Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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478 mm Je länger sich die Trennung der Gatten ausdehnte, desto größere Sehnsucht atmen ihre Briese. Am 27. März schreibt Staegemann: „Die Napoleanische Geschichte setzt das Arnsteinsche Haus besonders in Bewegung. . Sie ist ganz untröstlich und ruft wie Du aus: „Warum hat man ihn nicht gehangen!"" Um diese Zeit war der einzige Sohn, der 17 jährige August, zu den Waffen einberufen worden, was sich damals alle jungen Leute sehr wünschten, und Hedwigs Einsegnung erfolgt. Elisabeths Briefe bekunden ihre große Sorge um ersteren, und ihr Gatte, der diese teilt, hat die ernste Aufgabe, sie aus der Ferne zu trösten und zu stützen, aber auch in dieser schweren Zeit bewährte sich die Seelenstärke dieser seltenen Frau, die in der lieblichen Entfaltung der Tochter, deren Poetische und musikalische Begabung immermehr zutage trat und Bewunderung erregte, ihre Herzensfreude fand. Endlich im Juni schlug dem Gatten die lange ersehnte Stunde der Wiedervereinigung; im Juni kehrte Staegemann nach Berlin zurück. Wenige Tage später begab sich Elisabeth mit ihrer jungen Tochter nach Frankfurt a: M., da das Regiment, dem ihr Sohn angehörte, in dortiger Gegend stand, hoffend, Staegemann würde ihnen bald folgen. Eine große und frohe Bewegung erfüllte ganz Deutschland über den von Blücher erfochtenen glänzenden Sieg bei Waterloo. Erst Anfang August war Mutter und Tochter ein Wiedersehen mit dem Familienhaupt in der französischen Hauptstadt beschieden; das auch nur kaum zwei/Monate währte und durch die Anwesenheit des Sohnes noch verschönt wurde. . In den letzten Septembertagen rüstete sich Elisabeth mit ihren Kindern zur Heimreise, während Staegemann der Friedensverhandlungen wegen noch in Paris bleiben mußte. In Heidelberg begegnete Frau v. Staegemann Goethe bei-den Boißerees, dem sie ihre Kinder vorstellen konnte. Von Elberfeld aus berichtet sie am 5. Oktober ihrem Gatten:- „In Mannheim vor dem Posthause habe ich Frau v. Arnstein aus Wien gesprochen nebst einer etwas starken, ältlichen und sehr gesprächigen Dame, die sehr bekannt mit mir tat und uns mit Gewalt zum Wagen heraus komplimentierte." „Die Dame, die du mit Frau v. Arnstein gesehen", antwortet Staegemann am 14. Oktober, „war unstreitig Madame Ephraim. .Besuche doch nächstens Madame Levi. die Du ja gut kennst." Endlich am 20. November 1815 konnte Staegemann Heimreisen. Nach dem Kriege, als die Segnungen des Friedens das Vaterland wieder beglückten, wurde sein Einfluß noch größer. Die Bearbeitung der sehr verwickelten Finanzangelegenheiten'lag ganz in seinen Händen. Dann konnte er seine Tätigkeit mit Lust und Liebe auf innere Verwaltungsangelegenheiten ausdehnen, um die 1811 gelegten Keime möglichst günstig für den erneuten Staat auszubauen. In den Archiven finden sich zahllose, für Klarheit und Stil mustergültige Aktenstücke von seiner Hand. Elisabeths wärmstes Leben zeigt sichin der Liebe zu Äann und Kindern. Das ganze Wesen' dieser wunderbaren Frau wirkte auf weite Kreise durch eine besondere Krast^ die von ihr ausging, durch, ihren hohen frommen Sinn, ihr ruhiges edles Walten; schon ihre Nähe strahlte Frieden und Trost für Alt und Jung aus! Der hellste Lichtstrahl ihres Lebens war und blieb ihre Tochter Hedwig, das.Ebenbild des Vaters. Die Jahreswende 1815 bis 1816 . fand einen Kreisglücklicher Menschen im Staegemännschen Hause. — Hier schließt der erste Band der ausgezeichneten Aufzeichnungen, den wir, in begeisteter. Spannung seine Fortsetzung erwartend, mit tiefem Dankgesüht für : die Heräusgeberin, die greise Frau Geheime Legationsrat Hedwig Abecken... geb. v. Olfers, die jüngst ihren 80. Geburtstag beging, aus der Hand legen. Das Zeitgemälde großer Ereignisse wird den Politiker und Historiker nicht minder lebhaft fesseln, als die Frauenwelt! Und als ein Fraüenbnch erster Güte sei dieses ausgezeichnete Werk insbesondere der deutschen Frauenwelt, jüdischen Glaubens warm empfohlen. Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. ' XIII. Sie kannte die Einzelheiten des Zwiespaltes nicht, nur - soviel hatte ihr Gatte, der durch ein Telegramm sie von seiner ganz unerwarteten Heimkehr verständigt hatte, ihr mitgeteilt, daß das Geschäft in Rußland'einen namhaften Verlust erlitten habe, und Grosser ihn infolgedessen sofort zürückberufen hätte. Alfred war im höchsten Grade erregt und erbittert, sie merkte ihm an, daß er das nicht ruhig hinnehmen würde. Wenn auch in'ganz flüchtigen Aeußerungen, über verständig genug,' hatte er über diese unerhörten Dispositionen, über die grenzenlose Nachlässigkeit gesprochen, mit der von hier aus alle seine Anstrengungen paralysiert würden. — Es würde also Streit zwischen ihnen g^ben und wer weiß, wie weit derselbe führte? — Wenn die nach langen Kämpfen und Beschränkungen errungene Sorglosigkeit'der letzten Zeit dabei wieder verloren gehen sollte? — sie schauderte.... Sie sah auf die Kinder, die sie umspielten, sie .blickte in ihr Inneres und fand dort, daß sie sich neuen Kämpfen, neuen Sorgen nicht gewachsen fühlte --aber bei ihr lag es, das Schlimme abzuwenden. — — — Dieser Brief Grossers? War er nicht ein deutlicher Beweis, daß sein Interesse für sie unverändert geblieben und sollte es ihr nicht gelingen, vermittelnd zwischen den beiden Erzürnten einzugreifen? In bangen Zweifeln verbrachte sie einige Stunden, ehe sie den Entschluß faßte, seiner Aufforderung. Folge zu leisten, und jetzt war sie da — stand sie plötzlich dem Manne gegenüber, der so bedeutungsvoll für ihr Leben geworden war. — Grosser, der sie hatte über den Hof kommen sehen, war ihr bis an die Treppe entgegengegangen. „Gnädige Frau!" Aufs neue kam es wie tiefste Angst über sie und sie wäre am liebsten umgekehrt, aber schon hatte er sie durch das vordere Kontor, dessen Tür er hinter sich verschloß, in sein Zimmer geleitet und sie genötigt, auf dem Diwan Platz zu nehmen. Mit unverhohlener Bewunderung ließ er sein Auge auf ihrer schönen Gestalt, auf dem bleichen Antlitz ruhen und sagte endlich: „Sie werden schöner von Tag zu Tag, Frau Agathe l" - - „Herr Grosser, haben Sie meinen Besuch gewünscht, um mir düs zu sagen?" gab sie mit verlegenem, leicht gereiztem Ton zurück. „Halb und halb; nicht nur um Ihnen das,- sondern auch manches andere zu sagen, aber doch auch wie.der das; denn es gewährt mir Freude." - - „Ich schloß ans dem Ernste Ihres Briefes auf ganz' andere Dinge, sonst wäre ich gewiß Nicht gekommen. Sie können es ermessen, wie schwer es mir-wurdeunter-so eigentümlichen Verhältnissen..." - r-