Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · p. Seite 465

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228892--65880-3278030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Saulmann ins Ohr: „Heute gilt es eine große Operation mit einem Schlage zu Ende zu bringen. Ich habe für Sie 30 Mille Elisabethaktien verkauft, und zwar zu 160 bis 170." „Der Kurs ist so rapide gestiegen, was bedeutet es, daß Sie verkaufen? „Wir sehen den Kurs heute noch auf 130 sinken und dann ist Ihr Gewinn gesichert. Wir wollen noch an der Baisse einen Profit machen. Lesen Sie diese Depesche." „Was?" rief Saulmann aus. Grosser bat ihn, leise zu sprechen. „Was," flüsterte er hierauf, „das wußten Sie schon zum Beginn der Börse?" „Ich habe doch nicht nötig, meine Informationen Kreti und Pleti mitzuteilen?" „Zwei Schachte der Elisabethzeche ersoffen, Betrieb, auf 4 bis 6 Wochen unterbrochen." „Nun aber vorsichtig, ich halte mich vom Schuß frei, Sie lassen diese Nachricht nur tropfenweise durchsickern, sonst bekommt das Konsortium die ganze Börse auf den Hals." Die beiden Auguren hatten sich verstanden. „Sie sehen ja so finster drein!" rief jemand Saulmann zu -- „Gibt es eine Neuigkeit?" Von allen Seiten stürmte es auf ihn ein. „Was meinen Sie zu dem Kurse von 172Vs?" So schwirrten die Stimmen durcheinander. Saulmann bewahrte eine überlegene Ruhe. Wirklich begannen Elisabeth wieder zu steigen. - „Das geht doch zu weit, wo soll das hinaus, da man doch nicht erwarten kann, daß die Dividende dem Kurse entsprechen wird!" rief eine Stimme. „Ach was —" schrie ein anderer, der sich unter den Zuhörern befand, wer sieht heute aus Dividende, heute fragt man nur: „Ist Material genug da, 'das sich den Baissiers zu Gebote stellen wird." „Sie werden im Material noch ersaufen," rief eine Stimme, „wie die Elisabethzeche." — „Was," heulten viele Stimmen wirr durcheinander, „Sie bringen eine Grauelnachricht auf, damit Sie sich zu niedrigem Kurse decken können." „Man muß dem Börsenkommissariat Anzeige machen, daß hier jemand die Börse durch falsche Meldungen ruinieren will," brauste ein Spekulant leidenschaftlich auf. „Wozu haben wir denn das Aktiengesetz?" Der Angegriffene schaute ruhig umher und zuckte nicht mit den Wimpern. Er war von Grosser, freilich nur in der Form von Andeutungen, in den Besitz der Meldung von dem Grubenunglück gelangt und konnte daher mit, Gelassenheit die Flut von Beschimpfungen und Anklagen über' sich ergehen lassen. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!" Diese Worte hinterließen einen mächtigen Eindruck, der sich auf den verdutzten Gesichtern der Zuhörer deutlich malte. „Um Gotteswillen, Saulmann, haben Sie irgendeine Nachricht über Elisabeth?" flehte ein Spieler. „Mein Beruf gebietet mir Zurückhaltung," antwortete der B efragte, indes sein Antlitz einen feierlichen Ausdruck annahm „ich habe keine ganz sichere Nachricht. Ich habe nochmals telegraphisch bei der Direktion der Elisabethzeche ungefragt, ich fürchte aber, daß an der Sache etwas Wahres ist." Die Menge zerstob. Die Szene, die sich nunmehr abspielte, glich einem leidenschaftlichen, wilden Kämpf. Ein dichter Knäuel aufgeregter Menschen, die mit den Händen gestikulierten und ihre Lungen anstrengten, um sich gegenseitig zu überschreien. Ein Stoßen, Drängen, Schieben mit dem Ellenbogen. Jeder der Anbeter der Elisabethaktien wollte der erste sein, um diese von sich abzuwälzen. Man hörte Zahlen rufen. Von Sekunde zu Sekunde sanken die Kurse. Hastig huschte der Bleistift über das Notizbuch. Eine nervöse, bis zum äußersten irritierte Spannung lag über den Gruppen. Die Baissepartei siegte, die Hausse lag zu Boden, sie kapitulierte und gab ihre ganze Position auf. Grosser triumphierte. Das Antlitz hoch gerötet vom heißen Kampfe, aber siegreich dreinschauend, so schritt er dem Ausgang der Börse zu, als sein Buchhalter Müller ihm schweißtriefend entgegenkam. ^.Eine Depesche aus Valentinowa, Herr Grosser, eine dringende Depesche!" Grosser öffnete das Telegramm. „Der Teufel hole den Menschen," platzte er heraus, „der Teufel hole ihn! Wenn er so sortfährt, ruiniert er mich mit seinen elenden Geschäften." Müller horchte auf. Es dämmerte ein Strahl der Freude in seinen listigen Augen. Sollte das erwünschte Ende endlich gekommen sein? „Lesen Sie!" er reichte Müller die Depesche. „Die Koslow-Woronzow-Bahn wies unsere Lieferung im Betrage von 14 000 Rubel als unbrauchbar zurück. Was ist zu tun? Steinfels." „Was zu tun ist?" schrie Grosser, „diese freche Frage! Telegraphieren Sie sofort und dringend zurück: „Kommen Sie schleunigst Berlin, wahrscheinlich liquidiert. Weiteres mündlich." Müller schob in rasender Eile ab, als ob er fürchtete, daß Grosser sich diesen Schritt überlegen könnte und begab sich in den Depeschensaal. „Endlich!" murmelte er vor sich hin, „endlich ist das Eis gebrochen! Deine Zeit, Müller, ist gekommen, handle klug/' Grossers Zorn legte sich bald; was galt ihm Steinsels? Die Gelegenheit war günstig, die Katastrophe herbeizusühren die Agathe zu einer Entscheidung zwingen sollte. Entweder — oder, sonst ohne Erbarmen, er hatte lange genug geschmachtet! Sein Stern war heute im Aufgehen! Mit Behaglichkeit bestieg er seinen Wagen, der ihn vor der Börse erwartete, er lehnte sich in die weichen, seidenen Kissen zurück, um den Traum des heutigen Glückstages auszuträumen. Wozu die Qualen und Sorgen mühseliger Arbeit, wenn das Glück seine Gaben so verschwenderisch in den Schoß wirft? „Valentinowa ist ein verfehlter Posten, die Berliner Börse ein sicherer Hafen, in den mein Schifflein einlaufen kann, wenn es mir behagt," murmelte er vor sich hin, als er vor der Tür seines Hauses angelangt, leicht und freudig aus dem Wagen sprang. * Einige Tage später saß der glückliche Spekulant in seinem Privatkontor... „Sie muß jeden Augenblick hier sein ..." er nahm einen bereits geöffneten Brief von seinem Schreibtisch, entfaltete ihn nochmals und las: „Ich werde Ihrem Wunsche, Sie heute morgen um 10 Uhr in Ihrem Kontor aufzusuchen, entsprechen, in dem Vertrauen, daß das, was Sie mir zu sagen haben, die Auseinandersetzungen erleichtern wird, die Sie eine Stunde später mit meinem Gatten haben werden, der gestern abend aus Valentinowa hier angelangt ist. Erwarten Sie mich gefälligst zur festgesetzten Stunde. Mit hochachtungsvoller Begrüßung ergebenst Agathe Steinfels,"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.