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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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Volk, ein Staat im Staate trumpft^ auf: Was gilt uns Euer Brauch, was. scheren uns Eure Gesetze! Wir sind .das starre, -unveränderliche Judentum; nochheute wie vor zweitausend Jahren die gleichen. Unsere Religion ist unser Volkstum, darumbeschimpft Ihr unsere Religion, wenn Ihr uns angreift." Was wohl die „Staatsbürger-Zeitung" dazu sagen würde, wenn die russische Presse so blöde sich ärgerte darüber, daß die christlichen Deutschen in Rußland Weihnachten, Neujahr, Ostern und alle anderen Feiertagezu einer anderen Zeit begehen als das russische Wirtsvolk! Und gleich hinter den oben angeführten Zeilen — spottet ihrer selbst und weiß nicht wie — beschuldigt das tiefsinnige Blatt die Juden der Intoleranz. Der die „Judenparade" abhaltende Mann der „Staats-- bürger-Zeitung" hat aber noch anderen Kummer. Die ganze Bernburger Straße,. klagt er, gehört den Juden. „Immer mehr, immer neue Massen spuckt die Philharmonie aus. Das arbeitende Berlin wird auf den Damm gedrängt, der deutsche Geschäftsmann muß sich seinen Weg zwischen dem Wagenpark suchen. Das Judentum trumpft: Berlin ist unser!" - Du lieber Gott! In ganz Berlin gibt es vielleicht hunderttausend Juden. Die überhaupt zum Gottesdienst gehen — es gibt nämlich, ebenso wie es Christen gibt, die, weil sie zu jung, alt, schwach, krank oder ungläubig sind, nie zur Kirche gehen, auch Juden, die nicht die Synagogen besuchen — bilden nur einen Bruchteil, und dieser, der sich, wir wissen augenblicklich nicht, auf wieviele Synagogen, Tempel, Betsäle usw. verteilt, sollte doch selbst einen ganz degenerierten Antisemiten nicht Erschrecken. Aber der nervöse, von Juden angst gequälte 'Staatsbürger-Zeitungsmann kann nichts für seinen Zustand, er ..ist antisemitisch belastet. Darum wollen wir ihn beruhigen. Die Juden, die an. den beiden Tagen des Neujahrsfestes die Parade in der Bernburger Straße gebildet haben und sie am Versöhnungstage wieder bilden werden, denken wirklich nicht daran, Berlin als das ihrige zu betrachten. Sie haben gar keine Eroberungsabsichten, nicht die allergeringsten, und wenn sie sie hätten, dann könnten sie sie nicht verwirklichen, denn nicht alle Berliner sind so erbärmlich feige oder solche Schwächlinge, wie der Herr zu glauben scheint, der von der Redaktionsstube der „Staatsbürger-Zeitung" aus die Judenparade abgehalten hat. - '*■ - Unter der Ueberschrist „Jüdische Offiziere in Oesterreich" schreibt Oberst Gädke tm „Berliner Tageblatt" vom 13. September 1909: „Angeregt durch meinen Aufsatz über das Militärkabinett, in dem ich die Ausschließung der Juden aus dem Osfizierkorps als verfassungswidrig nachwies, teilt mir ein österreichischer Schriftsteller eine Liste jüdischer höherer und höchster Offiziere mit, die teils noch im österreichischen Heere Dienste tun, teils vor nicht langer Zeit durch Tod oder Verabschiedung ausgeschieden sind. Es sind dies: 1 Feldmarschalleutnant (Generalleutnant), 3 Generalmajore, 10 Obersten einschließlich eines Linienschiffskapitäns, 11 Oberstleutnants, 17 Majore. Es 'sei bemerkt, daß die Angaben auf amtlicher Auskunft beruhen, wobei das Reichskriegsministerium dem österreichischen Verfasser das größte Entgegenkommen bewiesen hat. Ein christlicher Feldmarschalleutnant aber schreibt ihm bei dieser Gelegenheit: „Die Zahl israelitischer Offiziere war und ist relativ , auch jetzt noch keine große; um so erstaunlicher , ist die Menge hervorragender Waffentaten, für die-solche Offiziere mit allerhöchsten Dekorationen begnadet wurden. Ich habe -in meiner ganzen Dienstzeit keinen israelitischen Offizier kennen gelernt, der seinen Platz nicht ganz ausgefüllt hätte; sie verbinden durchweg mit viel Wissen großen Eifer und höchstes Pflichtgefühl — letzteres vor dem Feinde bis zur Selbstaufopferung." Die Geschichte des k. und k. Infanterie-Regiments Nr. 55 von Hauptmaun (jetzt Major) Julius Beran schildert. den militärischen Charakter der galizischen Juden in nachstehender Weise: „Schars heben sich in Galizien von den übrigen Volksstämmen des Landes die orthodoxen Juden ab. Sie haben mit ihrem Glauben ihre uralten Sitten und Gebräuche behalten und wahren auch in Sprache und Tracht ihr originelles Gepräge. Erst vor ungefähr hundert Jahren sind sie in Oesterreich wehrpflichtig geworden. Es mag wohl sein, daß der Jude, als ihm nach langen Jahrhunderten wieder die Ehre ward, die Waffen tragen zu dürfen, sich ihrer nur allzu.gern zu entziehen suchte. Heute folgt er willig dem Rufe zur Fahne, und der Ehrgeiz seiner christlichen Mitbürger, des Kaisers Rock zu tragen, ist ebenso lebhaftder seinige. Wer daran zweifelt, daß der galizische Jude seit langeschon ein braver, opfermutiger Soldat ist, der blättere in den Geschichten der galizischen Regimenter; er wird, nach Taten treuer Tapferkeit suchend, überraschend oft auf jene sonderbaren deutschen Namen mit den. alttestamentarischen Vornamen stoßen, die so unerträglich die Herkunft ihrer Träger bezeichnen und wird die Bestätigung finden,, daß das Heldenblut der Makkabäer und der Verteidiger Jerusalems gegen den großen Titus in den Adern so mancher ihrer späten Enkel rollt." * Trotz der größten Schwierigkeiten, die ihnen von seiten einflußreicher russischer Stellen in den Weg gelegt worden sind, ist es den finnischen Behörden doch schließlich. gelungen, die Wahrheit bezüglich der Ermordung des freisinnigen Reichsdumamitglieds Profeffor Herz enstein, die während seines Aufenthaltes im finnischen Badeorte Terijoki im Juli 1906 geschah, zu entdecken. Man schreibt dazu aus Helsingsors, 15. d. M.: „Wie man es sofort nach der Untat vermutete, hat sich der ultrareaktionäre „Verband der wahrhaft russischen Leute" als der erste Anreger des Verbrechens erwiesen, und mehrere direkt in die Sache verwickelte Mitglieder dieses Verbandes sind bereits vom Gerichtshof in Terijoki abgeurteilt worden oder erwarten noch, in finnischen Gefängnissen sitzend, ihr Urteil. Infolge einer langen Reihe von belastenden Zeugenaussagen ist nunmehr auch der eine Zeitlang fast allmächtige Präsident des Verbandes Dr. Dubrowin vor den Gerichtshof in Terijoki für den 22. d. M. zitiert, um sich gegen .die Anklage zu verteidigen, er habe die Ermordung Herzensteins befohlen und die Meuchelmörder gedungen. Ob dieser „Frechheit" der finnischen Gerichtsbehörden sind die wahrhaft russischen Leute in Wut geraten und sie haben durch den bekannten Rechtsanwalt des Verbandes, Herrn Bulazel, erklären lassen, keine Macht werde Dubrowin zwingen können, sich dem finnischen Gericht zu stellen; „wenn nötig, werden unsere Legionen ihn schützen". Gleichzeitig haben die reaktionären Zeitungen das Verlangen gestellt, der Prozeß Herzenstein solle dem finnischen Gerichtshof entzogen und einem russischen überwiesen werden. Nunmehr erklärt aber das Justizministerium durch eine offizielle Kundgebung, daß der Gerichtshof in Terijoki — infolge der bestehenden Verträge — unbedingt berechtigt ist, Dr. Dubrowin, der sich im Kaiserreich aufyält, zu zitieren, und — sollte er sich nicht freiwillig einfinden — seine Auslieferung zu verlangen. Es verlautet nun hier, Dr. Dubrowin, der sich während der letzten Wochen in Odessa versteckt gehalten hat (aber von finnischen Kriminalbeamten unaufhörlich überwacht) habe infolge der erwähnten amtlichen Kundgebung beschlossen, sich am 22. d. M. in Terijoki einzufinden — aber von Tausenden seiner Getreuen begleitet. Skandalöse Vorgänge werden erwartet, und die finnischen Behörden treffen demzufolge außerordentliche Vorbereitungen. Vertreter mehrerer der größten ausländischen Zeitungen haben bereits ihre Ankunft angekündigt."

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