Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wdilchk Lauern in den Vereinigten Staaten von Mr-smeriKs. 3eder jüdische ZeitungSleser kennt die Existenz zahlreicher jüdischer Kolonien in Rußland, er weiß auch, daß in den letzten 25. Jahren in Palästina wie in Argentinien manche jüdische landwirtschaftliche Ansiedlung begründet wurde. Dagegen dürste es selbst den Kundigen unter uns wenig bekannt sein, daß auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika von Juden eine ausgedehnte landwirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt wird. Und doch hat die Sehnsucht der Juden nach dem stillen und friedlichen Berufe unserer Altvordern da eine landwirtschaftliche jüdische Kolonisation geschaffen, größer als in Palästina, ja größer' selbst als in Argentinien. Nach einer vom „Jüdischen Hilfsverein für Landwirtschaft und Industrie" in New Jork (Jewish Agricultural and Industrial Aid Society) vorgenommenen Zählung, die jedoch von der Wirklichkeit noch weit übertroffen wird, gab es im vorigen Jahre in 13 Staaten des Sternenbanners 2164 jüdische Farmerfamilien mit 12 000 Seelen, gegen 7300 Seelen in Palästina und 2118 Familien mit 11492 Seelen in Argentinien. Demnach nimmt die jüdische Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten, wenigstens der Zahl der Bauern nach unter allen jüdischen Kolonisationsländern den ersten Platz ein! Es ist das um so auffallender, als die jüdische Kolonisation in diesem Gebiete die jüdische Wohltätigkeit, nicht einmal die jüdische Oeffentlichkeit irgendwie in Anspruch genommen hat. In der Wirklichkeit. freilich verhielt sich die Sache ein wenig anders. In den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnte man in den jüdischen Zeitungen viel über die Kolonien Rosenhavn, Carmel, Alliance usw. lesen, die Kolonisten von Woodbine im Staate New-Jersey haben sogar flammende Proteste veröffentlicht und Deputationen nach Europa entsendet. Dann aber wurde auf einmal alles still. Woodbine hat sich in der Welt zu einem einzig dastehenden jüdischen Gemeinwesen ausgewachsen, und die Zahl der jüdischen Bauern in den Vereinigten Staaten ist so rapid in die Höhe gegangen, daß sie gegenwärtig zusammen 77 000 Hektar Land im Werte von 18 967 000 Mark besitzen.. Die fast geräuschlose Ansammlung 'so vieler jüdischer Farmer in einem Lande ist eine seltene Erscheinung, ja ein erfreuliches Novum im sozialen Leben des Judentums, wo bisher alles unter der Devise „viel Geschrei und wenig Wolle" vor sich ging. Es verlohnt sich daher, auf die Entstehungsgeschichte der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation in den Vereinigten Staaten mit einigen Worten einzugehen, Dielleicht lernen wir aus ihr, wie es auch anderswo gemacht werden könnte. - Die ersten jüdischen landwirtschaftlichen Ansiedlungen in diesem Lande sind unter den gleichen Verhältnissen wie in Palästina und. Argentinien entstanden. Man zog die Kolonisten an den Haaren herbei, versah sie überreichlich mit dem toten und lebenden Inventar und setzte über sie die üblichen Verwalter ein. Die unvermeidlichen Ergebnisse solcher Bevormundung haben jedoch die praktischen Amerikaner sofort zu einem vollständigen Frontwechsel veranlaßt. Die Unterstützungen wurden eingestellt und fortan nur noch solche Farmer gefördert, welche freiwillig kamen und größtenteils sich mit eigenen ^Mitteln als Landwirte niederlassen wollten. Solche Leute besaßen wenigstens den guten Willen, meistens aber auch die nötigen Eigenschaften zur Landwirtschaft, und der zu ihrer Förderung 1900 in New Hork entstandene Hilfsverein konnte sich meist auf Erteilung von Ratschlägen und eine nur allgemeine Kontrolle beschränken. Den zukünftigen Farmern wurde käufliches Land gezeigt, eventuell solches vom Vereine selbst verkauft und erforderlichenfalls unter genau stipulierten Bedingungen für Amortisation und Verzinsung ein kleines Darlehen von durchschnittlich 2400 Mark gewährt. Wurden die Zahlungsbedingungen nicht innegehatten, so galt dieses als Beweis der Untüchtigkeit, und der betreffende. Farmer wurde mitleidslos exmittiert. Im übrigen wurde er als erwachsener Mensch vollständig sich selber überlassen. Der jüdische Bauer wußte daher, daß er auf niemand anders als auf sich selber und die eigene Kraft zu rechnen habe und richtete danach sein ganzes Verhalten ein. So konnte mit fast lächerlich geringen Mitteln ein riesiges Werk geschaffen werden. Von den 2164 als Farmer lebenden Juden haben 1026 überhaupt keinerlei fremde Hilfe in Anspruch genommen, die übrigen 1138 haben im Verlaufe von neun Jahren 2 697 873 Mark als Darlehen erhalten, von welchen 1048 000 bereits amortisiert sind. Da außerdem noch 157 000 Mark Zinsen gewählt wurden, so hat der Hilssverein .das ganze gewaltige Werk mit kaum 1 Vs Millionen Mark 'geschaffen. Man vergleiche diesen Betrag mit den vielen Dutzenden Millionen, die in Argentinien und Palästina verausgabt wurden, um zu lernen, wie es gemacht, respektive wie es nicht gemacht werden muß. Im einzelnen ist von der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation in den Vereinigten Staaten zu berichten, daß die jüdischen Farmer über 13 Staaten des Landes zerstreut sind. Es leben im Staate New Jork 590, in New Jersey 462, in Connecticut 400, in North Dacota 197, in Massachusetts 113, in Wyoming und Washington je 21 Farmer. Ferner trifft man jüdische Farmer vereinzelt in den Staaten Arkansas, Maryland, Ohio, Pennsylvanien, Südkarolina und Texas. Alle diese Kolonisten besitzen nur wenig Land, etwa 12 bis 15 Hektar im Durchschnitt, und sind auf Jntensivkultur angewiesen, zu welcher der Jude vermöge seiner hohen Intelligenz sich ganz besonders eignet. So treiben 20 Farmer in der Nähe von Kattford, Connecticut, Tabakbau, aus dem sie pro Hektar 2030 Mark netto erzielen. Ferner haben 18 Farmer in der Umgebung von Ellington im vorigen Jahre beim Tabakbau je 10 265 Mark pro Familie erübrigt. Das Gleiche gilt von den Farmern in den Staaten New Jork und Pennsylvanien. Einstweilen krankt noch die jüdische Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten an dem Uebel, daß die Farmer verstreu leben und so von der jüdischen Gesamtheit gleichsam losgetrennt sind. Mit der weiteren Zunahme der jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten werden aber die Folgen dieses Nebels gemildert werden. Der jüdische Farmer wird dann die gleiche Stellung einnehmen, wie sie einst der jüdische „Rendar" in Polen inne hatte. Uebrigens gibt es auch in den Vereinigten Staaten zusammenhängende jüdische Ansiedlungen. Außer den alten Kolonien Rosenhayn, Karmel, Alliance im Staate New Jersey können die 20 Farmer um Hartford sich an eine große in dieser Stadt bestehende jüdische Gemeinde mit 4000 Seelen anlehnen. Zusammenhängende jüdische Ansiedlungen gibt es ferner in Hunterdon, Ashley und Makintosh in North Dacota. Im Staate New Jersey besitzen die Juden 2500 Hektar Land, und wie die Zeitungen jüngst zu berichten wußten, hat die Jewish Kolonisation Association im Staate Georgia 12 640 Hektar Land für Kolonisationszwecke erworben. Endlich beginnen die jüdischen Farmer selber ihre Isoliertheit unangenehm zu empfinden und auf Abhilfe zu sinnen. Seit Mitte vorigen Jahres erscheint in New Hort eine Monatsschrift „Der jüdische Farmer" im Jargon, die bereits 800 zahlende Abonenten hat. Der Herausgeber derselben, Herr M. PincuS,