Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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i! „Ich verstehe Sie," urch mit einem Sprunge stand er irr^ ^der dichten Menge, die den Platz einnahm, auf welchem Elisabeth-Aktien gehandelt wurden. Die Aufregung stieg dort gewaltig. Es hatten sich zwei Parteien gebildet, die sich schroff gegenüberstanden und befehdeten. „Hören Sie, Ledermann, Sie werden doch die Elisabeth nicht so tief drücken, dazu sind Sie zu . schwach. Das hätten Sie früher tun sollen, als Sie noch bei Federn waren!" rief . eine Stimme. Ein Gelächter folgte diesen Worten. ' Der Kampf wogte zwischen der Hauste- und Baistepartei hin und her. Die erstere schien aber zu siegen. Wüster Lärm erfüllte den Saal. Eine dumpfe Luft, verdichtet durch Staubwolken, die sich unter der hochgewölbten Decke des Saales zusammenballten und sich schwer nieder-, senkten, dunstig durchsetzt vom heißen Atem der Tausende, die in diesen Räumen weilten, hin- und herrannten und tobten,, lagerte über der Szenerie. Sie hüllte wie ein grauer Schleierdie Galerien ein, über deren Brüstung sich die Zuschauer herabneigten, um ans dem Gewirr der Stimmen, die wie Meeresbrausen an ihr Ohr schlugen, einige Worte zu vernehmen. „Wunderliche Gesellschaft," sagte der Fremde, „wunderliches Treiben! Ein wahrer Hexensabbat, in welchem man toll zu werden, fürchten muß." „Was Wunder, daß die Börse ebenso oft angebetet wie verlästert, bewundert wie verdammt wird, je nach dem Temperament und den Schicksalen der Personen, die sich ihr nahen? Das ist die Arena, in welcher Gladiatorenkämpfe der Leidenschaft, der Gewinnsucht alltäglich ausgefochten werden: Hier feiert die Geschicklichkeit, das gereifte und gesunde Urteil, die Weltkenntnis, die Rechenkunst ihre Triumphe. Hier schweift die Phantasie des Spiels in ungemessene Weiten und erhebt sich zu hohem Fluge der Erwartungen, hier blendet die Fata Morgana des Glücks die Augen und zieht die Verführten in den Abgrund. Jauchzen der Sieger, Weheruf der Besiegten! Sonnenglanz und Finsternis, Stürmen und Ermatten, Hoffen und Verzagen! Alles das drängt sich auf diesem kleinen Raum in wirrem Knäuel zusammen und spielt sich in rasch wechselnden Bildern innerhalb weniger Stunden ab. Ein Mikrokosmos der Triebe, die im großen Weltenraum walten und die Menschen vorwärts treiben zu rastloser Arbeit, die schaffen und vernichten, bauen und zerstören. Hier werden politische Konstikte, Krieg und Frieden, nationales Begehren, Gelüste nach Mächterweiterung, wie in einem gewaltigen Brennspiegel aufgefangen, der seine Ausstrahlungen überall hinsendet. Die Kurse der Papiere gestalten sich zum Register der Geschichte der Gegenwart. Auf diesem Raume werden die Arbeiten in den Werkstätten der Industrie und in den Kontors des^ Handels bewertet. Die keimenden Saaten, die reifenden Ernten der Felder, die Arbeiten in den dunklen. Tiefen der Erde, in den Bergwerken vorausberechnet. Das Schüren nach dem kostbaren schwarzen und dem edlen, durchsichtigen, weißen Diamanten, nach dem faszinierenden Gold wird mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Gewinn und Verlust werden rasch verglichen. Das Steigen und Fallen der Kurse verkündet das Urteil vieler Tausender, die öffentliche Meinung über die Resultate der ökonomischen Tätigkeit aller.Völker unseres Planeten." „Sie scheinen keine üble Meinung von der Bedeutung der- Börse zu haben? Etwas wie Begeisterung für dieses Institut lugt sogar aus Ihrer Rede hervor." „Man muß stets die Spreu von dem Weizen trennen. Das Kranke von dem Gesunden, den kräftigen Stamm von den Auswüchsen. Ich habe eine hohe Meinung von den Funktionen des uralten Instituts, das .sich immer kräftiger entwickelt, aber mich wundert es trotzdem nicht, wenn man es mit einem Giftbaum vergleicht. Sehen Sie, mein lieber Freund, es ist doch Ungewöhnliches, was sich hier abspielt. In diesem engen Umkreis des Raumes wird das kosmopolitische Band der Verbrüderung gewoben, das alle Nationen umschlingt und fast zu einer einzigen wirtschaftlichen Gemeinschaft vereinigt." (Fortsetzung folgt.) Memoiren. s soll beim Himmelsherrn auch droben Ein Memoirsnschreiber sein, Bestimmt zu tadeln und zu loben, Doch nicht nach schalem Erdenschein. Was Menschenkinder taten, ließen, Wofür belohnt sie sind und büßen, Er trägt es ein ins Memorbüch, Zum Segen dem und dem zum Fluch... Da kam einmal hinauf ein Streber — Man kennt das Proteusgezücht — Daß er war ein Almosengeber, So ging von ihm ein laut' Gerücht. „Den Lohn begehr' ich für mein Walten — Was soll Dein bitterböser Blick? Ich laß' mich nicht zum Narren halten. Schlag auf Dein Buch nur mit Geschick! Kannst lesen, wie mit vollen Händen Ich ausgestreut die reichen Spenden. Kein Werk gab's und kein Unternehmen, Die Fortschritt fördern oder lähmen, Ob patriotisch, sozial, Humanitär und klerikal, Die nicht beträchtlich ich bedacht Und hilsbereit mit großen Summen: (Aus der Mappe eines Seelsorgers.) Gab vornehm fein, nicht ungeschlacht, Da mußte selbst der Neid verstummen. Es regneten auch Ehrenzeichen Und Titel, Orden, sondergleichen Samt Adelsbrief auf mich herab. Die Zeitungen, woher sie kamen, Sie brachten täglich meinen Namen. Das Glück blieb treu mir bis zum Grab. Und erst als ich von dannen ging, Erweckt' ein Sturmgeläut' von Trauer In allen Kreisen Beileidsschauer, Bei Hoch ein Klagen und Gering. Es schrieben wund sich viele Hände An Nekrologen ohne Ende. Die letzte Ehr' erwiesen mir Lawinen gar von Kondolenzen» Von Tausenden ein Sargspalier, Ein Wagenpark von Grabeskränzen. . ." Der Schreiber rümpft die Nase: „Ei, nichts als leere, eitle Phrase! Was jener Wald von Blätterzungen Geräuschvoll, überschwänglich pries. Wenn man Dich auch Wohltäter hieß. Ist nicht zu mir heraufgedrungen. Willst Du vom reichen Erdenlohn, Den Du hast eingeheimset schon, Die Zinsen oben noch genießen? Nein, nein, das mag Dich baß verdrießen! Die Güte, die der Ehrbegier Entstammt, hat keinen Anwalt hier, Wie oft gabst Du, nicht um zu helfen, Nur um zu heulen mit den Wölfen? Dafür'darf man Dich feige schelten. Die Sucht, zu glänzen und zu gelten, Umschmeichelt und gerühmt zu werden, Die Münze, sie gilt nur auf Erden, Um die Ihr Euch zu Tode hetzt; Hier ist sie außer Kurs gesetzt... Indes Du brauchst nicht zu verzweifeln, Du ließest auch zuweilen träufeln Der Milde unauffäll'gen Tau, Almosen, die, wenn auch nur spärlich, Aus Mitgefühl, das treu und ehrlich Du andern reichtest, nicht zur Schau, Im Stillen und ganz ungesehen, Nicht ausposaunt an einem Orte, In meinem Buch verzeichnet stehen; Sie öffnen Dir die Himmelspforte . .. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.