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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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, Ch. Thortt, 26. Septembers Mit dem Schlüsse des gegenwärtigen Schulsemesters tritt Herr Professor Dr. I. Horowitz in den Ruhestand, nachdem er 35 Jahre als Oberlehrer um hiesigen Königlichen Gymnasium segensreich gewirkt hat. Mit ungewöhnlicher Begabung des Geistes ausgestattet, auf ^dern Gebiete der jüdischen Theologie ' reich erfahren, trat er in seiner außeramtlichen Wirksamkeit mannhaft und unerschrocken für seine hohen Ideale und setzte seine ganze Kraft für den Schutz' und die Förderung unserer Glaubensgemeinschaft ein. Er gehörte eine lange Reihe von Jahren dem Repräsentantenkollegium der hiesigen Shnagogengemeinde an. und im letzten Dezennium hatte er seinen Sitz im Vorstande desselben. — Seit der Begründung des hiesigen Literatur- und Kulturvereins war er als Vorsitzender des Vorstandes unausgesetzt bemüht, für Israels höchstes Gut mit seltener Begeisterung zu kämpfen und andere zu gleichen Zielen anzuseuern. — Seine in philosophischem Geiste gehaltenen Literaturvorträge wirkten aus das stets zahlreich vertretene Auditorium wie zündende Prophetenworte und werden in dauernder Erinnerung bleiben. Der Vorstand der hiesigen Shnagogengemeinde wie der des Literatur- und Frauenvereins, dessen Vorsitzende Frau Professor Horowitz war, ließen es sich nicht nehmen, dem Scheidenden ihre Anerkennung für die vielfachen' Verdienste auszudrücken. Herr D. Wolfs als erster Vorsteher der Shnagogengemeinde sowie Herr Adolf Jacob als Vertreter des Repräsentanten-Kollegiums statteten ihren Dank ab für die nicht zu unterschätzenden Dienste, die Herr Professor Horowitz der Gemeinde erwiesen hat. Herr-Rabbiner Dr. Rosenberg sprach im Namen des Literaturvereins, daß hauptsächlich durch das rastlose Bemühen des Herrn Professor Horowitz. der Verein eine gedeihliche Entwicklung erreicht hat. Zum Schluß dankte Frau D. Wolff als Vorsteherin des hiesigen Frauenvereins der Frau Professor für die Opferfreudigkeit, die ste bei allen Veranlassungen gern und willig zeigte. Von Vertretern der Gemeinde und Vereinen wurden prachtvoll ausgestattete Adressen überreicht, und die aus ihrem Wirkungskreise Scheidenden wurden zu Ehrenvorsitzenden resp. Ehrenmitgliedern ernannt. — Mögen sie in Berlin, wo sie ihren künftigen Aufenthalt haben werden, die Zeit der Ruhe in körperlicher und geistiger Frische noch recht lange genießen. Holland. Amsterdam, 19. September. Es hat nicht viel gefehlt, daß es im Lager von Harscamp (Gelderland) aus religiösen Gründen zu einer Meuterei gekommen wäre. Unter den daselbst zu militärischen Uebungen eingezogenen Truppen befanden sich etwa 350 Juden, fast .durchweg aus Amsterdam. Gewöhnlich wird den israelitischen Soldaten für Neujahr und Versöhnungstag ein Urlaub gewährt, Nach dessen Ablauf sie wieder in das Lager zurückzukehren Habens Diese Erlaubnis wurde aber diesmal verweigert, weil einige Tage vorher in Amsterdam ein Fall asiatischer Cholera mit tödlichem Ausgang festgestellt worden war, und die Stadt offiziell als verseucht erklärt wurde. Darob herrschte unter den jüdischen Soldaten große Unzufriedenheit, sie verlangten vom Regimentskommandeur „großen Urlaub", d. h. sie sollten nach Amsterdam gehen können, ohne wieder in das Lager zurückkehren zu müssen. Dies wurde abgeschlagen, und auf ein an den Kriegsminister gerichtetes Telegramm folgte derselbe Bescheid. , Da es bedenklich gärte, wandte sich der Regimentskommandeur an einen jüdischen, im Lager anwesenden Militärarzt, der dann auch J an die Unzufriedenen eine Ansprache hielt, worin er seinen Glaubensgenossen die Notwendigkeit der Urlaubsverweigerung darzulegen suchte. Dies half, und die Gemüter beruhigten sich, als bekannt geworden war, daß der Oberrabbiner von Gelderland, an den sich der Oberst gewendet hatte, bereits die nötigem rituellen Gegenstände aus Arnhem abgeschickt hätte. So konnten denn die jüdischen Soldaten in der während der Uebungen im Lager errichteten jüdischen Kantine in der vorgeschriebenen Weise das Neujahr feiern. Gesterretch-Nnssrn. *»* Wien, 23. September. Das starke Anwachsen der tschechischen Bevölkerung in der vor 30 Jahren noch reindeutschen Kaiserstadt an der blauen Donau Hab in. manchen deutschen Kreisen diesseits und jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle eine gewisse nationale Nervosität hervorgerufen. Nun bilden diese eingewanderten Böhmen, die.zumeist als Arbeiter oder kleine Beamte in den kommunalen und staatlichen Betriebenangestellt, sind,, einen nicht geringen Prozentsatz^ .der christlich-sozialen Wählerschaft, auf die die herrschende Partei im Rat- Hause eine gewisse Rücksicht nehmen muß. Anderseits hat das schon seit der letzten Parlamentskrise offenkundige Liebäugeln der Führer der christlich-sozialen Partei im Reichsrate mit Polen und Tschechen in den deutsch-nationalen Kreisen Oesterreichs stark.verschnupft. Diese Mißstimmung hat bis weit in die Reihen der Wiener Christlichsozialen Eingängen gefunden, so daß sich Herr Dr. Lueger, das kommunale Oberhaupt von Wien, kürzlich veranlaßt sah, ein Machtwort zu sprechen, indem er seine aufsässigen Parteigenossen zornig anfuhr: ,Loßt mir meine Böhm' in Ruah." Dieses etwas unvorsichtige Diktum hat insbesondere in reichsdeutschen antisemitischen Kreisen, die sonst dem zweifellos hervorragendsten Manne der österreichischen Christlich-sozialen eine geradezu schwärmerische Verehrung entgegenbringen, viel böses Blut gemacht. Nur die Rücksicht auf die schwere Erkrankung Dr. Luegers hält die deutsch-nationale Presse offensichtlich von einer gereizten Polemik noch zurück. Frankreich. Z. Paris, 15. September. Das israelitische Wohltätigkeitskomitee feiert im kommenden Monat November den 100. Jahrestag seiner Gründung^ Da bei uns Juden die Wohltätigkeit von jeher eine religiöse Forderung ist, soll dieser Tag durch einen Dankgottesdienst würdig begangen werden. Zugleich wäre es wünschenswert, wenn diese so segensreich wirkende Vereinigung das zweite Jahrhundert ihres Bestehens mit der Gründung eines größeren Arbeitslokales beginnen könnte. Hierzu bedarf es natürlich der Hälfte opferwilliger Glaubensgenossen, die bei der ziemlich günstigen wirtschaftlichen Lage der Juden in Frankreich wohl vorauszusetzen ist. Wie günstig die französische Regierung den Juden gesinnt ist, geht daraus hervor, daß außer vielen Ernennungen von Glaubensgenossen zu Rittern der Ehrenlegion Herr Millaud, der bisher Senator im Rhone-Departement war, zum Vorsitzenden einer vom Handelsminister gegründeten Kommission ernannt worden ist und den ehrenvollen Auftrag erhalten hat, sich über die Lage der Weberei in Lyon zu unterrichten und sie zu fördern. Die jüdische Gemeinde in Bordeaux ist durch den Tod ihres Sekretärs Jfaac Urh von einem schweren Verluste betroffen worden. Der Verblichene sah auf eine langjährige pädagogische Laufbahn zurück und hat seinerzeit auch in Metz als Lehrer gewirkt. Unter verschiedenen von ihm publizierten Schriften verdient eine Sammlung, die Juden in, der Zeit von 1850 bis 1903 betreffender Gesetze, Verordnungen, Erlasse und Rundschreiben, weiter Beachtung. Vvn Ash und fttn. — Anläßlich der Silberhochzeit des Justizrat Timendorfer ist von seinen Kollegen im Vorstand des Vereins für Arbeitsnachweis ein Timendorfer Fonds im Betrage von 1000 Mark zur Unterstützung, stellungsloser Akademiker begründet worden. Hoffentlich wird dieser Fonds bald die erwünschte Höhe erreichen, um seiner edlen Aufgabe in vollem Maße gerecht werden zu können. — Die Alliance Israelite Universelle hat, wie uns deren Deutsches Bureau mitteilt, für die in Krementschug von einem fürchterlichen Brand heimgesuchten Israeliten 5000 Francs, ferner 5000 Francs , für die Schulspeiseanstalten in Rumänien angewiesen. - Sigmund La Uten bürg, der frühere Direktor des Berliner Residenztheaters, ist vom Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha zum Geheimen Jntendanzrat ernannt worden. — Kämmers ä n g e r Alexander Heinemann wurde soeben unter glänzenden Bedingungen von der Konzertdirektion Adolph Nagel (Arthur Bernstein), Hannover, für eine Tournee durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Kanada verpflichtet. Die Tournee wird in der Saison 1910/11 stattfinden. — Der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, die in wenigen Jahren über 800 000 Bücher an Volks- und Schülerbibliotheken in unbemittelten Gemeinden verteilt hat, sind gute Bücher zur Ergänzung und Vermehrung ihrer Bibliotheken und zur Verteilung an strebsame Schüler und Lehrlinge sehr willkommen. In Berlin läßt sie die ihr überwiesenen Bücher durch Boten abholen.— Bei dieser Gelegenheit erinnern wir an die jüdische Lesehalle, die ähnliche Tendenzen verfolgt. und einzig und allein auf die Unterstützung unserer Glaubensgenossen angewiesen ist. — Am 20., 21. und 22. September fand in der staatlich anerkannten Krankenpflege schule .

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