Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jahrgang Nr. 39. Der r Berlin, 24. September 1909. Detlage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" korrelpondrn?rn und Nachrichten. Deutschland. * q-* Berlin, 21. September. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat soeben seinen Mitgliedern die Nummer 74 seiner „Mitteilungen" zugestellt. Das 152 Seiten starke Heft. übertrifft an Umfang alle seine Vorgänger. Auch an Bedeutung des Inhalts , dürfte es keinem von ihnen nachstehen. Enthält es doch das stenographische Protokoll des XI. Deutsch-Israelitischen Gemeindetages, den' man mit Fug den ersten deutschen Judentag genannt hat. Der einzige zur Verhandlung stehende Gegenstand: die zweite Lesung des^ Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens, hat. nämlich aus hervorragende Vertreter aller religiösen und politischem! Richtungen innerhalb des deutschen Judentums eine so lebhafte An-zl ziehungskraft ausgeübt, daß hier zum ersten Male ein persönlicher Meinungsaustausch zwischen den sonst in getrennten Lagern stehenden Männern über einen großen Gegenstand des Judentums möglich wurde. Aus dem stenographischen Protokoll klingt es heraus, mit welch leidenschaftlichem Interesse die Hauptfrage, Opportunität eines .preußischen Gemeinde-Organisationsgesetzes im Mgemeinen, und das. Für und Wider jeder Einzelbestimmung des zur Verhandlung stehenden Organisationsentwurses erörtert wurde.. Die Fertigstellung des Entwurfes war leider seitens der Redaktionskommission so spät erfolgt, daß der Publikation die von den Gemeindeabgeordneten mit Recht zchmerzlich vermißten Motive nicht mehr beigegeben werden konnten Diesem Umstande ist der den Lesern bekannte Ausgang der Tagung zuzuschreiben. Von welchen Gesichtspunkten die gemischte Kommission ausgegangen, ist aus dem Generalreferat des geschäftsführenden Vorsitzenden und den fünf Einzelreferaten über die Hauptteile des Entwurfs hier zum erstenmal deutlich zu erkennen. Die große Versammlung selbst war viel zu lebhaft, um das reiche Material. daS vorgetragen wurde, aufzunehmeu, und das stenographische Protokoll der Debatte zeigt, wie viele, übrigens begreifliche Mißverständnisse unterlaufen sind, deren Berichtigung viel von der kostbaren Zeit in Anspruch genommen hat. Anderseits ist aber auch das von den Rednern gebotene Materialreich an Gesichtspunkten und Anregungen in Gestalt von Anträgen und wird der gemischten Kommission ein wertvolles Material für die dritte Lesung bieten. Friedlicher, aber an Ertrag vielleicht noch reicher waren die Verhandlungen des III. Deutsch-Israelitischen Verbandstages. Drei wichtige Fragen lagen den Vertretern der dem Gemeindebunde angeschlossenen Provinzialgemeindeverbänden vor. Die erste war die „Wanderbettelei", für die eine Zusammenfassung aller an dem Gegenstände interessierten Körperschaften, also neben den Provinzial- Gemeinde- und Armenverbänden auch der Hilfsverein der deutschen Juden, die Alliance Israelite Universelle und die Großlogen Bne- Brith, deren Vertreter sich mit beratender Stimme an den Verhandlungen beteiligten, geplant ist. Vesouders das einleitende Referat des Generalsekretärs Dr. Kahn bietet eine klare und umfassende Orientierung über den Stand dieser schwierigen Frage. Der Deutsch-Jsraelitische Gemeindebund hat von den Verhandlungen über Wanderbettelfrage, die zu dem Beschlüsse sührten, daß inuerhalb von sechs Monaten eine neue Verhandlung stattfinden solle, Separatabzüge anfertigen lassen, die durch das Bureau zu beziehen sind. Von praktischer Bedeutung sind auch die Verhandlungen über die beiden anderen Gegenstände: „Die Nutzbarmachung der durch das preußische Schulunterhaltungsgesetz vom 28. Juli 1906 den jüdischen Gemeinden zustehenden Ansprüche auf kommunale und staatliche Beihilfe zu den Kosten des Religionsunterrichts und „Inspektion des Religionsunterrichts." Einen unerfreulichen Kommentar zu erster Frage bietet der in derselben Nummer 74 abgedruckte Bescheid des Herrn Kultusministers auf die Petition des Gemeindebundes betreffend den Resolutionsfonds. Am Schluß des Heftes sind die beiden Preisäüsschreiben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, dasjenige der „Lehrabteilung" über die „Methodik des jüdischen Religionsunterrichts"undder„Montefiore-Stiftung"über„Prämiierung jüdischer Lehrer für Handfertigkeit und Gartenbau" abgedruckt. Die Bewerbungssrist für diese Prämen läuft am 1. Oktober d. I. aL. Die Mitteilungen 74 sind kostenfrei vom Bureau das Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes zu beziehen. — Berlin, 14. September. In gewohnter Weise ist um die religiöse Jahreswende der Jahresbericht der Alter-Versorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde zu Berlin erschienen. Die Anstalt konnte im abgelaufenen Jahre ein schönes Fest begehen. Am 11. November 1908 waren"25 Jahre seit Eröffnung der von dem Moritz Manheimerschen Ehepaare in der Schönhauser Allee erbauten zweiten Anstalt verflossen. In Anwesenheit der allseitig verehrten Stifter, ihrer Angehörigen, der Ehrenbeamten und der Hospitaliten wurde in der Anstaltssynagoge der Erinnerungstag in erhebender Weise gefeiert. Auch im vergangenen Jahre ist es durch die Hilfe der vielen Gönner und Freunde der Anstalt möglich gewesen, die Zahl der Hospitaliten zu erhöhen. Es waren am Schlüsse des Berichtsjahres 282 Personen gegen 270 um die gleiche Zeit des Jahres vorher ausgenommen.. Durch Tod und Ueberweisung an andere Anstalten sind im Lause des Jahres 24 Personen ausgeschieden, so daß insgesamt 36 Personen neu Aufnahme gefunden haben. Die Ausgaben sind wieder erheblich gestiegen; sie betrugen insgesamt 174 485 Mark. Unter den Einnahmen fällt der Rückgang der Jahresbeiträge um fast 1000 Mark auf. Soll, die Anstalt, die fast ausschließlich auf Gaben der Wohltätigkeit beruht, ihre Ausgaben voll erfüllen, so darf keine Einnahmequelle sich vermindern! Der Bericht weist darauf hin, daß durch den Erweiterungsbau in der. Exerzier' straße noch eine größere Anzahl der schönen .Stübchen leer stehen, für welche Gesuche in überreichem, Maße vorliegen,. , die aber aus Mangel an Mitteln nicht besetzt werden können. Der Vorstand wendet sich, daher an den Wohltätigkeitssinn und die Opferfreudigkeit der Gemeindemitglieder, der Alterversorgungsanstalt auch fernerhin kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen. *** Berlin, 19. September. Ein neuer Friedhof für die Berliner jüdische Gemeinde soll in Marienfelde angelegt werden. Die Verhandlungen über den Ankauf von 230 Morgen Landes zwischen dem Osdorfer und Teltower Weg waren bereits bis zum Abschluß gediehen, doch fehlte noch die Genehmigung der Ortsgemeinde. Die Marienfelder Gemeindevertretung hat nun in ihrer letzten Sitzung der Friedhofsanlage grundsätzlich zugestimmt, sie verlangt jedoch von der Käuferin eine Entschädigung von 170 000 Mark (einschließlich der Umsatzsteuer) für die jährlichen Einnahmen, die ihr dadurch entgehen, daß das Gelände dauernd der Bebauung entzogen bleibt. Berlin, 21. September. Pro fessor Alexander Strakosch. den ein jäher Tod aus der eifrigsten, hingebendsten Betätigung im Dienste seiner geliebten Kunst hinwegraffte, wurde gestern nachmittag 4 Uhr auf dem Friedhof in Weißensee zur letzten Ruhe bestattet. Das hohe Ansehen, dessen er sich erfreute, kam in der stattlichen Zahl der Abordnungen, in der Menge herrlicher Blumenspenden, im großen Trauergefolge zum Ausdruck. Die Direktionen des Hofburgtheaters und des Volkstheaters in Wien hatten besondere Deputationen mit Kränzen entsandt. Weitere Kranzspenden ließen u. a. am Sarge niederlegen, Direktor Max Reinhardt (durch seine Eltern), die Direktion, die Mitglieder und das technische Personal des Deutschen Theaters, die Schüler der Schauspiesschule dieses Theaters u. a. m. Nach dem einleitenden Quartettgesange „Verlaß mich nicht" hielt Rabbiner Dr. Weiße eine kurze würdige Gedächtnisrede. Weitere Ansprachen hielten Felix Holländer, -namens der Direktion des Deutschen Theaters, Dr. Emil Milan namens der Regisseure und Schauspieler und Dr. Paul Legband namens der Lehrer und Schüler der Schauspielschule. Alle charakterisierten den Heimgegangenen aus dem genauesten, liebevollsten Verständnis seines Wesens heraus. Alsdann