Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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mag auch beim Staatssekretär desselben Ministeriums der Fall sein. Wir können jedoch leider nicht die gleiche Annahme von den übrigen höchsten Beamten, von den Ministerialräten und Sektionschefs, denen die Grenzenpolizei untersteht, gelten lassen. — Durch dieAusweisungen werden aber auch in vielen Fällen die Interessen ungarischer Staatsbürger empfindlich tangiert. Die Ausgewiesenen sind zumeist mit üngarrschen Staatsbürgern verschwägert, und es kann diesen, nicht gleichgültig sein, wenn deren Existenz Plötzlich grundlos zertrümmert und ihr Familienglück vernichtet wird. Zahllos - sind die Fälle, wo der Gatte die ungarische Gattin, der Vater seine in Ungarn geborenen Kinder verlassen muß, und wenn sie sich nicht unfreiwillig scheiden lassen wollen, die ungarische Tochter mit ihren ungarischen Kindern dem Manne ins Ausland folgen' müssen, nach einem Lande, dessen Spräche sie gar nicht verstehen, oft der bittersten Not und der Verarmung entgegensehend. Läßt man doch den Ausgewiesenen nicht einmal Zeit, ihre Geschäfte abzuwickeln, ihre Außenstände einzutreiben, oder ihren Besitz zu veräußern. Der von der Ausweisung Betroffene muß das Land sofort verlassen und darf nicht einmal solange im Lande verbleiben, bis sein Rekurs an die höhere Instanz erledigt und die Verfügung des Grenzenpolizei-Hauptmannes rechtskräftig wird. In vielen Fällen gelingt es dem Ausgewiesenen, nach monatelanger, kostspieliger Pryzeßführung, die Unrechtmäßigkeit und Gesetzlosigkeit seiner Ausweisung nachzuweisen, und wenn er dann nach langer unfreiwilliger Abwesenheit heimkehrt, so findet er seine Existenz entweder vernichtet oder schwer geschädigt, ohne von irgendeiner Seite eine Entschädigung beanspruchen zu können. Ja, er ist froh, wenn er nach den traurigen Erlebnissen und ungerechten Verfolgungen in Ruhe gelassen wird. — Solche einseitige nur gegen Juden gerichtete Ausnahmsverfolgungen, verstoßen gegen die Gerechtigkeit, gegen die Freiheit und gegen die Gleichheit. Sie müssen die christliche Bevölkerung der Grenzgebiete gegen alle Juden, insbesondere aber gegen alle dort wohnenden jüdischen nichtungarischen Staatsbürger aufstacheln und sie mit Mißtrauen und Voreingenommenheit gegen alle Juden erfüllen. Müssen da nickt alle Instinkte des Neides, Hasses und der Verfolgungssucht geweckt werden, wenn die Bevölkerung sieht, wie zum Beispiel im Bade Bärtfa. daß der Grenzpolizei-Hauptmann Bäno sich nicht scheute, aus Galizien dort weilende Kurgäste in sein Amt zu zitieren, von ihnen einen Vermögensnachweis zu verlangen und sie auszufordern, sofort den Kurort zu verlassen, andernfalls er sie ausweisen würde, so daß das Badedirektionsmitglied Advokat Dr. Gold in Bürtfa sich gezwungen sah, an das Ministerium des Innern telegraphisch um Schutz für seine Badegäste, gegen die Willkürakte des Grenzenpolizei- Hauptmannes BLnö sich zu wenden?! Gegen solche Uebergriffe unfähiger und gewissenloser Beamten müssen alle ungarischen Juden, aber auch alle freiheitlich und gerecht denkenden Ungarn, ohne Unterschied der Konfession Stellung nehmen. Es ist traurig, daß es in unserem schönen Ungarn dazu kommen konnte, daß wir nach Hilfe rufen müssen. An die unabhängige, freisinnige Presse Ungarns, an die gerecht denkenden Mitglieder der ungarischen gesetzgebenden Körperschaft, richten wir unseren Appell mit der Bitte, unsere Forderung nach Gerechtigkeit nicht zu ignorieren. England. — London, 8. September. Der soeben ausgegebene Jahresbericht des British-Museums erwähnt als die wichtigste Bereicherung seiner Münzensammlung die von Leopold Hamburger erworbene Sammlung alter phönizischer und judäischer Münzen. Diese Kollektion wird als die wichtigste in den letzten zehn Jahren bezeichnet. Sie enthält griechische Münzen aus Phönizien, Palästina und seinen Nachbarländern. In der Sammlung befinden sich auch mehrere römische Münzen/ die auf Judäa Bezug haben. Die Sammlung besteht aus 17 Gold-, 166 Silber- und 2546 Bronzemünzen. Unter den wichtigeren Exemplaren und Serien werden erwähnt: Eine Serie Silberschekel und halber Schekel aus den ersten vier Jahren. der Revolution unter Simon Maccabaeus und ein silberner Viertelschekel aus dem vierten Jahre. Eine ansehnliche Serie seltener Münzen von Antiogonos (40 bis 37 v. u. Z ). Fünf Änrei von Vespasian und Titus zum Andenken an die Unterwerfung Judäas geprägt. Eine sehr reichhaltige Serie der überaus seltenen Tetradrachmen und Drachmen, und zwar ein Tetradrächma aus dem ersten Jahre (äußerst selten). 9 aus dem zweiten und IO undatierte, 76 Drachmen, die über römische Denarii geschlagen sind. Von den phönizischen und palästinensischen Städten sind die folgenden mit seltenen Münzen vertreten: Abila (3 verschiedene Sorten), Pella (2), Anthedron (3), Antipatris (1), Esbus (5), Botrys (2), Diospolis Lyda (6).-EleutheroPolis (10), Joppa (4), Charach-moba (3), Modaba (3), Nysa-Scythopolis (12), Rabbath-moba (3). — Wie die hier erscheinende „Jewish World“ mitteilt, ist es einem hiesigen Juden gelungen, ein Luftschiff zu erfinden, bezüglich dessen er sich mit dem jüngst von der Regierung ernannten Aeronautischen Komitee in Verbindung gesetzt hat. Der betreffende Herr, dessen Name im gegenwärtigen Stadium der Dinge noch nicht genannt werden kann, hatte die Freundlichkeit, einige Mitteilungen über seine Erfindung zu machen. Er studierte von jeher die moderne aeronautische Wissenschaft mit großem Eifer und bildete sich eine bestimmte Theorie über die Luftströmungen. Ebenso verfolgte er natürlich auch die Entwicklung der Aviatik in den letzten Jahren mit großer Aufmerksamkeit. Sein Prinzip enthält viel Neues und ist sowohl für lenkbare Ballons als auch für Maschinen, die schwerer sind als die Luft, anwendbar. Er ist auch überzeugt, daß seine Maschine fähig sein wird, eine größere Distanz ohne Unterbrechungen zurückzulegen und hofft auch, sie in der Luft stationär halten zu können. Eine der wichtigsten Vorteile' dieser Maschine ist ihre Portabilität. - Die Maschine ist zerlegbar und daher leichter zu transportieren. Ein Motor wird wohl verwendet, aber die Maschine ist bis zu einem gewissen Grade vom Motor unabhängig. Sämtliche Pläne und Zeichnungen sind bereits sertiggestellt und die oben erwähnte staatliche Kommission wird sich in kürzester Zeit mit denselben befassen. Kuszlanv. L. A. T. Petersburg, 9. September. Die Aufnahme der Juden in . den Moskauer zahnärztlichen Schulen ist auf drei Prozent beschränkt worden. In diesem Jahre werden dieselben gar keine Aufnahme finden, da die Zahl der Juden dort bereits 6,7 Prozent ausmacht. — In der Kiewer Universität haben 54 jüdische Apotheker Bittschriften eingereicht, während für Juden bloß eine Vakanz existiert, da sehr wenige christliche eingelaufen sind. — Das Ministerium des Innern gestattete der Petersburger Abteilung der Fürsorge für jüdische Mädchen, den Namen des gewesenen Vorsitzenden derselben Baron Horaz v. Eünzburg, zu tragen. — In der höheren Petersburger Kunstschule, auf der Akademie der schönen Künste werden die Juden ohne jede Beschränkung ausgenommen. — In Odessa wurde an dem bekannten russisch-jüdischen Dichter S. G. Frug eine ernste Operation vorgenommen. Die Äerzte hoffen auf seine Wiedergenesung. — In Krementschug fand eine große Feuersbrunst statt. Die Synagoge von Jurowsky wurde ein Raub der Flammen. — Das offiziöse Blatt „Rossija" („Rußland") sagt in einem Aufsatze, daß die Juden durchaus nicht auf irgendeine Verbesserung ihrer Lage rechnen sollen, da dies jedenfalls nicht zeitgemäß fei. — Unter der Redaktion der bekannten Schriftstellerin Z. Wengerow ist in Petersburg der erste Band des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann in russischer Sprache erschienen. — In Kursk starb das Mitglied der Reichsduma, der bekannte Antisemit Graf Dorrer. — Von den Juden, die als Studenten in die Petersburger Universität eintreten wollen, befinden sich 25, die goldene, und 15, die silberne Medaillen bei Beendigung der Mittellehranstalten erhielten. — In der neuerrichteten _ Saratower Universität haben sich 80 Juden gemeldet; aber bloß fünf können ausgenommen werden. — Der Ministerrat hat soeben in Abweichung von den bestehenden Bestimmungen etwa 200 jüdischen Familien, die in Moskau ihren ständigen Wohnsitz haben/ ohne daß sie hierzu eine einwandfreie Berechtigung besitzen, gestattet, ihren dortigen Wohnsitz beizubehalten. ■ ' Von Sah und Fern. -----Das älteste Privathaus der hiesigen Friedrichstraße, das die Nummer 225 trägt, wird' abgerissen werden. Das Gebäude wurde unter Friedrich Wilhelm I. bei dem Weiterbau der Friedrichstraße von der Mauerstraße bis zum Belleallianceplätz seinerzeit den Kaufleuten der Berliner Judenschast angewiesen, die es, ebenso wie Üi M