Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„O, meine verehrte Frau Steinfels, das weiß ich. Stolz und spröde wie all die Zeit her, und nichts von jenen kleinen Hoffnungsstrahlen, die mir hie und da einmal ein sonnigeres Bild erfüllter Wünsche vorzauberten. Ich denke an die Stunden vertraulichen Gedankenaustausches, in denen Sie aus meinen Worten nur ein Einziges heraushören konnten. .. ich denke an unseren gemeinsamen Aufenthalt in Whsoka, an jene holde Mondnacht und Fahrt durch den nächtlichen Wald, ich .. Sie war emporgefahren und stand erglühenden Antlitzes Vor ihm. — — , „Sie haben Recht, Herr Grosser, an all das hätte auch ich denken müssen und nicht hierher kommen dürfen; aber mich trieb die Unruhe, die Ungewißheit, die Hoffnung, daß es mir gelingen könnte, Mißverständnisse zu beseitigen, und nun. .. ich muß Sie bitten, mich sofort zu entlassen..." „Nicht so stürmisch, Frau Agathe.. . Sie haben Recht, um wichtiges zu verhandeln, erbat ich Ihren Besuch und wenn wieder einmal meine Bewunderung ..Sie machte eine abwehrende Handbewegung. „Verzeihen Sie! Ich werde ruhig sein und mich zu sammeln suchen." In der Tat schien es, als wäre die Erregung, die sich seiner bemächtigt hatte, ganz verflogen. Er suchte unter den Briefen auf seinem Schreibtisch und zog einen davon hervor, dann lud er sie ein, aufs neue ihren Platz einzunehmen.- „Es sind sehr fatale Dinge, die ich Ihnen zu sagen habe, gnädige Frau, sind Sie gefaßt genug, mich anzuhören?" „Ich höre." „Das Geschäft, das ich mit Ihrem Herrn Gemahl in Rußland unternommen habe, hatte große Verluste erlitten ... Sie wissen am besten, wie die materiellen Interessen, die uns verbanden, für mich sehr bald eine ideale Seite gewannen, wie die geschäftliche Verbindung mit Ihrem Mann für mich neben der Freundschaft zu Ihnen fast nebensächlich wurde. — Ich habe daraus kaum ein Geheimnis gemacht, oder sollten Sie es nicht gemerkt haben?" fügte er mit leisem Spott hinzu. Sie errötete und vermochte keine Antwort zu geben, so daß er fortfuhr: „Ich wünschte. Sie in derjenigen Sorglosigkeit zu sehen, die es Ihnen ermöglichte, frei und froh das Leben zu genießen, und dadurch den tieferen Inhalt von den Daseinsfreuden erkennen zu lernen . . . Ich gab deshalb Ihrem Manne die Gelegenheit, sein Glück zu versuchen, seine kaufmännische Kraft zu betätigen, zu wagen und zu gewinnen ... Er hat diese Gelegenheit schlecht ausgenutzt. Sie hingegen, meine verehrte Frau, haben sich in jenem Sinne entwickelt, den ich im Auge hatte. Was ist aus Ihnen seit jenem Tage geworden, da Sie zum erstenmal dieses Hans betraten? Geist und Körper sind seither zu reichster Entfaltung gelangt." „Ich muß Sie nochmals bitten, den ernsten Charakter dieser Unterredung zu wahren!" rief sie mit bebender Stimme. „Aber schönste Frau, nur noch ein klein wenig Geduld: Ich bin bald am Ende .. ." Er suchte wieder in den Papieren nach, „das Verlustkonto Ihres Mannes wird sich aus 54 000 Mark belaufen, die er mir schuldet, falls ich heute, wie es unter gewissen Umständen meine Absicht ist, das Geschäft auflöse . . .'. Er hatte zuletzt ganz geschäftsmäßig und ' kühl gesprochen, jetzt sah er sie mit lauerndem Mick an und wiederholte nochmals: . „Vier und fünfzig Tausend Mark?" Ihr schwindelte. Sie hatte für große Summen gar kein Verständnis. Ihr schien diese Zahl etwas so Unerhörtes, Unbegrenztes, daß es ihr den Atem benahm, und sie ihn ganz hilflos anstarrte. „Sie werden zugestehen, Frau Steinfels, daß das eine sehr respektable Summe ist; daß die Rückerstattung derselben Ihrem Manne wohl um so größere Schwierigkeiten machen würde, als er nach der Auflösung des Geschäfts ohne weitere Existenz . Ein Schauer ergriff sie. Wo wollte er nur hinaus? Sie versuchte zu sprechen: „Aber mein Mann. . doch das Wort erstarb ihr auf der Zunge, denn plötzlich sah sie Sophie Reimers vor sich, hörte ihre dumpfen, verbitterten Klagen, erinnerte sich des Jammers und des Elends, die über die vernichtete kaufmännische Existenz ihres Mannes hereinbrachen ... Und das stand ihnen bevor?! Mit einer großen Schuldenlast, ohne Erwerbsquelle, im ohnmächtigen Kampfe eine gewisse Lebenshaltung zu bewahren . . . Jede einzelne Phase der Leidensgeschichte, die Reimers berichtete, sah sie vor sich . . . und durchlebte sie im Geiste am eigenen Herde, am eigenen Leibe . . . Ihr Mann, ihre Kinder, o, das war ja noch tausendmal schlimmer, als was die anderen erlitten . . . Diese waren wenigstens allein, aber mit ihnen sollten noch andere — hilflose, unschuldige Wesen das traurige Los teilen. Es dunkelte vor ihren Blichen und sie schloß die Augen, als wollte sie die fürchterlichen Bilder nicht sehen, die an ihr vorüberzogen. Wie entgeistert saß sie da ... in ihren Ohren hallte immer nur diese Riesenzahl wieder, als wären es Milliarden, die sie erdrückten. Sie schien vergessen zu haben, wo sie sich befand, und daß noch ein anderer in ihrer Nähe sei. Dieser andere beobachtete sie mit triumphierender Miene. So stark hatte er sich die Wirkungen seiner Mitteilungen nicht gedacht. „Wenn ich nun daran dächte, einen Ausweg aus diesem Wirrsaal zu suchen, Ihrem Mann Gelegenheit zu geben, seine Verhältnisse zu ordnen, ihn vor dem Ruin zu bewahren?" Sie horchte hoch auf, und wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, streckte sie ihm die Hand entgegen, die er faßte und festhielt. „O, mein Mann, was auch geschehen ist . .stammelte sie», „ich verstehe ja von solchen Dingen nichts, aber eines weiß ich, an seiner Gewissenhaftigkeit, an seinem Eifer, an seiner Tüchtigkeit, an seinem guten Willen fehlte es nicht. Glauben Sie mir, Herr Grosser, ich habe es ja in Valentinowa miterlebt, wie er arbeitete,' wie er sich abquälte und mühte und diese enormen Schwierigkeiten. .." sie war in Eifer geraten und merkte es gar nicht, daß ein spöttisches Lächeln um Grossers Lippen zuckte,' und daß er ihre Hand noch immer festhielt, „wenn etwas passiert ist, so trägt er sicher nicht die Schuld..." Er streichelte ihre weiche Hand und küßte sie. „Wie schön Ihnen der Eifer steht, teure Frau, und wie beneidenswert derjenige, dem er gilt. Aber es handelt sich jetzt wirklich nicht um das^ was Herr Steinfels etwa in dieser Sache zu tun vermöchte, sondern um das, was Frau Steinfels zu tun gedenkt." Sie sah ihn verständnislos an — „Hören Sie mich an, schönste Frau Agathe ..." er rückte ihr vertraulich näher „vierundfünfzig Tausend Mark ist eist Posten.." Da war sie wieder, diese fürchterliche Zahl; und er schob sichimmer, dichter an sie heran, in atembeklemmende Nähe. Sie wußte nicht, wie sie diesem; entsetzlichen Drangsal aus- ] weichen sollte. ~ — Hier diese drohende Zahl, diese