Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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..'JJK1'J1»JJI lUUl.llW^I .m P? Ausgänge von einer Leibwachegebildet aus dreißig Franziskanern, begleiten. Da ihm einmal eine rasende Mutter, deren Sohn er dem Feuertode überantwortet, auf offenem Markt an die Kehle sprang, verkroch er sich zitternd hinter dem Mantel eines Ordensbruders. Nächst den Juden haßte er nichts so stark wie die Frauen. Am Sonntag Judika ließ er aus den Häusern der Breslauer alle Spiegel, Larven, Schönbärte, seidene Bänder, Hauben, Karten und Brettspiele, Putz und Schmuck .von den Bütteln herbeischaffen und den ganzen Tand vor den Augen' des um diesen Scheiterhaufen der Weltlust erstaunt herumstehenden Volkes kurzerhand verbrennen Wie mögen die hübschen Breslauerinnen, denen schon damals der Ruf nachging : daß sie im Alter freundlich und würdig, in der Jugend aber voll bestrickender Anmut seien, wie mögen sie den zelotischen Mönch insgeheim verlacht haben! Wußten sie doch bei sich, -ihre Männer und Liebhaber würden ihnen bald schönere Schleier und Spiegel wieder kaufen — zumal es trotz Kirchenbann und Psaffenfluch Putz und Schmuck geben wird, solange noch ein boldes Weib aus Erden wandelt. Er soll die Stimme einer Frau gehabt haben, weibisch einschmeichelnd, doch von großem Wohllaut.. Täglich predigte er in der Elisabethkirche gegen die Juden unter gewaltigem Zulauf des Volkes und tat .Wunder mit dem Blute aus der Nase Sankt Bernhardinus von Niena, dem zu Ehren er später von geraubtem Judengelde eine prachtvolle Kirche in Breslau errichtete. Noch heute zeigt man in der Bernhardinkirche die Capistranokapelle. . Das seltsamste Wunder, das Capistrano verrichtete, war die Umueblung des Verstandes seiner Zeitgenossen. Hätten die klugen und tapfern Breslauer sonst die albernen Lügen von geschändeten Hostien und gemästeten, in Fässern voll Nägel gewälzter Christenknaben geglaubt, die ihnen der „Mönch" im Verein mit alten Weibern und halbblöden .Bauern anftischte? Wäre sonst der Komödie mit den brennenden 'Spielbrettern und Hauben auf dem Salzringe die grauenvolle Tragödie gefolgt, in der einundvierzig brave Männer mit dem „Schema Jisroel" auf den Lippen den Feuertod für ihren Glauben starben? Es war am Sonntag Jubilate.. Die Freimannen warteten, daß der Meister der Henker ihnen das Zeichen zum Anzünden der Scheiterhaufen gebe. Da winkte Capistrano aus dem Fenster seiner Wohnung am Salzring mit dem weißen Stab ... Das Haus, wo dieses geschah, ist heute Eigentum der Breslauer jüdischen Gemeinde- Bankier Oppenheim, der Gatte der gleichfalls als sehr wohltätig bekannten Baronin Cohn-Oppenheim, hat dieses hochherzige Geschenk der Breslauer „Jüdischheit" vermacht. Erst das große Nationalunglück, der dreißigjährige Krieg, öffnete den Breslauer Konsuln die Augen, wie dringend sie der Juden als Mittler für den Handels. mit Polen bedurften. Der Magistrat ließ sich herbei, einigen als wohlhabend und sehr geschickt geltenden jüdischen Kaufleuten Wohnsitze in Breslau anzuweisen. Von da ab scheint, freilich mit einigen Rückfällen in ihre frühere Unduldsamkeit, die stolze Vratislawia sich zu ihren jüdischen Stiefkindern mütterlicher und wohlwollender geneigt zu haben. Sie erlaubte „Generalprivilegierten", Privilegierten — Tolerierten — Fixeentristen und Breslauer Schutzjuden ungehinderten Aufenthalt. Friedrich der Große, der die Juden schätzte, aber sie durchaus nicht liebte,, bestätigte 1754 den Breslauer Juden eine ordentliche Verfassung. Darin finden wir die sonderbare Bestimmung, .daß man die polnischen und russischen Inden ganz augenfällig vor ihren deutschen Glaubensgenossen bevorzugte. Sie brauchten weder den Tagesgroschen, noch den Schlafkreuzer zu zahlen und gingen jederzeit frei ein und aus. Außerordentlich hart scheint die Vorschrift, die die Breslauer Juden par. anticipation zu dem vierzig Jahre darauf so viel Aussehen erregenden Malthusianismus zwingen wollte. Sie durften nur ein Kind, sei es männlichen oder weiblichen Geschlechts verheiraten — doch werden sie Wohl Mittel- und Wege zur Umgehung dieser ganz ausbündig unsittlichen Vorschrift gesunden haben. 1790 erging eine Verordnung, die hundertsechzig Stammfamilien anerkannte, auch wurden sämtliche in Breslau ansässige Juden gehalten, sich einen deutschen Zunamen beizulegen. . Recht erfreulich liest sich die landesväterliche Ermahnung: „Es wird dem Könige zum höchsten Wohlgefallen gereichen, wenn die christlichen Handwerker freywillig Judenjungen in ihre Lehre und in der Folge in ihre Innung aufnehmen." Leider kann man den Breslauer Professionisten nicht nachrühmen, daß sie ihrem Monarchen öfter diese Freude gemacht hätten. Dieses letztere Reskript stammt von Friedrich Wilhelm dem Zweiten, auf den. die Juden sehr große Hoffnungen setzten. Aus den Tagen seines Regierungsantrittes ist uns ein Begrüßungskarmen erhalten geblieben, das dem Landesherrn bei seinem Einzuge in Breslau am 15. Oktober 1786 die jüdische Gemeinde, zur Huldigung überreichen ließ. Der Text, ein Gebet für das Königspaar mit anschließendem Gesang, ist hebräisch und deutsch auf kostbarer weißer Seide gedruckt und mit schön gestochenen Vignetten geziert, in denen mit Amoretten, Rosen, Urnen und Muscheln ein ziemlicher Aufwand getrieben wird. Die Verse sind mäßig, im Geschmack jener Zeit zusammengekünstelt, aber die äußere Ausstattung des Buches muß noch heute das Herz, eines jeden Bücherfreundes erfreuen. In blauem Sammet gebunden, dessen kräftige Farbe noch jetzt uuverblichen ist, sind die Ränder mit kunstvoller Goldstickerei umbortet, auf die kleine goldene Blättchen sehr wirkungsvoll gepreßt sind. Die Mitte ziert groß und schwungvoll der Namenszug des Herrscherpaares, über dem sich die aus Gold und Silber gestickte Krone mit dem sehr gut stilisierten Kreuz erhebt. Auf der Kehrseite des Einbandes sieht man . einen Adler auf weißer Seide gestickt, der in seinen Fängen einen Kranz und ein Schwert hält. Er blickt zu einer Inschrift auf: Non soli cedet, die wieder in Goldstickerei äusgeführt ist, mit den gleichen zierlichen Blättchen, die auch hier den Rand des Sammets umborten. Das Breslauer Gemeindearchiv verdankt die Rückgabe dieses kostbaren Buches der Anhänglichkeit des Kommerzienrates Wilhelm Ledermann an seine Vaterstadt, für die er es aus einer'Auktion aus dem Nachlaß des königlichen Kammerdieners Engel erstand.. „Habeat sua fata libelli.“ Unter der Regierung Friedrich Wilhelms des Zweiten — demselben Fürsten, dem als einzige Stadt seiner Monarchie Breslau in dem Park von Scheitnig ein Denkmal setzte — lebte in Breslau ein Mann, der durch seinen Reichtum wie durch seine Dichtkunst die. Zeitgenossen geblendet und entzückt hatte. Mendelssohn und Lesfing nannten sich seine Freunde, und er bereiste halb Europa, überall mit den besten Köpfen der Zeit im Austausch geistiger Güter begriffen. Da er aber, noch königlicher wie Lear, jedem, der ihm seine Not klagte, reich und voll gab, und außerdem kein Buch ansehen konnte, ohne der Lust nachzugeben, es für sich zu erwerben, so geriet Ephraim Moses Kuh in Elend und Not, und die Finsternis des Wahnsinns leitete ihn hinüber in die ewige Nacht. Aus dem alten Friedhof in der' Claassenstraße ruht der Dichter y,„r,V^