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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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- 462 Verbrauchte Wort von der Gesetzesreligion, von der Gesetzesgerechtigkeit und Aeußerlichkeit Von/Forderung und Leistung, von der Erstarrung des Gesetzes, wie es in unseren Tagen besonders Harnack in seinem vielbesprochenen Buche. „Das Wesen des Christentums" in dem bekannten Diktum zum Ausdruck gebracht hat, „daß sie (die Pharisäer-Buchstabenmenschen- Heuchler) das Volk in Banden hielten und ihm die Seele mordeten." Güdemann hat ja darauf trefflich erwidert. „Wenrr man solche Aeußerungen liest,, muß man auf die Vermutung kommen, die Lehrer des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu, seien lauter Giftmischer und Mordbrenner gewesen." Mit vollem Rechte wies der feinsinnige Psychologe Lazarus darauf hin, daß man von der ethischen Zucht, welche die Erfüllung aller jener Zeremonialgesetze auf das Volk ausgeübt hat, noch lange keine richtige Vorstellung hat. Man sieht fast immer nur die Schattenseite der Aeußerlichkeit einer solchen Gesetzesersüllung, man. sieht aber nicht die Lichtseite der Sittigung, welche über den Menschen gekommen ist, der immer den ganzen Tag hindurch, ohne egoistische Hintergedanken, unter Abwendung von dem persönlichen Eigeninteresse handelt zugunsten einer allgemeinen idealen Vorschrift?) Wie gering nun gar b.emißt der Herr Professor den Kulturwert des Judentums! Wie ganz anders urteilt da sein Kollege Cornilly: „Die Geschichte der gesamten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen, ließe: Durch seinen Prophetismus. ist Israel der Prophet der Menschheit geworden. Möchte das doch niemals übersehen und vergessen werden. Das Köstlichste und Edelste, was die Menschheit besitzt, sie verdankt es Israel und dem Prophetismus." In seinem Schlußartikel polemisiert Meinhold gegen Abraham Geiger, der „in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Geschichte des jüdischen Volkes"^) beschrieben und dem Jesus eine unbedeutende Persönlichkeit gewesen, ohne irgendeine Spur von Originalität, dagegen sei Hillet eine Erscheinung von ganz anderer Breite und Wichtigkeit und Eigenart." Es erstand damals Geiger ein Gegner in Franz Delitzsch (dessen entschiedene Stellungnahme gegen den Judenhasser Rohling wir hier übrigens dankbar gedenken wollen), der mit der Schrift „Jesus und Hillel" gegen ihn zu Felde zog und darin unter anderem — um den Tiefstand der jüdischen Religion zu illustrieren — auf das bekannte „Ei, das am Festtag gelegt ist", hinweist, d. h. Meinhold spricht davon, ob „man ein am Sabbat gelegtes Ei" essen darf oder nicht. Es ist absurd, mit dieser auch in jüdischen Kreisen als Auswuchs jüdischer Pilpulistik oder Kasuistik gekennzeichneten Frage das gesamte Judentum zu charakterisieren, und kindisch klingt die von Meinhold daran geknüpfte Bemerkung, Jesus würde sich.überhaupt mit solchen Kindereien nicht befaßt haben. Folgendes ist ihm ebenfalls ein Stein des Anstoßes und des Aergernisses: „Der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur hat in einem Sonderabdruck aus seinem Jahrbuch 1906 weite Kreise darüber zu belehren gesucht, daß das Christentum eigenstich nichts Neues brachte." Gemeint sind die in diesem Jahrbuch unter der Ueberschrist Christentum und Judentum veröffentlichten „Parallelen", die erweisen sollen, y Jahrbuch für Geschickte und Literatur, Berlin 1905 p. 84. 2) Der israelitische Prophetismus. Zweite Auflage, Straßbürg 1896 p. 177. ^Gemeint ist Geigers Schrift: Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte, die jetzt von seinem Sohne Geheimrat Geiger von neuem herausgegeben ist, Verlag Jacobsohn- Breslau 1910. daß in bezug auf: die E t h i k das Judentum das Prioritätsrecht in Anspruch nehmen darf und somit-als Vorstufe des Christett^ tums. nicht angesehen - werden kann. Und Eschekhwchew heißt es weiter, kann in seinem Schristchen „Das Judentum' im Urteil der protestantischen Theologie, -1907", im Grunde doch in dem christlichen Glauben nur-einen Rückschritt' von;dem schon klar erkannten und energisch festgehaltenen lmönvtheifiischen Glauben erkennen. „Das Erhabenste," ruft Meinhold aus, „was wir auf den Herrn zurücksühren, das „Vaterunser"/ ist nicht neu; die einzelnen. Bitten begegnen uns auch im Munde der Juden jener Zeit! Was bleibt dann noch übrig?" Darauf gibt er zur Antwort: „Nicht, was Jesus geredetsondern was er gelebt hat, ist das eigentlich. Neue. Sein. Todfeine: Auferstehung, das ist die Hauptsache. Sein. Leben -steht 'doch nur im Dienste dieses Todes. Der ohne Sünde lebte und liebte bis zum Tode, konnte allein das Gott genügende Sühneopser darbringen. Er, der Sohn Gottes,-bei dem himmlisches Vater weilend vor aller Zeit, in Jesu Fleisch geworden, hat durch seinen Tod der Welt Sünde gesühnt, durch seine Auferstehung Tod und Teufel . die-Macht genommen. Danach^ thront er zur Rechten Gottes, von dannen er kommen: wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Wer das glaubt" usw. Ja, wer das glaubt! In bezug auf den Glauben, besteht eben der wesentliche Unterschied zwischen Christen-, tum und Judentum, dort supranaturalistische Spekulationen, hier ethisch-religiöse Praxis. Ja, der Glaubeb Bekanntlich legte Luther den Hauptakzent nicht auf die Liebe, sondern den Glauben. Nächst Jesus verherrlicht Meinhold den Reformator Luther mit den Worten: „Es gab. viele Fromme zur Zeit der Reformation, aber , nur einen Luther". Das ist derselbe Luther, der von Menschenliebe, von gegenseitiger Duldung keinen Hauch per? spürte, der seine Glaubensgenossen aufforderte, die Synagogen, zu verbrennen, sie der Erde gleich zu machen und keinen Stein davon übrig zu lassen, auch ihre Häuser zu. zerstören und sie nur, etwa wie die Zigeuner in Ställen wohnen zu lassen, ihnen ferner auch ihre Gebetbücher und talmudischen Schriften zu nehmen und ihren Rabbinern bei Leib und Leben das Lehren zu verbieten, ihnen Handel und Wandel zu wehren und ihnen alle Barschaft usw. zu nehmen. Dieser gewaltige Glaubensheld forderte ja auch die Fürsten auf, gegen die rebellischen Bauern keine Geduld und Barmherzigkeit zu üben, sie vielmehr wie tolle Hunde totzuschlagen. Hier ist das Wort zutreffend, das Gunkel *) aus das Alte Testament münzt: „Immer wieder befremdet uns besonders'die maßlose Leidenschaft, die stark zur Intoleranz' und zum Fanatismus neigt und die doch die Kehrseite der Kraft des Glaubens ist". "Die Liebe führt zur Versöhnung, der fanatische Glaube zu Religionskriegen und anderen Metzeleien. Man denke nur an die Kreüzzüge, die Hussitenkriege, die Einrichtung der Inquisition, der Ketzer- und Hexengerichte, an die Hugenottenkriege, an -die Bartholomäusnacht und an die unsäglichen Leiden unserer Glaubensgenossen. Wir machen das Christentumnicht" dafür verantwortlich, denn das -predigt die Liebe/sondern jene-Vertreter, die Haß ausstreuen. Ja, der Glaube! Das Judentum und seine Lehrer fordern keinen blinden Glauben,-sondern Erforschung und Erkenntnis der Wahrheit, Anerkennung des-einzigen Gottes und die Liebe aller Menschen untereinander Keine Religion außer der jüdischen-hat den Grundsatz ausgestellt: Die Frommen aller Völker.haben Anteil am ewigen Leben — das ist der Ausdruck allgemeiner Menschenliebe. y Siehe Beiträge zur Weiterentwicklung der christlichen Religion. I München 1905,. p. 76. -

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