Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieser Brief war mit der ersten Post gekommen. — — : „Nun, - wenn wir die Spröde nur' erst hier haben," murmelte er vor-sich hin — „ man wird angesichts der Situation mit sich reden lasten ... es sollsich entscheiden, zu lange schon habe ich geworben — geschmachtet . . ." Er trat in die Tür des vorderen Kontors und sagte zu dem dort beschäftigten Buchhalter: „Sie können gehen,' Müller. Ich habe jetzt eine Privatunterredung, später die.' Erörterung mit-Steinfels; ich. brauche Sie heute vormittag nicht mehr, es genügt, wenn Sie nachmittag wiederkommen."- Nach diesen Worten war er, ohne eine Erwiderung des anderen abzuwarten, in sein Zimmer zurückgetreten, machte sich dort mit den Papieren und Zeitungen, die. den Schreibtisch bedeckten, zu schaffen, um seine innere Unruhe zu dämpfen, ergriff einen Handspiegel in kostbarem Elfenbeinrahmen, in dem er mit Behagen und Wohlgefallen sein Konterfei studierte. Müller hatte inzwischen das Kontor verlassen und war über den Hof nach dem V r^ ^us gegangen, doch ohne aus-demselben auf die Straße zu treten. Er blieb' vielmehr, hinter dem Treppenhals verborgen, im Vestibül stehen — —. er mußte erfahren, wer die wichtige Persönlichkeit sei, die Grosser zu einer Privatunterredung erwartete. Er brauchte nicht lange zu harren, schon nach wenigen Minuten öffnete sich die breite Flurtür und Agathe Steinfels trat ein und schritt, nachdem sie einen Moment, wie unentschlossen, innegehalten hatte, über-den Hof dem Hinterhaüse zu. ... „Ei, ei! Sieh mal an! Also mit Madame finden die Präliminarien statt. . ... Das ist stark! Da gibts am Ende doch noch 'ne Aussöhnung und Steinfels bleibt mir auf dem Halse. . . . i sieh doch mal einer .... nee, da muß man doch 'nen Riegel vorschieben. ..." Er war während dieses Selbstgesprächs .vorsichtig aus seinem Versteck getreten und stieg die mit Teppich belegte. Treppe hinan, die zur Privatwohnung Grossers führte. Dort klingelte er an und bat um die Erlaubnis, Frau Grosser zu sprechen. Diese hatte dem hinterlistigen, heuchlerischen Manne immer ein gewisses Wohlwollen gezeigt, wenn er ihr gelegentlich begegnet war, und sie entsprach auch jetzt seinem Ansuchen, ihn zu empfangen. ... „Was führt Sie.zu mir, Herr Müller?" sagte sie, indem sich ihr hartes, steifliniges Gesicht zu freundlichem Grinsen verzog, „was wünschen Sie?" . .. - ,,O,. gnädige Frau, halten Sie mich nicht.-für zudringlich, für unbescheiden . . . ich weiß nicht, wie ich es sagen soll . . . ich möchte Sie bitten . . . ich bin besorgt. wegen des Herrn Grosser . . . er hatte große Aergernisse . . . ich weiß , wirklich nicht, ob ich davon sprechen soll . . . aber meine Anhänglichkeit . . . meine Treue für das Haus . .. ich sollte . . . ich wollte . . ' „Sprechen Sie nur ungeniert, lieber Herr Müller, ich weiß. Sie sind ein treuer Diener unseres Hauses, und so ist es geradezu Ihre Pflicht ..." >,Das ist es ja eben . . . das denke ich auch . . . und dennoch, ich weiß nichts Bestimmtes zu sagen, und wenn Herr Großer etwas von diesem Schritte: erführe, er würde mir zürnen, ich könnte vielleicht um meine Stellung ... trotzdem, ich kann nicht anders, mein Herz ist mir zu beklommen . . „Er soll nichts erfahren, verlassen, Sie sich darauf. Aber nun sagen Sie. mir doch, was ist denn vorgefallen?" sagte mehr neugierig als unruhig Frau Grosser. „Das ist es ja! Ich weiß es selbst nicht genau. Nur soviel steht fest, es betrifft das Geschäft in Rußland. Herr Grosser scheint große Verluste . . . große Aergernisse zu haben. ..Vor einigen Tagen erhielt er an der Börse eine Nachricht, aus welche hin 1 er Herrn Steinfels sofort'telegraphisch ' zurückbevief. Dieser ist nun gestern angekommen. Heute mittag, sollen die > Herren eine Unterredung haben ... Herr Grosser schien mir sehr aufgeregt und jetzt'schickt er' mich fort, entläßt mich für den ganzen Tag . .; offenbar soll' die -Aussprache-nicht nur ohne Zeugen erfolgen/ sondern es soll auch niemand in der Nähe sein . . . Ich weiß nichtaber das scheint mir auffallend und beunruhigend V-. . wenn auch Herr Steinfels erregt ist... man weiß nicht, um was es sich handelt. . . ich hielt mich' verpflichtet. Sie, gnädige Frau, darauf aufmerksam zu machen . . ." er sprach mit leiser. Unsicherer -Stimme, wie jemand, der in Herzensangst eine Mitteilung macht und sich nicht recht zu tun weiß . . . „Jedenfalls danke ich Ihnen, lieber Müller, obwohl ich Ihre Befürchtungen nicht teile. Was kann es UNterGeschästsmännern so Besonderes - und Aufregendes geben? Gewinn oder Verluste ... das ist ja etwas-Alltägliches im Leben des Kaufmannes . . ." ' - „Das würde ich auch glauben, aber warum wird denn alles so geheimnisvoll gemacht? Herr Grosser schickt' mich aus dem Hause . . . Er hat vorher noch eine Privatunterredung ebenfalls ganz allein in seinem Privatkontor, in den völlig abgeschlossen liegenden Geschäftsräumen mit Frau Steinfels ..." Mit Frau Steinfels," fuhr sie empor. „Mit" ... er machte eine so klägliche, bestürzte Miene als wäre ihm ein schweres Geheimnis wider seinen besseren Willen'entfahren, „ja mit Frau Steinfels, ich traf sie soeben, als sie den Hausflur passierte, um sich nach dem Kontor zu begeben. . ." „Jetzt eben?" „Ja, soeben! Und das, gerade das, gab mir den Mut. Sie, gnädige Frau, von diesen Vorgängen zu verständigen." — „Ich danke Ihnen, Müller," sprach Frau Grosser, die sich rasch gefaßt hatte und ihre gewohnte Kälte und Würde wieder zur Schau trug, „wenn Frauen sich in Geschäftsangelegenheiten mischen, hat^s keine Gefahr. — Frau Steinfels kommt wohl als Bittstellerin zu meinem Mann, um Nachsicht für die Fehler oder Unredlichkeiten ihres Mannes zu erbitten. So was wird's wohl sein . . . also ohne Sorge! Ihnen aber werde ich die Anhänglichkeit an uns und die Beunruhigung, die Sie für uns hatten, nicht vergessen . . ." Sie war ganz die stolze, unnahbare, kühle Frau, die nicht durch das Zucken einer -Wimper verriet, wie diese Mitteilung aus sie wirkte. „Gott sei Dank, gnädige Frau, daß Sie mich beruhigen. Ich bin gewiß nur zu ängstlich gewesen. Frau Steinfels wird wohl nur Vorbeugen wollen, daß die Herren nicht zu sehr aneinander geraten. Sie ist auch wirklich eine so schöne und liebenswürdige Frau, es ist auch merkwürdig) wie sich die beiden Schwestern ähnlich sehen . . . Vorgestern, als mich Herr Grosser zu Herrn Dr. Saulmann schickte und ich auf ihn warten mußte, sah ich auf seinem Schreibtisch eine Photographie von Fräulein Friedsohn, der Schwester der Frau Steinsels . . ." Frau Grosser horchte auf. „Von Fräulein Else Friedsohn?!" „Ja, von der nämlichen. Sehr gut getroffen... Ein sehr schönes Mädchen. In dem Album, in dem ich mir erlaubte zu blättern, um mir die Zeit zu vertreiben, war sie noch mehrere Male ... immer sehr hübsch getroffen und eine große Ähnlichkeit mit der Frau Schwester. .." „Bei Doktor Saulmann, sagten Sie?" „Ja, gewiß! Ich war dort, um ihm eine Notiz über Bergwerksaktien zu bringen.. ."