Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 472 - . - ' . den christlichen Landesbewohnern, die Aufgabe dieses Kongresses wir.d es nunmehr sein durchzuführen, daß die vaterländische israelitische Konfession als religiöse Vereinigung eine ebensolche selbständige, freie und autonome Körperschaft bilden soll wie die autonomen christlichen Konfessionen." Vierzig Jahre sind verstrichen, seitdem diese einer edlen Gesinnung und liberalen Denkungsweise entspringenden Worte vor der Versammlung der gewählten Vertreter des ungarischen Judentums gesprochen worden sind, aber das hehre Ziel, das sie bezweckten, ist noch nicht erreicht. Das ungarische Judentum bildet — trotzdem ihm Anregung und Ansporn, Unterstützung und Gelegenheit von der Staatsgewalt geboten wurde — noch heute keine organisierte religiöse Körperschaft wie eine der christlichen Konfessionen. Vierzig Jahre mußten dahingehen bis wieder ein liberaler Staatsmann erschienen ist mit dem Rufe an die ungarischen Juden, sich zu sammeln und zu organisieren, das Geschick und die Verwaltung ihrer Konfession in die eigene Hände zu nehmen, den vierzigjährigen Fehler gut zu machen und aus den zersprengten schwachen, unansehnlichen Einzelteilen ein festgefügtes, geschlossenes großes Ganzes zu zimmern. Dieser Rufer zur Sammlung und Tat, dieser Staatsmann, der das Werk des Baron Eötvös fortsetzen und beenden will, ist der derzeitige ungarische Kultusminister, der von den interparlamentarischen Konferenzen her gut bekannte Graf Albert Apponhi, derselbe, der als Jesuitenschüler verschrien wird, und seit dessen Ministerschaft man das Ueberhandnehmen klerikaler und antisemitischer Strömungen in der ungarischen Kultus- und Unterrichtsverwaltung datiert. Es ist ein trauriges Blatt in der Geschichte der ungarischen Juden, auf dem die Ereignisse und Gründe verzeichnet. sind, weshalb der erste jüdische Kongreß die ihm gestellte Ausgabe nicht zu lösen vermochte, weshalb diese Aufgabe in den verflossenen 40 Jahren nicht einmal gestreift werden konnte. Auf diesem Blatte wütet der blinde Parteihaß, der rasende Fanatismus und der schonungslose Bruderkampf zwischen Neologen und Orthodoxen. Das alte Wort von Israels Einheit und Einigkeit wurde unzählige Male Lügen gestraft, die Einheit selber in Trümmer geschlagen. Der Kongreß ging an seine Arbeit, schaffte ein Organisationsstatut, aus dem alle religiösen Fragen ausgeschaltet waren, das sich also nur auf die Regelung der Gemeinden, ihrer Administration-und ihrer Institutionen bezog. Der König sanktionierte das Statut (1869). Es fehlte nur noch die Anerkennung des Reichstages und seine Jnartikulierung als Gesetz, und das ungarische Judentum wäre eine einheitliche autonome religiöse Körperschaft geworden. Da entstand die Opposition. Mit der Parole „die Religion ist in Gefahr" zog sie in den Kampf, gründete überall „Religionshüter"- (Lebomre hadath) Vereine, entsandte eine Menge Petitionen an den Reichstag, der sich die Erledigung dieser Frage für eine spätere Zeit vorbehielt (1871). Aus den „Religionshüter- Vereinen" entstanden die orthodoxen Gemeinden, deren besonderes Organisationsstatut auf Befürwortung des damaligen Kultusministers Theodor Pauler ebenfalls vom König sanktioniert wurde (1871). Statt eines Ganzen entstanden also jetzt zwei Torso, zwei Organisationen, eine auf dem Kongreßstatut, die andere aus dem Orthodoxenstatut fußende, und damit nicht die Meinung aufkäme, als ob die Zweiteilung genüge, gab es Gemeinden, die keiner Organisation — sie war doch nicht gesetzlichinartikuliert — angehörten, sich „Status guo" oder „sephardische" nannnten. Von einem' autonomen Judentume gleich irgend einer christlichen Kirche war keine Rede mehr. Die an der Spitze der beiden Organisationen stehenden „Landeskanzlei" und „Durchsührungskommission" waren keine legalen Vertretungen, keine anerkannten Zentralorgane, eher Verlegenheitskommisfionen, die sich im Laufe der Jahre als beratende und vermittelnde Organe entwickelt haben. Während aber die Landeskanzlei immer die Einheit des Judentumes betonte, die einheitlicheOrganisation und Selbstverwaltung forderte, innerhalb derer eine jede religiöse Richtung bestehen, gedeihen und sich entwickeln sollte, trat die Durchsührungskommission mit noch größerer Energie für die bestehende, gesonderte Organisation der Orthodoxen ein, ja oft kämpfte sie um eine gesetzliche Zweiteilung des Judentums. Dieses beschämende Schauspiel mehrjähriger Fehde iw Memoranden, Eingaben, Bittgängen und Deputationen im Kultusministerium fand sein würdiges Pendant im kleinen in den Streitigkeiten sowohl einzelner Gemeinden, wie ihrer Mitglieder im Komitat, beim Gericht oder vor dem Stuhlrichter. Ueberall wurde das Judentum von seinen eigenen Bekennern herabgewürdigt, in den Koth.gezerrt, und überall wurden die kleinsten und größten Komitatsherren als höchste Autoritäten angerufen, um in rituellen und Gemeindeangelegenheiten zu entscheiden, ein Recht, das man vormals nur den „Geonim" zuerkannte. Dem ungarischen Judentum bietet sich wieder die Gelegenheit dieser beschämenden Situation ein Ende zu machen, in einer Zeit, da die Verhältnisse nicht so günstig sind wie in den Jahren 1868 bis 1871, da jetzt der Liberalismus in der Politik überall zum „abgespielten Klavier" geworden ist, und das Beiwort „liberal" nur Lächeln hervorzaubert. Die liberalen Parteien der 70er bis 80er Jahre sind verschwunden, auch in Ungarn, wo sie am längsten geherrscht haben. In einem früheren Berichte habe ich in diesem Blatte („Ungarische Zustände" Nr. 8, 1908) schon darauf hingewiesen, wie der Antisemitismus in Ungarn sein Haupt erhebt, im Parlament, in der Presse und im sozialen Leben weitere Kreise um sich zieht. Diese trübe Schilderung war keine Schwarzseherei. Ihre Richtigkeit könnte leicht mit vielen neuen Momenten erläutert werden. Es genügt jedoch eins, der unlängst abgehaltene Katholikentag. Es war eine Heerschau der klerikalen Macht, und ein beredtes Zeugnis für die organisatorische Fähigkeit der Führer, denen es gelungen war. in wenigen Jahren die Mitgliederzahl des katholischen Volksvereins von 10 000 auf über 100 000 zu erhöhen. Schon auf dem vorjährigen Katholikentag proklamierte ein Führer, derzeit Vizepräsident des ungarischen Reichstages, den Katholizismus der Tat. Gegen wen soll sich wohl diese Tat richten? Immerhin beeilten sich die Protestanten das Echo zu geben mit der Parole Protestantismus der Tat. Heuer wurde von allen Rednern, Laien und Geistlichen, gegen die Juden gewettert, von den einen maßvoll, von den anderen mit demagogischen haßspeienden Worten. Alle volkswirtschaftlichen und sozialen Uebel wurden den Juden aufs Kerbholz geschrieben, alle Schäden auf ihr Konto gesetzt. Wie in den finsteren Zeiten des Mittelalters sind sie die größten Volksfeinde, darum gilt es, sie zu bekämpfen im politischen und im sozialen Leben. In solch trüben Zeiten ist der Entschluß und Aufruf des Grafen Apponhi eine wahre Feuergarbe des Lichtes, die hineinleuchtet in die Intentionen der ungarischen Negierung. diegleich ihren Vorgängern nicht gewillt ist das Recht der ungarischen Judenschast zu kürzen, vielmehr geneigt, die innere Kräftigung der jüdischen Konfession zu fördern. Ein anerkennenswertes, verdienstvolles, des höchsten Lobes würdiges Streben. Es sei hier zur Charakteristik der Negierung auch die Erhöhung der Subvention an die israelitische Konfession von 60 000 auf 90 000 Kronen erwähnt. a&saa ——