Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 Leute, die sich christlich nennen, daraus Waffen gegen -ie Juden schmieden wollen. Man weiß ja, wieviel Schlimmes man in Nom den ersten Christen nachsagte und wie sehr man sie. wegen ihres Glaubens verfolgte. Uebrigens erzählte Tacitus auch von den alten Germanen nicht lauter Gutes. Wenn er z. B.'ihre sinnlose Trunksucht und ihr leidenschaftliches Würfelspiel schildert, das so weit ging, daß sie ihre eigenen Frauen im Spiele verloren, so ist das wahrlich nichts Rühmliches. Es ist eben der Fluch der Torheit, daß sie oft das Gegenteil von dem beweist, was sie beweisen will. Die „Pädagogische Zeitung", das Hauptorgan des Deutschen Lehrervereins bringt in Nr. 36 einen bemerkenswerten Artikel über Klerikalismus und Schule, der auch die Aufmerksamkeit jüdischer Kreise verdient: „Für die Taktik im Emanzipationskampfe der Schule dürfte das Beispiel Belgiens und Hollands recht beherzigenswerte Winke geben. Dort ist die neutrale Schule seit langem eingeführt, und jetzt, nach jahrzehntelangen erbitterten Kämpfen kein Fortschritt, sondern steter Rückgang. Diese Tatsache legt den Gedanken nahe, daß man mit der Einführung des neutralen Unterrichts vielleicht zu früh begonnen hat, in einer Zeit, die für diese Idee noch nicht reif war. Wenn auf irgendeinem Gebiet Reformen nur ganz allmählich nach langer gründlicher Vorbereitung vorgenommen werden dürfen, so ist es aus dem religiösen. Verfrühte Maßnahmen haben, wie die Geschichte zur Genüge lehrt, stets schwere Enttäuschungen und Mißerfolge gebracht. Die Zeit für eine neutrale Schule scheint noch nicht gekommen zu sein, Frankreich hat den Versuch gewagt, ein erbitterter Kampf ist die Folge. Bei uns würde es nicht anders sein. Solange eine Kirche für sich in Anspruch nimmt, allein den. echten Ring zu besitzen, ihre Glieder mit einem gewissen Mitleid, wenn nicht gar mit Hohn und Verachtung auf Andersgläubige herniederblicken, wird es nicht an fanatischen Eiferern fehlen, denen es eine Lust ist, Haß und Zwietracht zu säen. Der Deutsche Lehrerverein hat in seinen Versammlungen zu verschiedenen Malen als erstrebenswertes Ziel die Simultanschule bezeichnet. Das scheint praktischer zu sein und dürfte der bisherigen Entwicklung mehr entsprechen. In der Simultanschule sollen die Kinder der verschiedenen Konfessionen nebeneinander-fitzen, damit sie sich kennen und schätzen lernen. Dabei darf sich aber auch der Staat, der über den konfessionellen Parteien steht, das Beaufsichtigungsrecht über den Religionsunterricht nicht nehmen lassen, um nötigenfalls gewissenlosen Hetzern das Handwerk legen zu können. Erst wenn der Geist der Duldsamkeit alle Menschen bis ins innerste Mark durchdringt, dann dürfte die Zeit für die neutrale Schule gekommen sein, dann kann der konfessionelle Religionsunterrichtaus dem Lehrplan der Volksschule ausgeschieden und seine Erteilung den einzelnen Religionsgemeinschaften überlassen werden." Wie wir in der vorigen Nummer mitgeteilt haben, hat die Verhandlung im Herzensteiu-Prozeß am 22. d. M. begonnen. Der mutige Führer des. schwarzen Hunderts ist zum Termin nicht erschienen. Während der Verhandlung aber ereigneten sich, wie aus Khmmenepää in Finnland gemeldet wird, stürmische Vorfälle. Als Anwälte des Präsidenten des Verbandes des russischen Volkes Dubrowin meldeten sich der Advokat Vulazel und das Mitglied der Duma Samyslowski. Das Gericht ließ sie jedoch nicht zu, da Dubrowin persönlich zitiert war und eine Vertretung nicht zulässig ist. Vulazel geriet hierauf mit dem Vorsitzenden des Gerichts in einen Wortwechsel und ließ sich zu heftigen Ausdrücken hinreißen. Als er infolgedessen durch die Polizei aus dem Saal geführt werden sollte, griff er mit dem Ruf, man dürfe einen russischen Edelmann nicht anrühren, zum Revolver. Er wurde jedoch entwaffnet und hinaüsgeführt. Der finnische Staatsanwalt erklärte, er werde ihn für den Unfug zur Rechenschaft ziehen. Alsdann wurde die Anklage gegen Dubrowin verlesen. Zwei Tage darauf aber ist die Verhandlung vor dem finnischen Gericht auf den 22. Oktober vertagt worden. In Piato go rsk im Kaukasus fanden kürzlich Beratungen von Aerzten und Delegierten verschiedener politischer Gruppen statt, um geeignete Mittel und Wege zur Hebung der kaukasischen Kur- und Badeorte ausfindig zu machen. Diese Gelegenheit benutzte der Piatogorsker Rabbiner, um an den Vorsitzenden der Konferenz ein Memorandum zu richten, in welchem er folgendes ausführte: „Wenn heute ein Jude einen kaukasischen Kurort aufsuchen will, muß er von einem Arzt ein ausführliches Zeugnis über die Art seiner Krankheit besitzen, deren Beschaffung ihm viel Mühe und Geld.kostet. Länger als zwei Monate darf er im Kurorte überhaupt nicht bleiben, obgleich seine Heilung längere Zeit beanspruchen würde. Die Beschränkungen sind jetzt so streng geworden, daß selbst den im Kaukasus lebenden Juden der Kuraufenthalt in einem anderen Orte Kaukasiens verwehrt ist. Aus allen diesen Gründen sind die Juden gezwungen, ins Ausland zu gehen und russisches Geld in fremde Bäder zu tragen. Und das alles geschieht trotz der Tatsache, daß die kaukasischen Bäder zum großen Teile von Juden errichtet und durch Juden gefördert und entwickelt wurden. Unter den ersten russischen Truppen, welche den Kaukasus einnahmen, befanden sich zahlreiche Juden. Viele von ihnen sind auf dem Schlachtfelde gefallen, indem sie die Ortsbewohner vor den wilden kaukasischen Stämmen schützten. Die ersten Gebäude in den kaukasischen Kurorten sind durch jüdische Soldaten erbaut worden. In ganz Kankasien gibt es keinen Ort, wo sich nicht Spuren jüdischer Arbeit und jüdischen Kapitals finden würden. Und jetzt ist es den Kindern dieser jüdischen Pioniere verwehrt, in denjenigen Orten zu wohnen, .welche von ihren Eltern geschaffen wurden." Der Rabbiner drückt schließlich die Hoffnung aus, daß die Konferenz, die sich mit der Lage der kaukasischen Bäder beschäftigt, auch der Juden gedenken werde. Das Memorandum des Rabbiners wurde den Protokollakten der Konferenz beigeschlossen und dem Handelsminister unterbreitet. * Aus Konstantinopel wird gemeldet: Der neue amerikanische Botschafter Mr. Oscar S. Straus ist mit seiner Gemahlin soeben in der türkischen Hauptstadt eingetroffen und von der gesamten Konstantinopeler Presse sympathisch begrüßt worden. Mr. Oscar S. Straus ist hier kein unbekannter Mann, vertritt er doch die Vereinigten Staaten in der Türkei schon zum dritten Male. Einmal war er Gesandter Mac Kinleys, einmal Gesandter Roosevelts, jetzt kam er als Botschafter Tafts. Herr Straus ist von Geburt Bayer. Aber als er noch Knabe war, übersiedelten seine Eltern nach New Jork, und sie kamen dort rapid vorwärts. Auch die anderen Söhne machten alle Karriere.' Einer, Isidor Straus, wurde Kongreßmitglied; ein anderer, Nathan, ist Chef des berühmten Hauses Mach. Oscar S. Straus brachte es unter Roosevelt bis zum Handelsminister, wandte sich dann der diplomatischen Laufbahn zü und ist jetzt der erste jüdische Botschafter der Vereinigten Staaten. E Organisation und Selbstverwaltung in Angarn und Kroatien. Von Professor Dr. G. Schwarz-Agram. I. nt 14. Dezember v. I. waren es vierzig Jahre, daß der damalige Kultusminister Ungarns, Baron Josef Eötvös, den jüdischen Kongreß eröffnet hat, in dem sich zum erstenmale die gewählten Vertreter der ungarischen Bürger) israelitischer Religion versammelt hatten, um als eine freie und selbständige religiöse Vereinigung ihre kirchlichen Angelegenheiten selber zu organisieren und zu ordnen. „DerGesetzesä artikel XVII. 1867" - sagte der Minister - „hat die israelitischen Landesbewohner in bezug auf Ausübung der politischen und bürgerlichen Rechte zu gleichberechtigten Bürgern gemacht mit