus den kleineren und mittleren Gemeinden in die großen, der zweite, den der Gesetzgeber wahrscheinlich gewollt hat, ist der Mangel einer autoritativen Zentralbehörde der Juden, deren Bestehen z. B. gerade in jüngster Zeit anläßlich der Beratung des Volksschulunterhaltungsgesetzes von größter Wichtigkeit gewesen wäre. Deshalb war es ein naheliegender Gedanke, eine Organisation zu schaffen, welche es ermöglicht, von dem lleberflusse, in welchem die großen Gemeinden leben, einen Teil für den Notstand der kleineren Gemeinden zu verwenden, und eine Stelle zu schaffen, welche die Interessen der Judenheit wahrzunehmen hat. In überaus klarer und anschaulicher Weise bespricht dann der