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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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zahlreiche . christliche Einwohner Tempelburgs am Nachmittage zum Festgottesdienste in der Synagoge ein. unter andern auch der evangelische Pfarrer der Stadt. Die Festpredigt hielt der hierzu von der Gemeinde Tempelburg geladene Rabbiner Dr. Worms-Stettin, . den gesanglichen Teil hatte ein aus einer Anzahl Kollegen des ' Jubilars gebildeter Chor übernommen. Sinnige Geschenke und eine wahre Flut von Zuschriften und Telegrammen ans allen Teilen des Vaterlandes gaben Zeugnis.von der Liebe und Wertschätzung, deren sich Lion Wolfs nicht nur in seiner Gemeinde erfreut. Mögen dem wackeren Kämpen, dessen Wirksamkeit es zu verdanken ist, daß Heutes in Tempelburg — ehemals einer Hochburg des Antisemitismus — das schönste Einvernehmen zwischen den verschiedenen Konfessionen', besteht, noch viele, viele Jahre kraftvollen Amtslebens beschieden sein. — Dresden, 10. September. Die Fraternitasloge in Dresden (zum Orden Bne Brith gehörig) beging am 4. Juli die Weihe ihres neuerbauten Ferienheims in Rochwitz bei Dresden in Gegenwart des Vertreters der Landesversicherungsanstalt, Geheimen Regierungsrates Dr. Weger, der Vertreter des Stadtverordn.-Kollegiums, des israelitischen Gemeindevorstandesdes. Gemeindevorstandes von Rochwitz, des Großpräsidenten, zahlreicher Vertreter christlicher wiejüdischer Wohltätig» keitsvereine und vieler Freunde und Logenangehöriger aus Dresden, Chemnitz, Teplitz usw. Die Feier nahm einen würdevollen Verlauf und wurde beschlossen durch einen Rundgang durch die Anstalt. An einer nach Süden offenen Berglehne in herrlicher Lage von den Architekten Lutter & Scholz in Dresden-Blasewitz erbaut, ist das Heim zur Aufnahme der jüdischen Ferienkolonien bestimmt, welche die Fraternitasloge mit Unterstützung der Marie Ascher-Stiftung nun schon seit zwanzig Jahren aussendet. Am 12. Juli widerfuhr der Fraternitasloge die Ehre, in ihrem Ferienheim den Besuch Sr. Majestät des Königs Friedrich August empfangen zu dürfen. In Begleitung des Hofmarschalls v. Metzsch-Reichenbach und des Flügeladjutanten von Criegern kam Se. Majestät zu Fuß von seiner nahegelegenen Sommerresidenz Wachwitz und wurde von den Vorstands- Mitgliedern der Loge, Herren Dr. Eger, Dr. Cohn, Abeles, Lesser, Tuchler, ehrfurchtsvoll empfangen. Der König besichtigte die Anstalt auf das eingehendste, erkundigte sich wiederholt nach den Zwecken und Zielen der Loge und zeigte für alle Einzelheiten das lebhafteste Interesse. Nach Einzeichnung in das Fremdenbuch verabschiedete sich Se. Ma- ' jestät auf das huldvollste von allen Anwesenden, wiederholt sein Wohlgefallen an dem schönen Bau und seine besten Wünsche für das Gedeihen der Anstalt ausdrückend. Am 3. September wurde darauf der Präsident der Fraternitasloge, Herr Dr. Eger, zur königlichen 'Frühstückstafel zugezogen. Diese Auszeichnung der Bestrebungen einer jüdischen Vereinigung von so hoher Stelle darf wohl mit Genugtuung als ein wesentlicher Fortschritt für die Stellung der Juden in Sachsen betrachtet werden. V Bremen, 7. September. Von den mit dem Dampfer „Friedrich der Große* des Norddeutschen Lloyd auf seiner letzten Reise nach New York gereisten jüdischen Zwischendecks-Passagieren ging dem Norddeutschen Lloyd nachstehendes Anerkennungsschreiben zu: Z. Z. auf See- Dampfer „Friedrich der. Große", 3. September 1909. Mit besonderer Genugtuung bringen wir Unterzeichnete Zwischendecks-Passagiere jüdischer Konfession aus eigenem Antriebe unsere Zufriedenheit über die uns widerfahrene Behandlung zum Ausdruck. Es hat uns während der ganzen Reise angenehm berührt, daß wir ein anständiges Entgegenkommen erfahren haben und von allen mißliebigen Belästigungen verschont waren, was leider in früheren Jahren nicht immer der Fall war. Insbesondere erwähnen wir, daß wir mit der rituellen Beköstigung in jeder Hinsicht, was Schmackhaftigkeit und Reichhaltigkeit anbelangt, durchaus befriedigt wurden, und bitten, dem jüdischen Koch. Herrn Steinberg, der sich in jeder Beziehung durch sein anständiges, bescheidenes Wesen ausgezeichnet u»d sich für unsere Sache interessiert hat, wie auch dem Herrn Zahlmeister unfern Dank zu übermitteln. — Wir werden nicht verfehlen, in unserm Bekanntenkreise wie auch in geeigneten Zeitungen einen bezüglichen empfehlenden Bericht zu erstatten. — Seesen, 10. September. Am 8. und 9. d. M. fand an der hiesigen Jacobson-Schule (berechtigte Realschule und Realpro» - gymnasium mit Erziehungsanstalt) die Schlußprüsung unter dem Vorsitz: des Geh. Hofrats Herrn Prof. Dr. Fricke aus Braunschweig statt. Sämtliche Prüflinge der VII. Klasse der Realschule und des Realprogymnasiums haben dieselbe mit Erfolg bestanden und sich damit die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst erworben. J.W; Aus Hessen, im August. Wenn man heutzutage von den Juden auf dem Lande spricht, so meint man damit diejenigen, welche das von ihren Eltern und Voreltern Ererbte in bisheriger Weise weiter zu erhalten suchen. Es sind ihrer nicht mehr'so viele, denn der Zug nach der Stadt hat ihre Reihen stärk gelichtet. Das Oberhaupt der Familie war. es gewissermaßen sich selbst und seinen Angehörigen schuldig, das für ihn zumeist recht schwere Opfer zu bringen. Auf dem Lande mußte er ja verbauern und versauern, ihm waren keine geistige Anregungen geboten. Es genügte nicht mehr für die Kinder die simple Bauernschule, wenn sie einmal späterhin Stellungen in der Welt einnehmen wollten. So kam es denn, daß man später Ortschaften getroffen, worin man nicht mehr eine einzige jüdische Seele erblickte. Als aber dann Handel und Verkehr sich hoben, überall Voll-und Sekundärbahnen bis in die entlegensten Dörfer führten, änderte sich mit einem Schlage vieles, und die Wanderlust ließ nach. Jetzt setzt sich das junge „Studentchen" in das „Bähnchen", dampft der Stadt zu, woselbst er Realschule, Gymnasium, Kunstgewerbeschule, Konservatorium besuchen kann, um abends wieder heimzukehren. Vielfach wird auf dem Lande noch Landwirtschaft und Viehzucht getrieben, auch dem Handwerk ist man nicht abhold, man findet noch vielfach Schneider, Schuster. Buchbinder, Hausierer usw. Der Landjude hä^t noch immer an dem alt Hergekommenen fest, an der orthodoxen Usance, mit bewunderungswürdiger Zähigkeit verteidigt er seinen Glauben, von ihm nicht lassend. Die üblichen Tagesgebete werden nicht versäumt, die Festtage eingehalten. Wie oft sieht man noch den Hausierer an dem gewöhnlichen Fasttag mit seinem „bischen alles" von dannen ziehen (omnia mea mecum porto), sich um den knurrenden und murrenden Magen nicht kümmernd und seine Ware seilbietend. Aber das Geschäft ist lange nicht mehr, was es früher gewesen, da ihm Warenhäuser und Abzahlungsgeschäfte einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, wie überhaupt alles in andere Hände übergegangen ist. Auf seinen Schultern ruhen viele Lasten, Steuern und Abgaben, die ihm das Herz schwer und schwerer machen. Trotz alledem schwindet nicht das Vertrauen zu seinem Schöpfer, und zuversichtlich schreitet er fürbaß seinem Gotte für alles dankend. In manchen geringeren Gemeinden trifft man sogar noch neue und schöne Synagogen, auch noch leistungsfähige Mitglieder, die aber einen Lehrer und Führer nicht besolden und sich an größere Gemeinden anschließen. Wertvolle antike Kunstgegenstände und Stickereien in den Synagogen, die der Denkmalspflege oes Landes unterstellt werden, dürfen ohne Genehmigung nicht veräußert werden. Die Berechnungen der neuen jeweiligen Voranschläge für Kultuszwecke und ebenso deren Beitreibungen sind den Finanzämtern und Kreisämtern unterstellt wie auch das ganze Rechnungswesen ein höchstgeordnetes ist durch Revisionen wie bei den politischen Gemeinden des Landes. Der Habitus des sogenannten Dorfjuden mit seinem langen ungeschorenen Barte, wie ihn die Karikaturen ehemaliger Blätter brachten, ist vollständig verschwunden, der Schacherjüde — womit man den früh aufstehenden, handelnden Juden bezeichnete — ist nicht mehr anzutreffen, an dessen Stelle ist ein anderer, moderner getreten. Auch ein weiterer Fortschritt ist zu begrüßen. Der Lehrer ist nicht mehr der Spielball der Gemeinde, der Willkür der Vorstände und Mitglieder preisgegeben, die ihn nach Belieben aus geringfügigem Anläße auf die Schleuderwage setzt, um ihn hinauszustoßen ohne Gnade, vielmehr erfreut er sich des Schutzes der Verwaltungsbehörden. Gesterretch-Nngsm. A. R. Wien, 9. September. Seit längerer Zeit finden in Ungarn Ausweisungen galizischer Juden statt, obgleich sie sich nichts zuschulden kommen ließen und österreichische Staatsbürger sind. Daß. diesen Massenausweisungen eine antisemitische Tendenz zugrunde liegt, steht außer allem Zweifel; zumindest sind einige der Grenzpolizei-Hauptmänner bei der Durchführung des Fremdenpolizeigesetzes von antisemitischem Hasse geleitet. Wir wollen annehmen, daß der Minister des Innern, Graf Julius Andrüssy, bei seinen Dispositionen frei von antisemitischen Absichten ist und das Gleiche

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