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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 heranzutreten, und sie werden ihr Lebenswerkbedroht sehem - Hier Rassen- und Klassenethik; im Judentum — Versöhnung. . Oder, beachten wir die sozialen Gegensätze im deutschen Volkes Eine soziale Gliederung, nach Ständen und Klassen muß vorhanden sein,? siegst von einem entwickelten Staatsleben untrennbar. Aber ' Gliederung ist nicht Zerklüftung und Zerrissenheit. Wir Juden beklagen uns über die gesellschaftliche Aechtung, die uns grausam und geheimnisvoll "wie die heimliche Feme umschleicht. Wir sollten uns eigentlich trösten; wir leiden nur unter einem giftigen Schwaden der allgemeinen sozialen Zersetzung. Rechten sich vielleicht Feudaladel und Bürgertum weniger, höhere und niedere Beamtenklassen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer? um nur einzelne herauszugreifen! In einem erhebenden Momente, der als historischer . sogar , den Stoff zu einem großen Gemälde gab, ward die Parole ausgegeben: „Ein Gott, ein Reich, ein Volk!" Sie begegnete schon damals großem Mißtrauen, heute klingt sie fast wie Ironie. Das Judentum kann solcher Zerklüftung nur mit innerem Schänder gedenken. Es besaß auch seine berufliche Gliederung, aber Gesetzgebung und Volksleben waren bemüht, die Gegensätze auszugleichen, sozialen Krisen vorzubeugen, der Vielheit die'Einheit überzuordnen. Gerade die unvermeidlichen Verschiedenheiten, die die Skala des Besitzes wie die der Bildung umfaßt, verlangten und fanden — Versöhnung. Ja auch der Bildung. Denn es ist ein törichtes Gerede, .was von dem unerträglichen Bildungsstolz der Pharisäer gefabelt wird. Eine' seltsame Kaste, die jeden einlädt, sich ihr anzuschließen; die ihr Bildungsideal (die Tora) zwar weit über Geburtsadel und -Vorrechte setzt, aber zugleich als für jeden daliegendes Krongut eines ganzen Volkes bezeichnet. — Und um die Unterschiede des Besitzes auszugleichen, war die bewundernswürdige jüdische Agrarpolitik wie geschaffen. Das Judentum verpflichtete zuerst den Begüterten im großen Maßstabe für den wirtschaftlich Schwachen mitzusorgen, sich also nur als Verwalter der Güter der Gesamtheit zu betrachten. Nur durch soziale und mildtätige Gesinnung, das ist jüdische Auffassung, versöhnt man den Bedürftigen mit seinem Geschicke, stiftet man Frieden zwischen ihm und Gott. Und eben diese Gesinnung ersetzt nach einem bekannten Ausspruche des R. Jochanan bar Sakkai das Sühnopfer des Altars. Bliebe vielleicht noch übrig, von den religiösen Gegensätzen zu reden. Wie darf man von einem Glauben Versöhnung erwarten, der mit solcher Zähigkeit an seinen Ueberlieserungen sesthält, und seine Göttlichkeit bis heute im heißen Streite verteidigt hat? Selbst ein Lessing konnte mit einem Anflug leiser Bitterkeit seinen Tempelherrn sagen taffen: — Doch kennt Ihr auch ein Volk, Das diese Menschenmäkelei zuerst Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk Zuerst das auserwählte Volk sich nannte? Auch Lessing konnte nicht bis in die Tiefe der jüdischen Seele blicken. Er hätte sonst entdeckt, daß die Auserwählung nur der stammelnde, unbeholfene Ausdruck für eine der beglückendsten Ideen der Menschheit war. Das Judentum hat ' sich damit nur Lasten und Ausgaben auferlegt, die schließlich fast über seine Kräfte gingen. Es wurde wirklich der Gottesknecht, oder ohne alle Mystik gesprochen, der Prügelknabe, der für jeden Schaden am Körper der Kulturmenschheit haftbar gemacht wird. Aber es läßt sich dadurch nicht entmutigen. Am Versöhnungstage umfassen seine Bitten und Wünsche die ganze Welt. 'Mein Haus, das ist ein Kehrreim seiner Gebete, soll ein Bethaus ' genannt werden für. alle Völker. Als vor 150' Jahren die Ketten der konfessionellen Unduldsamkeit sich zu lockern schienen, und die Aufklärung der Geister einen kurzen Nordlandssommer erlebte, ergriff die Juden eine mächtige Sehnsucht. Man will heute nicht gern an die naiven Aeußerungen jener-Begeisterung erinnert e sein, wo man es gar zu eilig hatte, die Schranken des Judentums zu.öffnech alle 'Welt bei sich einzuladen, und sich aller Welt anzubieten, Die Ernüchterung war zu groß, als man einen Posten nach dem anderen zurückziehen mußte, weil man zu früh gejubelt hatte. Der Tag war noch nicht da; die Stunde noch nicht gekommen. Aber die Hoffnung weicht nicht aus unserem Herzen. Die Menschen tasten wieder seit Jahrzehnten nach einer neuen Weltsprache, die. die Geister verbinden soll. Wir sollten meinen, das Esperanto der Herzen ist schon längst gefunden! Es ruht in den jüdischen Grundanschauungen von Gott, Welt und Mensch und gipfelt in dem einen, herzbezwingenden Worte, das wir'immer aufs neue der Welt entgegentragen: Versöhnung. Dir Macht. Berlin, 21. September. er preußische Herr Kriegsminister hat auf verschiedene Petitionen ausjüdischen.Kreisen, eine möglichstweitgehende Beurlaubung der Mannschaften jüdischen Glaubens zum Besuche des Gottesdienstes an unseren hohen Feiertagen den Militärbehörden anempfohlen. Diese eigentlich selbstverständliche Rücksichtnahme auf die religiösen Empfindungen versieht die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" mit der hämischen Glosse, daß es sich empfehlen würde, „die jüdischen Mitbürger überhaupt von der Militärpflicht zu befreien und dafür von ihnen eine Steuer zu erheben. Das Blatt des Junkeregoismus versteht sich aus seinen Profit. Wenn man die Juden mit einer Sondersteuer belegt, kann man daß Junkerportemonnaie desto bester schonen. Und wenn man die Juden vom Militärdienst ausschließt, läuft man nicht Gefahr, daß die „Mitbürger jüdischen Glaubens" nicht doch eines Tages den Sieg des Rechtes erkämpfen und — horribile dictu — auch Offiziere werden und dadurch eine Domäne, die das Junkerorgan ihren Mandanten vorzubehalten hat, beeinträchtigt wird. Wir deutschen Juden aber werden uns das Ehrenrecht, unserem Vaterland, auf das wir genau das gleiche Recht haben, wie unsere christlichen Mitbürger, als Soldaten zu dienen, nicht absprechen lasten. Wir danken ganz entschieden für eine derartige Befreiung. Wenn jüdische Soldaten an den drei höchsten* Festtagen des Jahres zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse beurlaubt werden wollen, ein Begehren, das ja auch katholische Soldaten an ihren hohen Festen mit Recht stellen, so zeigen die hämischen Glossen dieses Junkerorgans nur, daß es von wahrer Religiosität gerade so weit entfernt ist, wie vom Mangel an Roheit der Gesinnung. Die gleisnerischen Formen, dMch welche diese Roheit der Gesinnung verdeckt werden soll, können darüber nicht hinwegtäuschen. - . "■ * ■■; / Bei ihrer Flucht aus dem nicht mehr einträglichen antisemitischen Geschäft in das konservative Lager versendet die „Staatsbürger-ZeitUNg" gegen die Juden noch alle die extravergifteten Partherpfeile, die sie auf Lager hat. Sie verspritzt ihr letztes Gift, es ist das Aufflackern ihres sterbenden Antisemitismüs. So regt sie sich mit einmal wieder schrecklich aus, daß die Juden ihr Neujahrsfest feiern: „Das Judenvolk hält Neujahrstag. Nicht den kalendermäßigen, wie er gilt für uns, für' unseren Staat, unser Volk. Ein Volk im

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