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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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in der lieben Heimaterde. Sein Grabstein zeigt' im Relief eine Hand, die aus einem Kruge über ein Becken gießt. Vermutlich stammt der Poet aus priesterlichem Geblüt - Vielleicht aber soll das Symbol feine große Güte andeuten, die wie edler Wein so viele gelabt . Die Gewohnheit ist ein eisernes Hemd. Mit den zunehmenden Jahrhunderten hat sich Mutter Breslau'auch an ihre Adoptivkinder gewöhnt und sie endlich legitimiert. Sie hat wohl diesen Schritt kaum bereut; denn sie erhielt - Söhne, deren Ruhm in ferne Zeiten strahlen wird. Einen der größten Gelehrten, die je im Schoße des Judentums geboren würden, erkor die Stadt voll Dankbarkeit zu ihrem Ehrenbürger. ... ..Nennt man die Vesten Namen, Wird auch der seine genannt." Und doch ging er, bescheiden wie Mose, still und ohne Aufsehen seinen Weg; obwohl ihn, wo er sich auch am Arm der ihn stets sorglich geleitenden Gattin zeigte, jeder kannte, und jeder Sextaner voll Stolz den Fremden belehrte: Das ist der Professor Ferdinand Lohn — der berühmte Botaniker. Am Eingang des Südparks steht die prächtige Bronzefigur eines jungen Gärtners, der einen Baum pflanzt. „Den Manen Ferdinand Cohns". Dieses Denkmal schufen. Frauenhände — Ilse Conrad, die dem berühmten Gelehrten blutsverwandt ist. Das Haus Roßmarkt 6 war am dreizehnten .April 18.25 die Geburtsstätte des anderen großen Ferdinand, der noch heut, nach sünfundvierzig Jahren, an seinem Todestage die halbe Breslauer Schutzmannschaft aus den Beinen hält. Es bedarf schon einiger Mühe, unter dem roten Wall von Kränzen und Schleifen, mit dem all die. Schlosser und Lackierer, die Tapezierer und Monteure und so weiter alljährlich die Ruhestätte des „großen Genossen" umgeben, die Glastafel mit der herrlichen Inschrift zu entdecken, die Professor Boeck in Berlin verfaßt hat: „Hier ruht, was sterblich war von Ferdinand Lassatle." Außer seinen unsterblichen Schriften führt noch eine Stiftung in Breslau Lassalles Namen fort. Man kann nicht von Stiftungen in Breslau reden, ohne ein Genie der Wohltätigkeit zu erwähnen, das in der leider ach so winzigen Schar der Philantropen Deutschlands ohnegleichen steht. Nicht nur in Schlesien und seiner Metropole, in Posen, Preußen und weit darüber hinaus kennt man „die Fränkels". Man erzählt, die Gebrüder Fränkel — Kolonialwarenhändler en gros — hatten ihren Reichtum einem Schreibfehler zu verdanken. Statt 5000 Tonnen Talg hätte ihr Buchhalter irrtümlich 5O 0O0 Tonnen bestellt, und vermöge der Hausse, die in diesem Produkt durch die Effektuierung dieser außergewöhnlichen Bestellung eintrat, waren sie gemachte Leute. Mag nun diese Erzählung erdichtet sein oder nicht, eins ist sicher wahr, die Gebrüder Fränkel — sie waren Junggesellen und behaupteten scherzweisesie könnten keine Frau ernähren — sie haben ihre Millionen vorzüglich angewendet. Aller an Geist und. Körper Notleidenden haben diese hochherzigen Wohltäter gedacht: der Familienväter, die mit Kummer /beladen, neuen Kredit zur Fortdauer ihrer Existenz bedürfen, -der Studierenden, besonders derer der Theologie.— ist doch das Rabbinerseminar ihre ureigenste Schöpfung —, der Obdachsuchenden und Kranken, der werdenden Künstler und Handwerker. Vielleicht ist. es Jonas Fränkel in erster Reihe zu danken, daß-das Interesse der Juden für die bildenden-Künste wach wurde. / Freilich gibt es keine jüdische Kunst in Breslau- ’ wie anderswo auch nicht, da Kunst nur immer.neu irn Individuum und nie von der' Gesamtheit erzeugt und -empfunden wird; aber die Vreslauer Juden können schon mit einer kleinen aber, erlesenen Schar jüdischer Künstler aufwärten,. darunter -sehr gut klingende Namen: so - der Radierer Läboschin, die Malerin Klara Sachs, der hier gebürtige, leider nach der großen Breslauer Filiale an der Spree Ausgewanderte Emil Spiro,' der schlesische Velasquez, und der in Breslau ansässige, ausgezeichnete Tiermaler und Bildhauer Philipp Erlanger. Daß die dritte Großgemeinde ist Deutschland sich ganz. hervorragender Rabbinen und Lehrer erfreute, ist nicht zu,verwundern. Es bedarf einer berufeneren, ja einer auserwählten Feder, um so glänzende Erscheinungen der talmudischen Gelehrtenwelt, wie Abraham Geiger und Manuel Joel wären, gerecht zu würdigen. Wer erinnert sich heute noch, 'wie sehr einst die literarische Fehde der beiden hochbedeutenden und berühmten Männer in den Broschüren: „Zu Schuß und Trutz" und „Zu Schutz gegen Trutz" die Gemüter in Spannung hielt und erhitzte? Sogar einem Landesräbbiner hat Breslau einmal unterstanden.' Die Erzählung, wie Gedalja Tiktin, der Rabbiner der Synagoge zum Storch diese Würde erhielt, mutet recht patriarchalisch an — ganz gute, alte Zeit.' Das geschah, als Friedrich Wilhelm IV. bei seinem Regierungsantritt auch Breslau besuchte. ' ' Unter denen, die zur . Huldigung vor dem Monarchen zugelassen wurden, befand sich auch an der Spitze der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Gedalja Tiktin. Eine sehr illustre Versammlung stand schon im großen Saale des Ständehauses bereit; als nun der Monarch hereintrat, um Cercle zu halten, sprach Tiktin, eine stattliche, Ehrfurcht gebietende Erscheinung, bedeckten. Hauptes, laut, den Segen über den Regenten: „Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der-Welt, der von seiner Herrlichkeit mitgeteilt den Sterblichem" .Auf den König, der viel Sinn für das Pathetische. hatte, machte diese feierliche Anrede einen tiefen Eindruck.- Er ließ sich den schönen Spruch sogleich übersetzen und führte aus dem.Nebensaal, wo sie mit ihren Hofdamen, verweilte, die Königin Elisabeth herbei, auf daß auch sie des Segens teilhaftig werde. '; Bald darauf erhielt Tiktin den Titel eines Landesrabbiners. Seine Gattin Eva, die in Rom starb,, war eine große Wohltäterin der Armen: >- Die Synagoge zum Storch in der Wallstraße ist .jetzt sehr vorteilhaft restauriert worden, so daß sie nicht.mehr allzusehr von ihrer Rivalin mit Orgelklang und Chorgesang.'der „Neuen" absticht. / ' v : Die „Neue", an einem der schönsten und elegantesten Teile der Stadt gelegen, da, wo sich jetzt aus dem ehemaligen Eichbornschen Garten ein richtiges quartier de richesse erhebt, wurde 1871 von dem Baurat Oppler erbaut und zählt zu den schönsten Gotteshäusern, in denen, von deutschen Juden gebetet wird. •' ' .. Von dem alten Hause zum Storch ging die drollige Rede: „Wer in Breslau von den Juden was Rechtes-ist, hat einmal unter dem Dache-des Storches gelebt." Auch der in Breslau noch unvergessene Karp eleshat dort als junger Hörer des Fränkelschen Seminars gewohnt. Im Oktober, da der Oerbandstag der Deutschen-Juden hier beraten soll> erhoffen, die^ Breslauer recht zahlreichen Besuch.

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