Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 463 (sequence 7)
- Language
- German
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Nach dem Lehrinhalt unserer Religion sind Menschen, schwache Staubgeborene, Jrrtümern und Sünden unterworfen. Es gibt keinen Menschen, der nur Gutes täte und niemals sündigte. 'Der sündige Mensch kann durch die Macht seines eigenen Willens sich jeweilig von seinen Jrrtümern befreien und bedarf dazu nicht der Leiden eines gottmenschlichen Sohnes, die als Sühnopfer für die ganze Menschheit dargebracht sein sollen. Das ist eben die unüberbrückbare Kluft zwischen der christlichen und jüdischen Religion.' Hier der reine Monotheismus, dort die legendarische zur Gottheit erhobene Jesusgestalt und der damit verbundene Jesuskultus, der für uns einen Rückfall in den Polytheismus bedeutet. Wir verweisen auf den Streit zwischen Arianern und Athanasianern, der darin gipfelte, ob der Sohn (Jesus) dem Vater (Gott) wesensgleich oder Wesens ähnlich sei, oder den Streit Luthers mit Zwingli in der Stellung zur Abendmahlslehre; Luther hielt am Buchstaben der Schrift fest („diesist mein Leib") und behauptete die tatsächliche Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl, Zwingli lehrte: dies bedeutet mein Leib und wollte nur von einer geistigen Speisung wissen. Wir heben dies hier ganz besonders hervor, weil unsere Glaubensgenossen vielfach in Unkenntnis ihrer eigenen und der anderen Religion nicht von der Wertschätzung ihrer Religion in bezug auf Geistes- und Gemütsbildung tief genug durchdrungen sind. Wir empfehlen dringend, ein x-beliebiges jüdisches' Religionsbuch mit dem „Kleinen Heidelberger Katechismus" — in christlichen Schulen wohl der'verbreitetste — zu vergleichen. II. Es ist in der pädagogischen Welt ein Streitpunkt, ob Religion lehrbar ist oder nicht. Einige verwerfen jegliche „Verschulung der Religion", andere betrachten Religion als ein Wissenssach. Schiller hat „aus Religion" nach dem vielzitierten Distichon sich zu keiner der bestehenden Religionen bekannt, d. h. hier, aus seinem persönlichen Empfinden heraus. Nach unserer Meinung liegt eine Verwechslung der Begriffe vor, Religion ist lehrbar, aber nicht Religiosität (Jiroh). Nur wäre die Annahme verfehlt, daß Religion erzeugt werden kann, „wie der Chemiker durch richtige Mischung der Chemikalien eine bestimmte Anilinfarbe entstehen läßt". Die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichts besteht darin, nächst der Erweckung religiös-sittlicher Gefühle die Zöglinge mit Begeisterung für die geschichtliche Entwicklung unseres Stammes, den Lehrinhalt und die Institutionen des Judentums zu erfüllen, damit sie sich als gesinnungstüchtige Menschen und Juden im Leben bewähren. Die jetzt in weiten christlichen Kreisen angestrebte Reform des Religionsunterrichts gründet sich zumeist darauf, daß die kirchliche Dogmatik mit den religiösen Ueberzeugungen vieler Familien nicht übereinstimmt, weil sie die Errungenschaften der modernen Theologie in sich ausgenommen haben. Die Gegensätze zwischen Schule und Haus sind in der jüdischen Religionsgenossenschaft nicht so klaffend. Wir sind der Ansicht, daß der Religionsunterricht durchaus aus geschichtlichen Boden gestellt werden muß, und daß die religiös gestimmte und mit rechtem Taktgefühl versehene Lehrerpersönlichkeit die Schüler nicht bloß mit den Fundamentallehren des Judentums, sonderm auch mit den symbolischen Erklärungen seiner Zeremonien vertraut machen muß, wenn diese auch nicht mehr im Elternhause geübt werden, und selbst wenn der Religionslehrer einen kritischen Standpunkt ihnen gegenüber einnimmt. Der Zwiespalt zwischen religiösem Denken und Tun darf nicht in den jugendlichen Gemütern entfacht werden. Wenn auch ein objektiver Religionsunterricht nicht denkbar ist, so darf doch der subjektive Standpunkt des Lehrers nicht aufdringlich an das Kindesgemüt heräntreten. Die religiösen Gedanken/und Empfindungen des Kindes streben nach ruhiger harmonischer Entfaltung. Wir können es nicht billigen, daß der'Lehrer von dem Lehrstoff dasjenige aüsscheidet, das den Schüler auf den Widerspruch des Lebens gegendie Lehre aufmerksam ' machen könnte. Dann ist ja der größten Willkür TÄr und Tor geöffnet, dann ist ja Wirrwarr an allen Ecken und Mden, dann kann ja der Lehrer seine subjektiv' gefärbte religiöse Auffassung als die allein richtige den Schülern einpflanzen, denn nach dem vulgären Wort hat ja jeder seinen Lebulciian aruch. Wir stimmen Dr. Kaatzi) bei, wenn er meint,' daß inbezug auf das Sittengesetz die Widersprüche zwischen Lehre und Leben noch weit häufiger sind als auf dem Gebiete des Zeremonialgesetzes. Die Gebote der Liebe, Wahrhaftigkeit, Friedfertigkeit, Versöhnlichkeit, die Verbote des Hasses, der' Rache, der Selbstsucht usw. werden nicht nur sehr oft vom den Eltern in Gegenwart der Kinder übertreten, sondern sie können überhaupt nicht restlos in die Realitäten des Lebens übersetzt werden. — Die religiöse Haltung des Elternhauses, die den Charakter des Kindes wesentlich zu beeinflussen imstande ist, kann kein konstitutives Moment Pädagogischdidaktischer Grundsätze sein, mit anderen Worten, kann die Schule nicht tangieren. Der weise Takt hilft über einen etwaigen Gegensatz hinweg, der weise Takt beider Faktoren. Hier gilt auch: Musus mm tollit iisum. Solachti. Von Ida Oppenheim. ^»^indheit — Zauberwort. Wie Frühlingsblütendust weht es zu - uns herüber, wenn wir einen Augenblick ausruhen von dem Fieber, das man Leben nennt. Die müden Augen schließen fich,- das totwunde Herz beginnt ruhiger zu schlagen, und vor unserer Seele steigen Bilder auf aus sonnenhellen'Tagen. Weiche Hände kosen unsere wirren Locken, geliebte Lippen küssen Tränen von unseren Wangen, die kaum vergossen, auch schon versiegt. Unser Ohr vernimmt liebe, länW vergeffene Worte, die sich schmeichelnd um unser Denken und Empfinden ranken, wie ein Kranz von frischen Wiesenblüten, schlicht und taufrisch, mit dem wir uns einst so oft geschmückt und dann, halb welk, achtlos wieder zu Boden geworfen. Die Hände, die uns so berührt, sind längst starr' und kalt geworden, die Lippen, die so liebevoll zu uns geredet, sind für immer geschlossen. Aber die Sprache, die siegesprochen, lebt in unseren Herzen fort, und ihr süßer Klang . legt sich wie lindernder Balsam auf unsere Lebenswunden. Stunden, Tage und Monde vergehen oft, whne daß wir in dem heißen Kampf, in dem Ringen ums Dasein Muße finden, jenen Tönen zu lauschen. Ja, wir drängen sie oft mit; aller Gewalt zurück, um sie nicht Herr über uns werden zu lasten, aber ihr leises Mahnen tönt fort und fort zu uns herüber, und dann überwältigt uns ihre Macht, wir folgen gerM ihrem lockenden Rufe. . rj Das Wesen des jüdischen Religionsunterrichts, Berlin 1904, S. 20. "