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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-10-01 · Heft 40 (1.10.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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* WW 73. Jahrgang. Nr. 40, NllasrnLine Berlin, 29. September 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeltmiz erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Vhllippson. VeilgM-krpeMim: Berlin, Jerosalemsr Str. 46/49. Alle Zusendungen für Rrdaktien und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgrm. Zeitung des Judentums*, Berlin BW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Das tzüttenkelt. Berlin, 27. September. Um die Zeit, als sich das Judentum in seiner älteren religionsgeschichtlichen Entwicklung befand, suchte es die Formen und die Bedeutung der alten israelitischen Feste, die ursprünglich Naturfeste waren, umzuformeu und ihnen eine religiöse oder geschichtliche Grundlage zu. geben. Am frühesten und auch am besten ist dies hinsichtlich des Passahfestes vor sich gegangen. Schon im älteren jüdischen Schrifttum ist Passah wohl.das Fest des Frühlings, aber nicht mehr des Frühlings in der Natur, sondern in der Geschichte des jüdischen Volkes. Dieses Fest ist eingesetzt als Erinnerung an den Auszug aus Aegypten; die Spuren der alten religiösen Vorstellungen, die mit den'Vorgängen in der Natur so eng verbunden waren, erscheinen ganz verwischt. Für das Wochenfest hat die Bibel insofern eine geschichtliche Bedeutung gefunden, als sie es mit dem ihm vorangehenden Passahfest zusammenbrachte; das Wochenfest ist eigentlich nur noch der Abschluß des Passahfestes. In der späteren sopherischen Zeit setzte die Tradition mit einem neuen Gedanken ein: das Wochenfest ist das Fest der Offenbarung, an diesem Tage hat Gott dem jüdischen Volke, eigentlich der ganzen Menschheit, sein Gesetz der Sittlichkeit offenbart. Die sadduzäische Auffassung sträubte sich gegen diese Umgestaltung des Festes, gegen die Festsetzung des Tages der Offenbarung, die mit dem einfachen Wortlaut der biblischen Erzählung in Widerspruch steht. Aber die Pharisäer haben den Kampf gegen die Autorität des Buchstaben auch in diesem Falle glücklich durchgeführt und so dem Wochensest eine universelle Bedeutung verschafft. Nur hinsichtlich des Hüttenfestes ist diese Umwandlung niemals gelungen, vielleicht auch niemals ernstlich versucht worden. Im Buche Nehemia finden wir, daß die Juden um jene Zeit, um die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, das .Hüttenfest in der im Lewitikus (23, 40 bis 43) vorgeschriebenen Weise gefeiert haben; eine kleine Abweichung in der Auswahl der als Festschmuck dienenden Pflanzarten kommt nicht in Betracht. Im Lewitikus in der angeführten Stelle heißt es, daß das Sukkoth-Fest als Erinnerung an die Zeit, als Israel nach seinem Auszuge aus Aegypten in die Wüste wanderte und in Zelten wohnte, eingesetzt sei. Das ist unter allen Umständen bloß eine Aeußerlichkeit, die dem Feste.keine'/ ethische Bedeutung verleihen konnte. Das spätere religiöse Schrifttum der Juden ist auch stillschweigend darüber hinweggegangen; denn welche religiös-ethische Betrachtungen ließen sich an einen Vorgang knüpfen, der uns /gleichgültig und belanglos erscheint? Es ist psychologisch unzweifelhaft, .daß religiöse Einrichtungen, und Bräuche, sich nichtwillkürlich begründen lassen; das Volk geht auf Aeußerlichkeiten nicht ein. Man sah auch bereits in der hasmonäischen Zeit davon gänzlich ab, das Sukkoth-Fest mit den geschichtlichen Ereignissen aus alter Zeit in Verbindung zu bringen. Es bildete sich die. religiöse Vorstellung aus, an diesem Tage entscheide Gott über den Bodensegen des nächsten Jahres, ob es nämlich rechtzeitig und . genügend Regen bringen werde. Wan muß natürlich dabei an die Beschaffenheit Palästinas denken, dessen landwirtschaftliches Gedeihen vom rechtzeitigen und reichlichen Regen im Winter abhängig ist. Dieselbe Wsodua, welche den jüdischen Neujahrstag, den 1. lisodri als den Tag bezeichnete, an dem Gott die ganze Menschheit richtet und ihre Zukunft bestimmt, gibt auch an, dgß am Sukkoth-Fest wegen des Regens beschlossen wird. Dadurch erhielt dieser Feiertag einen ernsten religiösen Charakter, ähnlich dem des Neujahrfestes.. Obwohl in den biblischen Schriften auch nicht mit einem Worte davon Erwähnung geschieht, bildete sich später der Brauch aus, daß an diesem Tage im Heiligtum zu Jerusalem auf dem Altar ein Wasferopser dargebracht wurde. Das sadduzäische Priestertum lehnte sich gegen diese Neuerung auf, und der chasmonäische König Jannäi hat bekanntlich an einem Sukkoth-Tage einen Volksaufstand provoziert, als er das bereitstehende Opferwasser verächtlich zur Seite goß. Aber auch diese Bedeutung des Sukkoth-Festes konnte sich nicht lange halten, zumal in der Diaspora nach der Zerstörung des Heiligtums. Es blieb nur noch soviel davon übrig, daß in den Synagogen bis auf den heutigen Tag am Sukkoth-Feste zu Gott um Regen gebetet wird. Man kann aber nicht behaupten, daß diese Liturgie gegenwärtig einen großen Eindruck Hervorrufe. In der Diaspora hat das schöpferische religiöse Genie des jüdischen Volks eine neue Grundlage für das Sukkoth-Fest geschaffen; dieses Fest ist noch im erhöhteren Maße als das Wochenfest der Thora gewidmet. Es ist sehr lehrreich, wie dieser religiöse Gedanke sich im Judentum entwickelt hat. Der Brauch, an den Sabbat- und Feiertagen anläßlich des öffentlichen Gottesdienstes einen Abschnitt aus der Thora zu verlesen, ist sehr alt; in früheren Zeiten, bevor unsere Liturgie ausgebildet war, bildete diese Vorlesung den Mittelpunkt und den Hauptbestandteil des öffentlichen Gottesdienstes in den Synagogen, wo man eigentlich mehr das Volk in der göttlichen Lehre unterwies, als man betete. An den Sabbaten wurde die Thora in wöchentlicher Reihenfolge Abschnitt nach Abschnitt verlesen, aber so, daß erst nach drei Jahren die Verlesung der Thora zum Abschluß gelangte. Die fünf Bücher Moses waren zu diesem Zwecke, wie es die Massorah noch jetzt bezeichnet, in löo Abschnitte geteilt, denn ungefähr so viele

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