Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
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461 -— reist im Lande umher, um in den Zentren des jüdischen Farmerwesens Colloquien abzuhälten und mit den Farmern alle gemeinsamen Angelegenheiten zu besprechen. Mr. Pincus sucht sie bei dieser Gelegenheit in landwirtschaftliche Genoffenschaften zu organisieren, von denen bereits 15 begründet sind In wenigen Jahren werden sich dieselben zu einem großen alle jüdischen Farmer vereinigenden Bund zusammentun. Die jüdische Gemeinde Woodbine ist bis jetzt das einzige jüdische Gemeinwesen auf Erden, das eine völlig unabhängige komunale und politische Selbstverwaltung besitzt. Wer von dem Aberglauben kuriert sein will, die Juden müßten, sich selbst überlassen, einander sofort in die Haare geraten, der möge nur nach Woodbine im Staate New Jersey gehen. Er wird da eine mustergültige Verwaltung finden, von der gar manche große Stadt noch lernen könnte. Von dem Baron Hirsch- Fonds 1893 als Mittelpunkt einer geplanten jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation begründet, konnte der Platz viele Jahre hindurch nicht vorwärts, kommen, da der Boden schlecht war und sehr viel Düngung erforderte. Darauf wurden in Woodbine einige Industrien eingeführt, ohne jedoch den Ackerbau zu vernachlässigen. Gegenwärtig beschäftigen acht Konfektionshäuser 492 Personen, an die sie jährlich 566 000 Mark Lohn auszahlen. Dadurch aber haben auch die in der Umgebung der Stadt wohnenden 60 jüdischen Bauern für ihre Produkte einen kaufkräftigen Markt erhalten. So ist Woodbine ein wohlhabendes jüdisches Städtchen geworden, mit breiten gut gepflasterten und von Bäumen eingerahmten Straßen, welche des Abends von Gas- und elektrischen Lampen beleuchtet werden. 1906 zählte der Ort 310 Familien mit 1694 Angehörigen nebst 350 selbständigen unverheirateten Personen. Im Jahre 1907 sind weitere 30 Familien in Woodbine eingewandert. Die. Stadt weist zurzeit 218 Wohnhäuser, drei Hotels, vier Schulen nebst einer großer Ackerbauschule und Musterfarm auf. Die Unterhaltung der Schulen, in denen 556 Kinder unterrichtet werden, erfordert eine Summe von 45 000 Mark zu der 60 Prozent vom Staate beigetragen werden. Das Budget der Gemeinde betrug in diesem Jahre 63 273 Mark. Ein großer Teil der Einkünfte geht für Wegeunterhaltung darauf. Im Vorjahre mußte zu diesem Zwecke sogar eine Komunalanleihe von 22 000 Mark ausgenommen werden. I. Turoff. Für Menlchen, die den Msd oerioren. Von Kreisrabbiner Dr. Beermann-Insterburg. er moderne Strafvollzug will den Verbrecher nicht brechen, sondern bessern. Hinter Kerkermauern wird die Strafe mit Ernst und Nachdruck vollzogen, aber auch Sorge getragen, zumal durch geistlichen Zuspruch, daß die Hast nicht die Geisteskräfte lähmt und das Gemütsleben vergiftet. Scheitert auch nicht selten alle Mühe, den Gewohnheitsverbrecher zu heben und in geordnete Verhältnisse zu bringen, so ist nicht zu vergessen, daß neben den gewerbsmäßigen Rechtsbrechern auch die Willensschwächen Gelegenheitsverbrecher unsere Strafhäuser bevölkern, Menschen, die durch allerlei ungünstige Einwirkungen und Einflüsse gestrauchelt sind. Wir können zweifellos einen nicht geringen Prozentsatz dieser Entgleisten wieder zu geordneter sozialer Betätigung führen. Alle Mißerfolge, die ich nach fast zwölfjähriger Arbeit an Detinierten gewiß nicht übersehe, können und dürfen uns bei unserem Fürsorgestreben nicht entmutigen. Eine umsichtige Gefangenensürsorge hat aber schon während der Strafzeit zu beginnen. Die ganze Seelsorgearbeit leitet die Fürsprge gewissermaßen ein. Nun ist es aber Tatsache, daß in manchen Gefängnissen jüdische Detinierte ohne Seelsorge bleiben. Da ist es Pflicht der Gemeinden, in deren Sprengel sich Haftanstalten befinden, den nächsten Rabbiner oder Religionslehrer für die Ausübung der Liebestätigkeit an Gefangenen zu gewinnen. Sodann muß die Heimatsgemeinde des Detinierten sich bemühen, dessen Familie, der der Ernährer entzogen ist, vor weiterem Versinken in Not und Elend, in Großstädten bei weiblichen Angehörigen vor dem Hinabgleiten in die Prostitution zu schützen. Nicht in jeder Provinz bestehen jüdische Fürsorgevereine; es müßten daher in jeder größeren Gemeinde zum mindesten einzelne Fürsorger für zur Entlassung kommende Gefangene nominiert werden. An diese müßten sich die Seelsorger wenden können. Die Fürsorger hätten für die Entlassenen geeignete Stellen und Beschäftigungen zu besorgen und müßten mit ihren Schützlingen weiter in Zusammenhang bleiben, und so oft es erforderlich ist, ihnen Rat und Hilfe in den Nöten des Lebens gewähren. Ich will noch bemerken, daß 80 Prozent aller Gefallenen durch den Alkohol ins Unglück gerieten. Gefährdete Entlassene müßten durch die Pfleger zum Anschluß an die Enthaltsamkeitsvereine veranlaßt werden. Für weibliche Entlassene wären weibliche Pfleger zu bestellen. Edlen Frauen böte sich da ein reiches, segenverheißendes Arbeitsfeld. Im alten Israel galt es als frommes Werk, widerrechtlich Gefangene auszulösen. Man nannte das Pidjon Schebujim und brachte dafür große Opfer. Heute handelt es sich darum, die Gefangenen in sittlicher Beziehung zu erlösen und sie wieder zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen. „Nun geht hinaus auf alle Gassen und führt die Irrenden herein!" Seligiök und religionsunterrichtliche Fragen. Von Dr. M. Spanier in Magdeburg. I. uf der ganzen Linie unserer Gegner gilt offensichtlich die Parole: Herabwürdigung des Judentums zur Glorifizierung des Christentums. In der im Verlage von Hermann Beyer und Söhne in Langensalza herausgegebenen pädagogischen Wochenschrift: Deutsche Blätter für erziehenden Unterricht findet sich eine Artikelserie von Professor Dr. Meinhold-Bonn über dieProPheten in Israel von Moses bis aus Jesu?) Der Verfasser kennzeichnet Moses und die Propheten, ohne ihre religionsgeschichtliche Bedeutung anzuerkennen, spricht von dem Nationalgott der Juden und meint, Frommsein hieße bei den Israeliten soviel wie „den Willen Gottes, wie er im Gesetz bis ins einzelnste sestgelegt ist, erfüllen, des Menschen eigener Vorteil: Frömmigkeit, eine feinere Form des Egoismus." Er spricht das große Wort gelassen aus: „Das Judentum für sich ist kein Kulturträger für uns gewesen und geworden." Schon in Professor der Theologie Dr. Hävernicks Vorlesungen über die Theologie des alten Testaments^) finden wir die Bemerkung: „Nichts ist untheokratischer, unhebräischer als die Vorstellung von einem bloßen Nationalgott, dies ist heidnisch." Und dann das viel- 1) Jahrgang 36 (1909) Nr. 46-49, 2) Erlangen 1848 p. 27.