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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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Gespenster des Ruins, des Verfalls und dort die begehrlichfunkelnden Blicke des Mannes neben ihr. In dieser grauenvollen Not des Herzens fing sie an, die Situation zu begreifen.^ Sie, also sie sollte das Opfer sein?. In ihrer Hand lag es, diesen Mann in einen ergebenden Freund oder in einen unerbittlichen Feind zu verwandeln? — — — Sie sollte nicht lange im ungewissen über diese Fragen sein; denn jetzt jede Rücksicht und weitere Verstellung außer acht lassend, brach er in leidenschaftlichster Erregung aus^ „Sagt es Ihnen Ihr Herz — Dein Herz nicht, daß ich Dich liebe? In Worten und Blicken habe ich es Dir ja verraten. Gestrebt und geschmachtet habe ich nach Dir, seit ich Dich kenne. Deine Zurückweisung, Deine Kälte, Dein Stolz, Deine Tugend, ja zuletzt Deine Tugend vermochten nicht, die Leidenschaft in mir zu ertöten, die Dich begehrt. Dich mit allen diesen wundersamen Eigenschaften. Dich, Agathe, Angebetete, Dich!" Wie ein lang zurückgestallter Strom unaufhaltsam über die geborstenen Dämme flutet, so brachen sich jetzt seine sündigen Wünsche Bahn und rissen alles mit fort, was Klugheit, Form, Kaltblütigkeit und schlaue Berechnung vor seiner Begehrlichkeit aufgerichtet hatten. Er sah nur sie, er dachte nur an sie, und wie er den ihm gebotenen Vorteil ausnützen müsse, um sie zu gewinnen. „Bringe Licht und Wärme in mein kaltes, ödes Dasein, beglücke mein Herz, das in einer lißbeleeren Ehe sich nach Freiheit und Bewegung sehnt. .." Sein Atem flog und umfächelte fast ihr Antlitz, denn immer näher kam er ihrer Gestalt, die wie in halber Bewußtlosigkeit und Betäubung an die Lehne des Diwans zurückgesunken war. Er hielt einen Augenblick erschöpft inne, oder auch, um ihr Zeit zu gönnen, seine Worte zu erfassen. Sie hatte die Augen geschlossen, als wolle sie diese Vorstellungen damit ihren Blicken entziehen, als könne sie sich aus diese Weise seinem . Anstürmen erwehren. Er betrachtete sie bewundernden Blickes, dann fuhr er fort: „Drängt denn nicht alles nur aus einen Pfad? Unsere, gemeinsamen, künstlerischen Neigungen, unsere Lebensanschauungen und der äußere Zwang unserer Lebensverhältnisse? Ich, der Gatte einer engherzigen, kalten, lieblosen Frau, Du die Gattin eines pedantischen, kleinbürgerlichen, phantasielosen Mannes..." Sie war emporgesprungen uyd stierte ihn an aus weitgeöffneten Augen... Sie versuchte zu sprechen^.. aber kein Laut kam über ihre, in Angst und Entsetzen verblichenen Lippen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt!... Sekunden vergingen. Ihr Auge bannte ihn, und plötzlich kam es über sie wie in wiedergewonnener Ruhe und Kraft. Hoch auf richtete sich die stolze Gestalt und mit gebieterischer Bewegung wies sie ihn von sich, als er im Begriff stand, auf sie zuzustürzen; dann endlich rang es sich mit verächtlicher Stimme von ihrer beladenen Seele: „Elender!" und mit erhobenem Haupte, ohne ihn eines weiteren Wortes zu würdigen, schritt sie an ihm vorüber, der Tür des vorderen Zimmers zu, schob den Riegel derselben mit fester Hand zurück und war verschwunden, ehe er noch recht zum Bewußtsein der Situation gekommen war. Als er sich einige Minuten später, der ganzen Schmach und Lächerlichkeit seiner Lage bewußt wurde, lachte er in wildem Grimme auf, ballte die Hand und ries: „Das sollst Du mir büßen, hochmütiges Weib!" Die Unterredung, die Grosser und Steinsels zwei Stunden später hatten, nahm einen sehr merkwürdigen Verlauf. Niemand hätte der ruhigen'Haltung, der eisigen Miene des Mannes angesehen, der kühl und geschäftsmäßig in die Verhandlung ' eintrat, daß er kürz vorher die Rolle des Verführers gespielt. Nichts verriet, daß er bemüht, einen Mann um sein Höchstes zu betrügen, daß er ein Weib zu betören, die Grundpfeiler von Recht und Ordnung zu erschüttern versucht und Hand an das Heiligtum der. Familie zu legen gewagt hatte ... Wie er jetzt dasaß, war er ein Biedermann vom Scheitel bis zur Sohle, bereit einen anderen — diesen anderen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch Steinfels war äußerlich ruhig, obwohl er voll Empörung über Grossers geschäftliches Verfahren war. Eine kühle Begrüßung war erfolgt, dann hatte Grosser sich mit den großen Geschäftsbüchern und Auszügen, die sich aus seinem Schreibtisch befanden, zu schaffen gemacht; endlich sagte er: „Die Ausstellungen ergeben einen Verlust von 54 000 Mark auf Ihr Konto . .." Er reichte bei diesen Worten das Kontokorrent Steinfels hinüber . .. dieser warf einen prüfenden Blick auf dasselbe-. „Die Zahlenreihen sind außerordentlich kurz, und die Addition stinimt, 54 000 Mark, nur möchte ich mir die Anfrage erlauben, in welcher Weise mir dieselben zu Lasten zu legen sind?.. ." „Glauben Sie etwa?" fuhr der Angeredete auf, „daß ich Sie mit etwas belaste, was. Sie nicht zu tragen hätten?" „Ich werde wohl Einsicht in die Details zu erbitten haben..." „Sie werden un... Sie werden beleidigend, mein Herr!" „Die Wahrheit mag unangenehm sein, aber sie kann nicht beleidigen. ... Müller hat diese Aufstellungen jedenfalls mit größerer Kürze, als kaufmännisch üblich ist, gemacht ... ." „Er hatte in'diesen wenigen Tagen nicht die Zeit dazu, Sie werden in den Büchern selbstverständlich alles Weitere finden ... Einstweilen wollte ich Sie bitten, diesen Auszug zu unterschreiben . . ." ' „Ich unterschreibe nicht!" „Mein Herr: Wollen Sie damit Zweifel an der Korrektheit . . ." „Denken Sie davon, was Sie wollen. . ." (Fortsetzung folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. ribKI TOI# ''""O“!' «Worte der Liebe und Wahrheit." Drei Predigtzyklen für Rösch ha-schono, Kolnidre und Jom Kippur von Max Ellguther, Rabbiner in Neiße. Frankfurt a. M., I. Kauffmann, 1908. 73 S. 8 °. Aus den Worten des Verfassers sprechen ein tiefer Ernst und eine warme Begeisterung. Mit Sorge schaut er die wachsende Gleichgültigkeit gegen die Religion Israels und ein Versinken im äußerlichen Gottesdienst. Demgegenüber weist er mit eindringlichen Worten auf den ewigen Gehalt des Judentums und auf die Notwendigkeit der Verinnerlichung der Religion hin. Die Reden nehmen Bezug sowohl auf die Sorgen und Kümmernisse der einzelnen Menschen als auch auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der jüdischen Gemeinschaft, auf die Bewährung des sittlichen Gefühls im Großen wie im Kleinen. Sie sind getragen von einer innigen Liebe zum Judentum und von dem Streben nach innerer Wahrhaftigkeit. Die Sprache ist schlicht und einfach, und man merkt deutlich den innigen Kontakt des Predigers mit seiner Gemeinde. Gelegentliche Versehen beim Druck (der Predigttext S. 59 gehört Jeremia an und nicht Jesaia) beeinträchtigen den Wert des Schriftchens -nicht. vienemann. Druck und Verlag von Rudolf Molse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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