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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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Sabbate fyatien drei Jahre des jüdischen Kalenders. Im Palästina hat sich bekanntlich der dreijährige Zyklus bis mindestens in das achte oder neunte Jahrhundert erhalten. , Außerhalb Pal hat fiü): aus-unbekannten Gründen der?'Brauch eingebürgert, die Thora im Laufe erines Jahres ^zu. Ende zu: lesen/'und - indiesem einjährigen Zyklus begann man nicht, was eigentlich richtiger gewesen wäre',' mit dem Sabbat nach dem ersten Tischri, sondern mit dem, der ans den Schluß des Festes folgt.- Am letzten Sukkoth-Tag,. Simchat- Thora, wird bekanntlich der letzte und gleich auch der erste Abschnitt aus der Thora verlesen. . - - Das erschien unseren Vorfahren als ein bedeutsames Er- .ejgnis, das sich. Jahr für Jahr wiederholt' und um dessent-!willen das Sukkoth-FesL von großer Bedeutung ist. Galt das Wochenfest als das Fest der Offenbarung, so sind die SUkkot- ' Tage dem Gedanken des Studiums der heiligen Lehre und ihrer Betätigung gewidmet. Nur so konnte sich dieses Fest im Laufe der Jahrtausende behaupten, weil unser Stamm immer mehr zu der Ueberzeugung gelangte, daß die Thora sein eigentliches Lebenselement ist. Geschichtliche Ereignisse, .mögen sie noch so wichtig sein, können im Laufe der Jahrtausende bedeutungslos werden; die späteren Geschlechter haben für sie .kein Verständnis, und die Erinnerung an sie künstlich auffrischen zu wollen, ist für gewöhnlich vergebliches Mühen. Hingegen sind religiöse Wahrheiten, wie wir sie auffassen, unvergänglich; sie-können jede Generation erwärmen und begeistern. Vielleicht zieht man daraus die nötige und nützliche Lehre. In unseren Tagen wird häufig darüber geklagt, daß unsere Feste, deren Bedeutung für das Judentum niemand in Abrede stellen kann, nicht mehr die rechte Weihe haben. Es ist die Gefahr vorhanden, daß sie sich im Laufe der Zeit völlig verlieren. Was ist dagegen zu tun? Das Judentum darf nicht antiquiriert werden; an das Alte wohl änknüpfend, darf es nicht beim Alten stehenbleiben. Wir sehen, daß gerade jene jüdischen Feste, deren Bedeutung für uns mehr individuell ist, sich nicht nur erhalten haben, sondern auch mehr Beachtung finden als die andern. Wir müssen eben damit rechnen, daß unsere Geschichte auf mehr als drei Jahrtausende zurückblickt. Abgesehn nun davon, daß das Interesse für alte geschichtliche Vorgänge sich im Laufe der Zeit abschwächen muß, ist auch zu beachten, daß unsere Anschauungen über jene Ereignisse eine Wandlung erfahren. Zu dem Geschichtlichen, das wir keineswegs aufgeben wollen, soll auch nun das rein Religiöse kommen. Es geht zweifellos ein starker religiöser Zug durch unsere Zeit, ein religiöser Zug, der nicht nach Formen sucht, sondern nach einem liefen, innigen Inhalt. Es wäre sehr zu bedauern, wenn wir Juden den Zug der Zeit nicht verstehen wollten, denn solche Strömungen, wie sie beispielsweise vor etwa hundert Jahren zu beobachten waren, können leicht zum Abfall, zu- Massenflucht aus unserm Lager führen. Und anderseits ist gerade das Judentum, weil es dogmatisch nicht gebunden ist, entwicklungsfähig. Wohl kann unsere Religion von der starren Hülle des Zeremonials das ausgeben, was auf ihr drückend lastet und die Verinnerlichung des religiösen Lebens hindert. Damit wird dem Judentum kein Abbruch getan, sondern es wird im Gegenteil dadurch neu gekrästigt. Die verschiedenen Wandlungen, welche das Sukkoth-Fest durchs die Jahrtausende durchgemacht hat, um sich dabei zu behaupten, befestigt ebenfalls unsere Ueberzeugung, daß das Grundwesen' des Judentums seine ewige Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit ist. 'Diese Entwicklung ungehindert sich vollziehen zu lassen und mit Verständnis fördern — das ist die. Aufgabe unserer Zeit. Dir Woche. Berlin, 27. September. % Unsere Antisemiten, die sichauf die. Reklame ausgezeichnet ~ verstehen, treiben mit historischen Namen und nationalen Erinnerungen einen' Kultus und' führen in. jüngster Zeit immer neue Feste ein. Ueberall veranstalten sie unter hochtrabenden romantischen Namen „Volksfeste", um für ihre Parteizwecke zuagitieren und ihre leeren Kaffen zu füllen. Jetzt haben sie auch die Feier der Arminschlacht in Schwung gebracht. Nun wäre gegen die Feier der gewaltigen Schlacht i.m Teutoburger Wald in einer Zeit, wo das Feiern zur Manie geworden ist, nichts einzuwenden, wenn die antisemitischen Epigonen Armins nicht so erbärmlich klein und des großen Ahnen unwürdig waren. Auch sie führen große Schlachten mit — der Feder, sind Helden im Schmähen und Verleumden und statt das Volk zu großen Werken zu einigen, geht ihr Streben dahin, zu trennen, zu hetzen und Haß zu säen. Armin hat wahrlich keine Ursache, auf diese Nachkommen stolz zu sein. Interessant ist, wie unsere Antisemiten bemüht sind, auch die Arminschlacht mit den Juden in Zusammenhang zu bringen. Bei ihnen muß eben jedes historische Ereignis ein Gefühl perversen Judenhasses auslösen. In einem antisemitischen Blatte finden wir folgende Leseblüte: - „Diese Zeit des großen Völkerringens zwischen dem in ungebrochener Kraft stehenden Naturvolk der Germanen und den römischen Weltherrschern, deren siegreichen!-, allbezwingendem Vordringen hier ein Ziel gesetzt wurde, ist fürdie Geschichte unseres Volkes auch deshalb von ganz besonderer Bedeutung, weil ungefähr von jenem Zeitpunkte ab die jüdische Ueberschwemmung unseres Vaterlandes eingesetzt hat. Die Römer der Arminsschlacht standen höher in der Kultur als unsere Altvordern, als Fremdvolk mußten sie doch hinaus aus deutschen Landen,, aber vorher hatten sie der minderwertigen Judenrasse den Weg hineingebahnt. Wie die Hyäne der Spur des Löwen, so folgten Juden als Händler aller Art, namentlich aber mit Kriegsgefangenen, die sie als Sklaven weiter verkauften, den Heeren Casars und seiner Nachfolger. Schon damals waren sie den Römern zur Landplage geworden." Nitn ist es eine merkwürdige Logik, daß die Römer die Juden als Landplage betrachteten und sie dennoch in die germanischen Länder Mitnahmen. Man pflegt doch sonst ins Feindeslager nur die zuverlässigsten Elemente mitzunehmen. Es ist auch eine durch nichts bewiesene niedrige Behauptung, daß die Juden mit den römischen Sklaven Handel trieben. Sie handelten wohl mit allen Bedarfsartikeln damaliger Zeit und vermittelten den Norden mit dem Süden, was zweifellos eine kulturelle Tat bedeutete. Interessant ist aber das antisemitische Geständnis, daß die Juden bereits vor 1900 Jahren in Deutschland ansässig waren. Solche Volkselemente als „Fremde" zu bezeichnen, vermag nur die Gehirnlosigkeit. Es dürfte wenige Antisemiten geben, die von sich behaupten dürfen, daß ihre germanische Abkunft in Deutschland bis in die Römerzeit hinreicht. Bei vielen beweist schon der slawische oder romanische Name, daß ihr „Urgermauismus" nicht allzu alt ist. ~ Selbstredend gehen bei dieser Gelegenheit wieder die Antisemiten mit den Ausführungen des Tacitus über die Schlechtigkeit der Juden krebsen. Es steht aber heute wissenschaftlich fest, daß der römische Historiker die Juden gar nicht kannte, denn er erzählt von ihrem Glauben Dinge, die in direktem Widerspruch zur Bibel stehen. Die Römer haben von den von ihnen unterjochten Völkern nie zu viel Gutes verkündet und den Juden konnten sie besonders ihren Monotheismus und ihre Sittenreinheit nicht verzeihen. Es ist traurig, daß

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