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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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Kein Wort hat in den Kindertagen so mächtig gewirkt, als jene tröstende Verheißung, die - an heiliger Stätte am Vorabende des Versöhnungsfestes als Schluß der Festpredigt einer andächtigen Gemeinde wiederholt wurde: Lolaobti — Ich habe verziehen. Wenn die Vorbereitungen zu diesem ernsten Tage schon lange vorher uns in eine weihevolle Stimmung versetzten, wenn wir mit fast angehaltenem Atem andachtsvoll unser Haupt neigten, um vor dem Gottesdienste noch den Segen der Wern zu empfangen, wenn wir dann in heiliger Scheu in das Gotteshaus traten, dann löste sich erst das beklemmende Gesühb in dem Momente, da von gottbegeisterten Lippen gleich Dphärenharmonie der Ruf der Versöhnung uns entgegen? tönte.. Der Druck und die Schwere lösten sich, mit dem Frohmut des Ueberwindens nahmen wir die Lasten, die der Tag nach außen hin brachte, freudig entgegen, in froher Hoffnung des Augenblicks harrend, der uns nach vollendetem Feste wieder zusammenführen sollte. Mächtig und ergreifend tönt dieser Versöhnungsruf an jedes Herz. Doch erst, wenn wir den Ernst des Lebens kennen lernen, mitten im Kampfe stehen, verantwortlich für uns selbst und für andere, wenn wir da Haß ernten, wo wir Liebe gesäet, dort Hohn und Verachtung, wo wir Anerkennung und Dankbarkeit gesucht, wenn unser heißes Bemühen für andere fruchtlos geblieben, wenn wir mit lauterem Sinn die Wahrheit geredet, und man uns der Lüge gezeiht, wenn wir unser ganzes Herz hingegeben und es von anderen zertreten und achtlos verworfen gesehen, dann quillt ein heißes, bitteres Empfinden in uns empor. Wir verschließen unser wundes verhärtetes Herz dem Zauberruf der Vergebung. Wir können nicht verzeihen. All die Schwere des Erlittenen senkt sich mit voller Macht auf unser Denken und Empfinden und umdüstert den Horizont unserer Seele. Unser Blick zur Höhe ist verengt und dunkel. Wir tragen mit unserer Lebenslast noch eine andere mit uns, eine schwerere. Warum ist vergeben so schwer? Und Gott vergibt an jedem Tage, zu jeder Stunde. Alljährlich erklingt sein Versöhnungsruf besonders verheißend und tröstend von neuem in nie endender Güte und Milde. Wir nehmen ihn zuerst hin, wie wir das Sonnenlicht des Morgens hinnehmen, die erquickende Abendkühle und den Sternengruß zur Nacht. Wie die Naturereignisse uns als etwas Selbstverständliches erscheinen, so erscheint uns auch dieser Ausfluß göttlicher Güte selbstverständlich. Gott vergibt allen, seine Allmacht und Güte wechseln nicht in dem Irren und Wirren der Zeit. Welche Wandlungen und Phasen wir durchmachen in unserem Seelenleben, er bleibt der Anker in der uns umtosenden Lebensflut. Er verzeiht, wir bauen auf seine Liebe, aus seine Geduld. — Aber verzeihen auch wir? Tritt ein solcher Moment an uns heran, so schrecken wir vor der Größe und Schwere dieser Lebenspflicht zurück. Wir ringen unsere Seele wund, unser Stolz bäumt, unser Gerechtigkeitssinn sträubt sich. Wir machen den Versuch, wir haben den festen Willen, aber im letzten Augenblick überwältigt uns die Ohnmacht. Wir. stehen solcherr Opfern zu klein gegenüber. Gott vergibt zu jeder Zeit und Stunde. Doch in seiner Allweisheit gab er uns diesen Tag, damit wir unsere Herzen zum Verzeihen, zur Versöhnung erziehen sollen. Seine unendliche Liebe will an diesem Tage die Funken und die Flamme in unserem Herzen zünden, um uns dadurch reicher, größer und glücklicher zu machen. Wir sollen heranreifen von Jahr zu Jahr, dem hohen Ziel entgegen — zu verzeihen und zu vergessen. Unser Herz soll geläutert werden von all den bitteren und niedrigen Empfindungen, die sich in dem rauhen Kampf des Lebens einnisten, wir sollen am Abend des bedeutungsvollen Tages dem Feinde die Bruderhand reichen, und zur Einsicht kommen, daß auch wir wissentlich oder unwissentlich in unserer Kurzsichtigkeit oft auch an anderen sündigen, daß man auch uns zu verzeihen hat. Je leichter wir vergeben können, desto seltener werden wir im Leben gekränkt werden; denn unsere Anschauung über Welt und Menschen wird eine höhere, eine idealere sein. Wir werden nicht den Trost, die Freude und die Anerkennung um uns suchen, sondern in dem Aufblick nach oben, in der Liesen Verinnerlichung unseres Selbst. Die ewigen Schönheiten, die ewigen Wahrheiten, die uns der Schöpfer zu jeder Stunde offenbart, wir werden sie mit dankbarem Verständnis entgegennehmen und sie mit jedem Male neu genießen und uns ihrer erfreuen. Unser Herz wird sich weiten, und mit der göttlichen Liebe wird das göttliche Erbarmen in uns einziehen. : Wie uns in frühester Jugend milde Hände gestreichelt, treue Lippen liebkosend berührt, liebverklärte Augen unseren Schritten gefolgt, uns Glück und Sonnenschein auf unseren Weg gezaubert, unseren wilden, trotzigen Kindersinn gezähmt, so werden wir jene zu uns emporziehen, die mit niedrigen Gedanken sich uns genaht, wir werden sie mit unserer Liebe heiligen, die wie ein unerschöpflicher Quell unserem Herzen entströmt. Ob wir in schlichter Enge unseren Lebensweg gehen, ob wir dem Hochflug der edelsten und größten Geister folgen, unser Dasein wird nicht spurlos vorübergehen. Wir werden den Stempel der Gottähnlichkeit in uns tragen, wenn wir in seinem Sinne verzeihen und vergessen können. So möge der Versöhnungsruf hinaus in die Welt klingen und den Bann lösen, der sich in der Sturmflut des Lebens um unsere Herzen gelegt, daß aller Haß und alle Zwietracht schwinden, und wir gleich unserem, ewigen Vater mit voller Inbrunst und Freude, unser dankbares Empfinden züsammenfassen in das Herz und Seele erhebende und beruhigende uralte Wort: Solachti — Ich habe verziehen. * Bit Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. XU. ährend ihres Gesprächs waren sie auf das Zimmer zugeschritten, in welchem die Vertreter der Presse arbeiten- „Wir wollen hier etwas Ruhe suchen," sagte Sievers, „nach dem Sturm, der da draußen tobt." Ein hohes Zimmer, dessen breite, hohe Fenster einen Ausblick auf die Spree gewährten, nahm sie auf. Als Sievers eintrat, kamen ihm einige Kollegen freundlich entgegen und reichten ihm die Hand. Die Ereignisse am Markt draußen wurden lebhaft besprochen. „Edmund Grosser gewinnt heute mindestens seine 100 000 Mark," sagte Saulmann zu Sievers. „Das interessiert mich wenig," meinte Sievers ablehnend, verabschiedete sich von Saulmann und verließ mit dem Franzosen durch eine Tür, die direkt in das Vestibül des Gebäudes führte, das Pressezimmer. Gleichzeitig ließ sich in dem Pressezinuner der Ruf „Saulmann" hören. Es war Grosser, der eine Spalte der Tür des Zimmers öffnend, diesen anrief. Der Gerufene sprang auf und folgte ihm. Sie schritten langsam dahin. Grosser flüsterte

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