Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' Wer, der noch warm für die große Vergangenheit seiner Glaubensbrüder empfindet, hätte nicht Lust, die alte interessante Stadt kennen zu lernen und wohl ihre Menschen auch, unter denen ein Graetz lebte und lehrte, von - dem auf seinem Grabstein zu lesen steht: „Die Liebe zu seinem Volke führte seinen unsterblichen Griffel." - * Aus vergÄngknen Tagen. Von Regina Neißer. oethe hat einmal den Ausspruch getan: „Man wird nicht müde Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen, denn man lebt mit Lebendigen". Immer mehr ist auch in den letzten Jahrzehnten die Vorliebe für biographische Lektüre, Memoirenwerke und Briefsammlungen gewachsen.; Vor mir liegt ein ganz wundervolles Buch.*) Wenn wir das Leben und Wirken bedeutender Persönlichkeiten, Männer und Frauen gleichermaßen betrachten, so drängt sich uns un? willkürlich die Frage aus, welche Eigenschaften des Geistes und Gemütes sie von ihren Eltern und Vorfahren ererbt, welche Eindrücke und Erfahrungen sie in ihrem Elternhause empfangen und gesammelt haben. So auch bei der Frau, deren Andenken das vor mir liegende Buch geweiht ist, die fast ein Jahrhundert über dieser Erde schritt, und als sie heimging, von den Bester: und Edelsten der Nation tief betrauert wurde. Julius Shoden? berg hat ihr in Verehrung und Freundschaft nahe gestanden, mit ihm Hermann Grimm, Erich Schmidt und Ernst v. Wildenbruch, welch letztere drei ihr ergreifende Nachrufe gewidmet haben. Doch nicht von Frau v. Olfers, deren Kindbeit/ und Jugend nur dieser erste Teil des Buches umfaßt, sollen diese Zeilen reden, sondern von ihrem trefflichen Elternpaare. Es würde zu weit führen, hier eine vollständige Charakteristik des Freiherrn Friedrich August v. Staegemann und seiner Gemahlin Elisabeth zu geben. Ebenso würde es den Rahmen dieser kleinen Skizze überschreiten, diesen als wichtigen Staatsmann oder als Dichter heroischer Kriegslieder näher zu würdigen. Seine Pflichttreue, Arbeitskraft und Geschäfts- ' tüchtigkeit hatten ihm von Königsberg, wo die Gatten ihre ersten glücklichen Ehejahre verlebten, durch den Minister Freiherrn von und zum Stein einen Ruf als Geheimer Oberfinanzrät und Hauptbankkomissarius an die Bank in Berlin eingetragen. Kurze Zeit darauf, 1806, begann der Krieg, der Jahre der Not und des Elends in sich schließen sollte, wie keiner sie vorher geahnt. Bei den vielfachen Trennungen, die den Gatten in den schweren Kriegsjahren auferlegt waren, schrieben sie einander fast täglich. Dieser Briefwechsel, dem sich dann der zwischen Wilhelm und Karoline v. Humboldt würdig und ebenbürtig anreiht, bildet den Hauptinhalt des ersten Bandes. Selten hat eine Kulturepoche wohl auf einmal eine Fülle so hochbedeutender Frauen gezeitigt, wie Deutschland um die Wende des Jahrhunderts, erfüllt von heißer Vaterlandsliebe und tief religiösem Empfinden, von umfassender Geistesbildung und geläutertem Verständnis für Kunst und Wissenschaft. Eine warme Begeisterungs- und Opserfähigkeit verklärt sie, und es liegt ein Hauch frühen Heldentums über ihnen. Mächtige'Faktoren griffen damals in das Leben der Nation: Deutschlands tiefste Erniedrigung und seine Befreiung von dem Joch Napoleons — Mendelssohn weilte zwär nicht y Hedwig v. Olfers geb. v. Staegemann, 1799 bis 1891, „Ein Lebenslaust. Erster Band. „Elternhaus und Jugend", 1799 bis 1815. Mit zwei Bildnissen. Berlin 1908, E. S. Mittler & Sohn. König!. Hosbuchhandlung. mehr unter den Lebenden, aber sein „Phädon" war Gemeingut der Nation geworden, die Predigten Schleiermachers, die Reden Fichtes, Hegel, Lessing, Herder, Roußeau's Naturevangelium; Goethes und Schillers gewaltige Persönlichkeiten standen inmitten dieser Generation, sie fanden mächtigen Widerhall in den regen Geistern und prägten der intulektuellen Physiognomie ihrer Zeit den Stempel auf. Nie war der Anteil der Frau an dem politischen und künstlerischen Leben ein so großer gewesen wie damals,, nie war die Frau so zu ihrer höchsten Würde erhoben, nie aber hat auch das Weib so glänzend alle ihm gestellten Forderungen erfüllt. Im Weimarer Kreise erblühte unter der Berührung mit Goethe und Schiller ein auserlesener Kranz von Frauen — Frauen, die sich durch feinste Liebenswürdigkeit, weiblichen Reiz und tiefe Bildung, oft auch durch ein Gemisch von Schwärmerei und kindlicher Natürlichkeit auszeichneten. Elisabeth v. Staegemann gehörte dieser großen Gruppe von Frauen an, wie nicht minder eine Anzahl deutscher Frauen jüdischen Glaubens, Dorothea Mendelssohn-Schlegel, Henriette Herz und Nahet Levin *) und das durch die 'Gunst des Schicksals, treu dem angestammten Glauben, aus der preußischen Residenz an hervorragenden Platz in die österreichische Metropole ververpflanzte Schwesternpaar Fanny von Arnstein und Cäcilie von Eskeles. Neben dem Dreigestirn fürstlicher Frauen, Königin Luise, Prinzessin Marianne von Preußen und Fürstin Luise Radzivitt, haben diese Frauen in den traurigen Jahren nach dem unglücklichen Frieden von Tilsit an der Vorbereitung der Wiedergeburt des Vaterlandes lebhaften Anteil gehabt. Wir können weder das Familienleben noch die politische Wirksamkeit des Frei Herrn v. Staegemann in den Jahren 1807—1814 schildern; als die rechte Hand Steins und Hardenbergs hat er dem Vaterlande unschätzbare Dienste geleistet. Im September 1814 mußte er zum Kongreß nach Wien reisen. Aus dem tagebuchartigen Briefwechsel der Gatten in der Wiener Kongreßzeit folgen nun Auszüge, die den langsamen Gang der politischen Verhandlungen, wie die Kreise, in denen sich Staegemann dienstlich und freundschaftlich bewegte, schildern. Obgleich er durch Hardenberg vielfach zu politischen Arbeiten herangezogen wurde, lag seine Haupttätigkeit doch in den Finanzen; so war es denn natürlich, daß er meist mit der Finanzwelt verkehrte. Die Häuser der Bankiers Arnstein und Eskeles sind genügend bekannt. Dort fanden sich alle Berühmtheiten zusammen, und Staegemann wurde schnell die freundschaftlichste Ausnahme, ja man begrüßte ihn dort nicht selten als „Kind des Hauses", und schalt, wenn er nicht täglich mindestens einmal erschien. In diesem Kreise, reich an Schönheit und Geist, eroberte sich der ebenso geistvolle als liebenswürdige Staegemann leicht einen Platz und empfand selbst eine Art Heimatsgefühl. Elisabeths Briefe lassen Staegemann teilnehmen an dem heimatlichen Leben mit den Kindern. Am 20. September 1814 schreibt Staegemann: „Ich bin ein für alle mal Mittag und Abend zu Frau von-Eskeles und Frau von Arnheim eingeladen. Beide wohnten bisher auf dem Lande, seit gestern in der Stadt. Aus dem Lande habe ich bei beiden sehr gut gegessen und getrunken. Beide. sind Jtzigsche Töchter aus Berlin und Schwestern von Madame Levi und Oppenheim, also Tanten von Bartholdy^) und Julius Schmidt; beide sehr gute Frauen . . . . . . *) Erstere gehörte schon damals dem Christentume an, letztere waren erst nach, den Befreiungskriegen übergetreten. 2) Bruder von Lea Mendelssohn, der Gattin Abraham Mendelssohns.