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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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Lreslsu und leine Juden. Von Clemens Berg, Breslau. aum eine andere deutsche Stadt weiß eine so unendliche Fülle von Ereignissen aus dem Leben der. Inden im Mittelalter und der Neuzeit zu berichten, als die alte Wratislawia, das große Tor des Ostens, durch das alles hereindrängte, was im-Lichte Germaniens. Wurzel fassen und gedeihen wollte. So sind die ersten Inden schon vor Einbruch der Mongolen in Schlesien, dem Rufe der Herzöge folgend, nach Breslau gekommen und haben sich dem Schutz der großen Mutter von Schlesien unterstellt. Aber, wie andere arge Stiefmütter auch, hatte sie kein reines Gewissen ihren jüdischen Kindern gegenüber. Wer einmal die Geschichte der Juden von . Breslau uns geben wird, wird in den bezüglichen Akten jede Seite mit Blut geschrieben finden — düstere Bilder von Grauen und Mord werden das Buch illustrieren, und aus? seinen alten Seiten wird ein widerlich-brenzlicher Geruch aufsteigen — der Dust von armen, verbrannten Menschenleibern. Gleich eines der ältesten Dokumente aus der Vergangenheit der Breslauer Judenschaft ist der Grabstein eines Märtyrers: „Rabbi Simon ben Isaak, der im Jahre 1345 für seinen Glauben gestorben." Der bekannte Breslauer Gelehrte Dr. M. Brann entdeckte das wertvolle Denkmal vor der katholischen Kirche in Deutsch- Lissa. Dank dem freundlichen Entgegenkommen des geistlichen Rates Jungnitz, gelangte es in den Besitz der Breslauer Gemeinde, die ihm auf ihrem neuen Friedhof in Kofel einen Ehrenplatz anwies. Uralte Grabsteine mit hebräischen Inschriften wurden an vielen Stellen in Breslau unter den Fundamenten der Mauern gesunden, bei Gelegenheit von Neubauten am Naschmarkt, bei Nachgrabungen im Schweidlicher Keller und noch anderen Orten, und das hatte seinen bittertraurigen Grund. Von unseren Glaubensgenossen, die heute in Frieden und Ruhe am Sabbat auf der Promenade lustwandelnd sich ergehen, ahnen wohl die Wenigsten, daß ihren Urvätern hier um 1345 ein neues Pithom und Raamses äuferlegt war. König Johann von Böhmen, der dem mächtigen Breslauer Rat vierzehnhundert Mark schuldete und der, in ewiger Klemme steckend, weder Lust noch Vermögen genug hatte, diese Summe zu bezahlen, ließ das Geld gewaltsam von den Juden eintreiben — ja, um sie noch stärker zu demütigen, zwang er sie, zur Ausbesserung der Stadtmauern die Grabsteine ihres nahen Friedhofes (etwa das Gebiet, auf dem heute die Haasesche Villa am Ohlauer Stadtgraben sich erhebt) selbst herbeizutragen. Soweit es den Herren Konsuln nach Einsicht und Gutbefinden nützlich dünkte. Wer sich weigerte, wurde gleich am Platze niedergemacht. Zwar gestattete der Nachfolger Johanns — der menschenfreundliche Karl IV. — 1347 seinen jüdischen Untertanen, Häuser zu kaufen und zu erbauen; die seit altersher viel von Juden bewohnte Karlsstraße und der rn der Neuzeit sehr vorteilhaft gelichtete Karlsplatz tragen noch heute den Namen des den Juden sehr gnädigen Fürsten; auch befahl er, ihre Forderungen und Beschwerden rechtmäßig zu prüfen, und ließ einige überführte Mörder von jüdischen Männern ins Gefängnis werfen. Aber in dieser Milde des großmütigen Herrschers sonnte sich die durch Verfolgungen und fürchterliche Quälereien niedergedrückte Judenschaft nur eine kurze Spanne Zeit. Schon im Januar nächsten Jahres breitete das grauenhafteste Ungeheuer, das je die Sümpfe Indiens mit den glühenden Winden zur Vernichtung der Menschheit erzeugt, über däs Abendland seine giftigen Schwingen — der schwarze Tod rnahte'.Millionen von Menschen hinweg, die nicht nur durch die Ansteckung und Ausdünstung, nein, schon durch den Anblick der Kranken starben. Und wie überall in Europa, wurde auch in Breslau die Schuld au dem entsetzlichen Unglück den Juden aufgebürdet. Mäßig durch die Strenge ihrer Speisegesetze in der Abgeschlossenheit des Ghetto keusch lebend, und von Natur dem Trunk abhold, widerstanden sie stärker der Pest; das genügte ihren Feinden, um ihnen durch Marter und Folter das Geständnis zu erpressen, daß sie die- Bruntten vergiftet und Teuselssämen '— woher die Kinder Israels dieses absonderliche Produkt gewonnen, wird nicht erzählt — in die Luft gestreut hätten. Ohne Urteil und Recht, durch Scheiterhaufen, Rad und Strick ward „die Jüdischheit" von Henkershand abgetan. Einem wohllöblichen Breslauer Magistrat, der den Reicheren unter den Angeschuldigten ganz ansehnliche Summen entlehnt hatte, mordete das aufgehetzte Volk sehr gelegen, und die Stadt erlangte das Privilegium, auf ewige Zeiten keine Juden mehr zu hegen. Auf ewige Zeiten! Hätte nur nicht der Ausfall der von den Juden erhobenen Abgaben, diese schier unerschöpfliche Einnahmequelle, die nun stockte, das liebe Stadtsäckelein gar so schlaff gemacht! Hatten die Breslauer vorher alles, was auf die fünf Bücher Moses schwor, wacker gepfählt und verbrannt, so baten sie nach wenigen Jahren schon gar bescheidentlich darum: „Juden zu Heimen und aufzunehmen" — und 1419 erhielt das Fürstentum Breslau von seiner Majestät dem Kaiser Siegismund eine regelrechte Nase: „Allwo unser Befehl an Euer Lieb den ergeht die Juden, so unsere gehorsamen Kammerknechte sein, vor Gewalt zu schützen, und sie nicht mit Unrecht umtreiben noch beschweren zu lassen." Das genierte aber Herrn Herzog Konrad, Dechant von Sankt Johannis, keineswegs, schon zwei Jahre nach der kaiserlichen Verordnung von zwei Breslauer Juden, die er um einige hundert Mark angeborgt hatte, die Quittungen einfach zu erpressen. Ein Verfahren, das der Bischof von Breslau noch übertrumpfte, indem er seinen Gläubiger, den Juden Jchel, solange ins Loch steckte, bis dieser, durch die dreijährige schwere Haft mürbe gemacht, öffentlich bekannte: keine Forderung mehr an den hochwürdigen Herrn zu haben. Das Jahr 1454 brachte den Breslauer Juden eine Heimsuchung, schlimmer als der schwarze Tod — der „Mönch" erschien in ihrer Stadt. Sie sagten: „der „Mönch" schlechtweg, wie man „der Tod" sagt, oder „der Teufel", Worte, die genugsam das Verderben kennzeichnen, das sie für den Menschen mit sich führen. Johannes de Capistrano, ein Franziskaner Bettelmönch, war eine der bizarrsten und rätselvollsten Figuren aller Zeiten. Er trug eine ganz ausbündige Frömmigkeit zur Schau —' der spätere Papst Pius H. kennzeichnet ihn:" „Capistrano verachtet den Besitz und konnte die Wollust besiegen, welch letztere Tugend einem Kastraten nicht allzu hoch anzuschlagen wäre, aber die Eitelkeit konnte er nicht überwinden." Mit dieser charakteristischen Eitelkeit offenbarten sich bei ihm die vielen Halbmännern eigenen Züge von sadistischer Grausamkeit: Er fand seine perverse Lust daran, seine Opfer sich in Todeszuckungen winden zu sehen — ja, er zeigte mit eigener, heiliger Hand den Henkern, wie sie den auf die Folterbank gespannten Angeklagten die Glieder abreißen und sie stärker martern sollten. Für . sein eigenes Leben aber war er höchst ängstlich besorgt — er führte auf allen Reisen ein Einhorn mit sich, auS. Furcht vergiftet zu werden, und ließ sich aus jedem seiner

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