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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-24 · Heft 39 (24.9.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 39 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr. 39. Berlin, 24. September 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint / to:ö.ch.e n t I i ch. Abonnements -Pr eis.<durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. .v/./ Begründet-von R ab b in e rDrLu d wi gp h il ixps on. VeilgZ^LkikSNoll^ Berlin, JefusaiemerStr. 46/49. Alle Zusendungen' für Sedaktiun und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgein. Zeitung des Judentums^, Berlin 8^., Jerusalemer Siraße 46/^st, zu richten. li Brrlöhnung. Berlin, 21. September. *^Y^er Versöhnungstag ist ein Wahrzeichen des Judentums. J Schwer dürfte es der vergleichenden Religionssorschung werden, diesem Feste seine gebührende Stelle anzuw^isen. Von ihm reden heißt, wenn wir uns eines schönen Vergleiches von Lazarus bedienen dürfen, soviel als von der Sonne reden. Für die Sehenden ist es überflüssig; den Blinden können die Worte nicht Helsen.' Wir dürfen nicht etwa glauben, daß der übrigen Welt die Begriffe Schuldend Sühne fremd waren. Im Gegenteil. Babylonische Büßpsalmen, wie Homerische Gesänge bekunden .übereinstimmend, daß auch die heidnische Welt davon durchdrungen war, wie wenig die Menschheit vor der Gottheit bestehen könnte, ohne das Heilmittel, der Entsühnung. Und 'was vom einzelnen, galt vom Volke. Man wagte keinen Krieg, zu eröffnen, keinen Tempel zu gründen, kein Werk zu beginnen, bevor, nicht von berufener Hand der Sühneritus vollzogen war. Und in fremdem Blute wusch man gern die eigne Schuld. . Worin lag also der Unterschied? Das Heidentum war von Schicksalsideen beherrscht, und das schrecklichste Schicksal war eben, unter dem unbeschwichtigten Zorne der Götter zu leiden. Darum suchte man auf diese einzuwirken und sie wieder günstig und gnädig.zu stimmen. Die Gottheit sollte alfo ihren Sinn ändern, und man war des Erfolges gewiß, wenn nur der Priester geredet und die Zeremonien getan -waren. Im Judentum ist die Gottheit unwandelbar; aber ihr .Attribut ist Heiligkeit. Aus dieser strömt dem Menschen die -Entsühnung, wenn er sich ihrer würdig macht. Sie --erstreckt sich nicht aus einzelne Momente und Gelegenheiten, sie umspült das ganze Leben. Der Jude soll sich unaufhörlich prüfen und läutern und in Gott seinen ethischen Maßstab .finden. Der Sühnetag ist nur ein Höhepunkt, um alljährlich eine tiefgreifende, sittliche Erneuerung und Wiedergeburt anzubahnen. Der Hauptfaktor dabei ist nicht mehr der Priester, auch nicht die Gottheit; sondern der Sühne heischende Mensch. So kam uns die Erkenntnis, daß in dem hohen Sühnetag nur soviel Kraft liegen kann, als wir selber hineintragen. Kein magischer Zauber kann mehr an ihm hasten und seine Wirkung bedingen; keine Prieftergeste etwas zu ihm hinzutun, oder ihm von seiner Heiligkeit rauben. Aus dem Lage der Entsühnung wurde ein Tag der Versöhnung, aus ^dev fyMsvlifchM-Feier ein sfillev Sabbab der-Herzen. Vj Mtrnm****-*..*- .........,.. 2? Ein solcher Wandel sucht in der Geschichte der Religionen seinesgleichen. .1 Es. war die altz' .Form .und doch ein neuer Inhalt. Es war, als ob ein Gebäude abgetragen und umgebaut wurde/, dessen Grundriß.einen/kühnen Wurf zeigte, das aber zuerst mit dem vorhandenen, rohew Material zur Aus- . führüng/gelangte, . Nach und nach wurde Stück fsir Stück dziiH echtes ersetzt, und das ganze auf erweiterter Basis aufgerichtet. ' H Adolf. Harnack hat einmal gesagt: wer das Christentum Mnt/'Lennt. [eilte. 'Religionen, wer es nicht kennt, keine. Wir möchten in aller Bescheidenheit das Wort wagen: Wer die' Entsaltungskraft aller für reine Religiosität fruchtbaren Ideen vom Ursprung bis zur höchsten Blüte verfolgen will, braucht die Grenzen des Judentums nicht zu überschreiten. Der Jom kippur ist eine Religionsgeschichte im kleinen. Die Idee der. Versöhnung ist in ihm naturgemäß die vorherrschende. Man sollte also erwarten, daß sie auch im Charakter des Judentums die dominierende ist. Und so gibt er sich auch zu erkennen, wenn er nur. vorurteilslos. geprüft wird. Wer sich diese Mühe allerdings sparen will, wird vielleicht lieber bei dem Schlagworte vom Judentumals einem „Ferment der Zersetzung" verharren. Allein, ganz abgesehen davon, daß auch Zersetzung im Haushalt der Natur der Erhaltung des Lebens und dem Ausbau des Neuen, dient, so hüte man sich, sekundäre und tertiäre Erscheinungen, mit der Grundtendenz zu verwechseln. Die Zeiten, in denen das Judentum seine Geistesrichtung, voll zur. Geltung bringen und sich unverfälscht auswirken konnte, können allein dm Ausschlag geben. Und mit ihnen vergleiche man einige Momentbilder der Gegenwart. ' / Da fallen zuerst die unerhört scharfen Rassenkämpfe ins Auge, die zum Glück noch mehr auf dem Papier, als in der Wirklichkeit ausgefochten werden. Die..Wissenschass, die sonst das herrliche Amt hat, Vorurteile und, Mißverständnisse zu zerstreuen, übt ihnen zuliebe einen aufreizenden, jedenfalls verwirrenden Einfluß aus.. Die anthropologische Forschung ist sich über die Arbeitsmethode noch nicht klar, aber sie möchte die Ergebnisse schon vorwegnehmen. Sie sind demjenigen' Ergebnis entgegengesetzt, zu dem sich das Judentum seit Jahrtausenden bekennt: ein Gott — eine^ Menschheit. Es kennt nur eine Menschengattung aus dem einleuchtenden Grunde, weil die religiöse, gerade so wie die humane Ethiknur eine ..Menschheit voraussetzen darf. -Ein bekanntes Talmudwort lautet: Es wurde nur ein Mensch geschaffen, damit, später niemand zum anderen sagen könne : meine Vorfahren sind edler, als die deinen. Versuchen wir mit solchen Ideen an -bew Grafen M.obine.au, an tz. St. Chamberlain oder Driesmann 1

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