Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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47f Frau von Eskeles sagte mir, daß Gentz zu ihr und ihrer Schwester gar nicht mehr käme, weil sie beide nichts Antipreußisches hätten." Am 3. Oktober heißt es: „Wenn ich nicht im. Schauspiel bin, bin ich Abends im Arnstein-oder im Eskelesschen Hause. Im ersten sind junge Frauenzimmer; die sonst in Berlin berühmte schöne Saaling, die Frau von Pereira (Tochter des Hauses), die.-junge Ephraim (Schwester der Julius, Schmidt). Die jungen Damen sind recht gescheit und recht hübsch." Und am 9. Oktober: „Ich bin einen Abend bei Friedrich Schlegel gewesen, dessen Bekanntschaft ich bei Humboldt machte. Er hat mir nicht gefallen; besser seine Frau, eine Tochter Mendelssohns, die in Katholizismus ganz berauscht, übrigens nichts weniger als hübsch ist." ...... „Dir von allen zu erzählen, die die Arnstein-Eskelesschen Häuser besuchen, ist eine wahre Unmöglichkeit. Doch will ich nach und nach Dir einiges darüber schreiben. Mit den Damen muß ich doch wohl ansangen. Frau von Arnstein ist in den Fünfzigern; eine für mich sehr interessante gescheite Frau, ungemein lebendig, aber ernsthaft und durch vielen Umgang für die Welt gebildet, weiß sie sich überall zu mäßigen; sie weiß jedem etwas Verbindliches zu sagen und scheint sehr leicht den Gehalt und das Gemüt der Leute auszufassen. Sie hat eine einzige Tochter, Frau von Pereira, die ungemein reizend gewesen sein soll, noch jetzt hübsch und von Anbetern umringt, obwohl anhaltende Kränklichkeit mehr als die Zeit (sie ist in den Zwanzigern) die Frische der Jugend verlöscht hat. . . . Madame Ephraim, die Schwester der Frau von Arnstein, sie war sonst viel bei Beymesi) und hat mir immer gefallen. Ihre Tochter ist ein gewandtes, lustiges Mädchen, die sehr gut vorliest und von mir besonders in Affektion genommen ist. Der Fräulein Saaling, die ich für eine der ersten Schönheiten halte, weil sie Dir gleicht, tut dies keinen Abbruch," Am 14. Oktober berichtet er nach einem großen diplomatischen Diner beim Staatskanzler Fürsten Hardenberg: „Abends war großes Konzert und kleiner Ball bei Arnstein"; und am 21. bemerkt er: „Frau von Pereira und Fräulein Saaling haben sehr viele kleine Gedichte von Körner, der auch ein Kind vom Hause gewesen". Am 24. Oktober schreibt Elisabeth an ihren Gatten: „Wie sehr angenehm ist es mir, daß Du in dem Arnsteinschen Hause nicht allein eine Zuflucht gegen die Langeweile, sondern auch einen Umgang, der für Kopf und Herz gleich interessant ist, gefunden. Zuweilen möchte mich die Lust anwandeln, in einem so geistreichen Zirkel zu sein." Und am 31. schreibt er: „Um 8 Uhr Abends fuhr ich gestern zu Arnsteins, wohin zu unser aller Verwunderung der Kardinal Consälvi und der Huntius kamen. Sie unterhielten sich mit den Damen sehr artig einige Stunden lang... Ich vermute doch, daß sie das Haus für getauft halten." Am 16. berichtet Staegemann: „Gestern dinierte ich bei Frau von Eskeles. Abends war der Herzog von Acerenza da. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, aber glänzend. Der Prinz von Mecklenburg-Strelitz, Stuart, der junge hübsche österreichische General Bianchi u. a. m. Bei allen diesen Zerstreuungen habe ich nichts im Herzen, als die Sehnsucht nach Hause. Man merkt es mir oft in Gesellschaft an. Frau von Pereira sagte vor einigen Tagen, es wäre ihr wehmütig gewesen, mich zu sehen. Es wird ja nun die längste Zeit gedauert haben!" Diese Hoffnung sollte sich jedoch nicht erfüllen. Hierauf hatte ihm Elisabeth geantwortet: „Es ist sehr teilnehmend von Frau von Pereira, daß sie Deine Stimmung und Dein h Preußischer Minister. Heimweh beachtet. Sonst haben die schönen Frauen in einem glänzenden Zirkel meist auf ganz andere Dinge zu merken. Von dieser sagte mir aber neulich Prinzessin Hatzseldt auch, 6aß sie voller Verstand und die Liebenswürdigkeit selbst sei. i Sie scheint alle Damen zu kennen, die Du mir genannt hast." Zwischen Preußen und Oesterreich war eine entschiedene Spannung eingetreten. Staegemann schreibt hierüber schon am 17. November: „Unsere hiesige Lage in gesellschaftlicher J Hinsicht wird sehr peinlich. Denn wenn auch die Damen im... Arnsteinschen Hause gut preußisch gesinnt bleiben, zumal da i die meisten hier nur Gastrollen spielen, so sind doch die j Männer enragierte Oesterreicher." Z „Auf unsere Damen wirkt diese Mißstimmung sehr," fährt 'I er hierüber am 23.-fort. „Man sagt oft, die Juden hätten kein Unterland. Aber Frau von Eskeles bekommt Krämpfel wenn gegen Preußen gesprochen wird, und Frau von Arnstein J sagt den Leuten Grobheiten und ist außer sich. Sie kompromittiert einen durch ihren ungestümen Patriotismus, sagt Humboldt." V; Das neue Jahr) das Staegemann im Arnsteinschen t Hause „bei schönem Punsch" angetreten hatte, ließ seine : tiefe Verstimmung über den politischen Hader nur wachsen;; Deutschland hatte vieles gelernt, nur das Eine nicht, daß , Einigkeit stark macht. Seine Gattin wurde mit ) der jungen heranblühenden Tochter Hedwig immer mehr in das Berliner Gesellschastsleben der höchsten Kreise gezogen, und ihre Briefe treten nun auch mehr in den Vordergrund. Die Mitteilungen des Freiherrn v. Staegemann sind zur :: Charakteristik der Frau v. Arnstein, die in der politisch * bewegten Zeit die erlesensten Geister, Männer, die zu den | Trägern der Geschicke Europas wurden, bedeutende Frauen aller. Nationen, durch Geist und Güte, Anmut und Würde j zu fesseln wußte, ein ungemein wertvoller Beitrag.;; Wir müssen es uns versagen, den Freihern v. Staegemann in seinem unentwegt regen Verkehr mit den Familien ) Arnstein und Eskeles ferner so eingehend zu begleiten, wie : bisher. Am 12. Januar 1815 schreibt er: j „Gestern Abend war ich bei Arnsteins, wo ich auch soupierte. Die Ephraim ließ ihre Blitze leuchten und ein- V schlagen. Frau v. Arnstein war besonders gnädig gegen mich, weil ich eine sehr günstige Resolution für die jüdischen . Gemeinden in Hamburg, Lübeck und Bremen ausgearbeitet habe. Es hat davon schon etwas in den Zeitungen gestanden." 1 Und am 2. März schreibt Elisabeth an ihren Gatten: „Frau v. Frohberg*) werde ich ausnehmen, wie es die Arnsteinsche - Familie um Dich verdient. Das heißt sehr gut und freundi lich. Vielleicht wirst Du ein künftiger Mitgenosse ihrer 1 hiesigen gelehrten Thorazirkel. Das gönne ich Dir in vollem \ Ernst, da Du so viel Gutes dort zurücklassen mußt." Immer feindlicher gestalteten sich die Verhandlungen des Kongresses und dies warf trübe Schatten auf den Festesjubel. Da plötzlich erschien Napoleon wieder am Horizont, zur rechten Zeit, um die streitenden Parteien in Deutschland zur Einig- 'keit zu zwingen gegen die äußere Gefahr. Durch die Schreckenskunde von Napoleons Rückkehr aus . Elba wurde - diese glänzende Versammlung aufgerüttelt; hierdurch sollte in der. Folge der gordische Knoten, der sich in Wien gebildet Hatte, günstig für Preußen, also auch für Deutschland gelöst werden.; i) Regina Frohberg, bekannte Romanschriftstellerin. Schwester von Marianne Saaling. )