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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 Finanzwelt vorhanden ist und eine weitere Ausdehnung der Gründungen und Emissionen jedenfalls eine Kurskatastrophe herbeisühren würde." „Wir wollen-es nicht hoffen; aber es ist 1-1 Vz Uhr, wie wäre es,, wenn Sie mit mir einen Streifzug durch die Börse machten, um sozusagen aus der sprudelnden Quelle des Verkehrs selbst Anschauung und Urteil zu schöpfen." „Ich bin gern bereit." „Es ist besser, an so schönem Maientage wie heute — zu Fuß den Weg . zur Börse zu machen, der durch den vornehmsten Teil Berlins, durch die historisch wichtigen Straßen der Hauptstadt führt." Sievers faßte den Fremden unter den Arm, und sie schritten über den Werderschen Markt dem Schlosse zu. Der an die Lebhaftigkeit des Pariser Verkehrs gewöhnte Franzose sprach sein Erstaunen aus über das wogende Leben, das sich in der Nähe des Schlosses entwickelte. Der eigenartige Bau des Schlosses machte in seiner mannigfachen Gliederung einen angenehmen Eindruck. Der Lustgarten wurde erreicht. Vor dem Standbilde Friedrich Wilhelm des Dritten wurde Halt gemacht. Die Szenerie, die hier die Kunst geschaffen hat, ist eine fesselnde. Dort der Dom. Hier das Museum, der im griechischen Stil erbaute Tempel der Kunst, eine Heiterkeit und Ruhe in der Säulenstellung des Vestibüls, die zur friedlichen Einkehr einladet. Dahinter die Nationalgalerie, zu der man durch die in herrlichem, gärtnerischem Schmuck prangenden Anlagen des Lustgartens, an rauschenden Fontänen vorübergelangte. Aus dieser behaglichen Ruhe weckt der Lärm des Tages, weckt Geschäftigkeit, die sich auf der Friedrichsbrücke entwickelt, die zu dem Prachtbau der Börse führt. Das Ziel war erreicht. Sievers stand mit seinem Begleiter inmitten einer Menge Menschen, die sich vor dem Portale des Börsengebäudes zusammenballte. Ein Schutzmann zu Pferde hielt die Ordnung aufrecht. „Heute ist schönes Wetter, und es läßt sich vor der Eröffnung der Börse gut im Freien weilen," sagte Sievers, „aber auch im Sturm und Regen hält diese Masse stundenlang aus." „Der Schutzmann reitet heute den Schimmel, Baisse im Anzug," tönte es lachend aus der Menge heraus. „Wie?" fragte der Fremde seinen liebenswürdigen Führer, „ist der kalt berechnende Norden abergläubisch?" „Freilich," entgegnete dieser, „die Roues der Börse, überall gleich leichtlebig, temperamentvoll und waghalsig, haben wie die kühnsten, todverachtenden Krieger ihren Aberglauben. Wenn der Schutzmann, der wie der Comthur im Don Juan auf seinem Pferde einer Statue gleich, vor dem Portale des Vörsengebäudes Halt macht, um im Gedränge der auffahrenden Droschken und in der Menge, die hier auf- und abwogt, Ordnung zu schaffen, dann wird die Farbe seines Rosses mit aufmerksamem Blick geprüft. Der Schimmel des Darius brachte diesem den Thron ein, dem Börsianer bedeutet der Schimmel des Schutzmanns Niedergang der Kurse. Die dunkle Farbe seines Rosses verheißt ihm die Hausse." Zehn Minuten vor der Mittagsstunde drehten sich die hohen und schweren Türen des Palastes in ihren Angeln und taten sich weit auf. Da gab es ein Stoßen und Drängen und ein Vorübereilen in dichten Kolonnen an dem im Vestibül aufgestellten Marmorbildnis des ersten deutschen Kaisers, der nicht als der Sieger in vielen und blutigen Schlachten dargestellt ist, sondern als Gesetzgeber, als Beschützer des Friedens und der bürgerlichen Arbeit. Sievers schien es großes Vergnügen zu bereiten, sich und seinen Begleiter von der wogenden Menge mit sortreißen zu lassen. Der Franzose war von dem Anblick des Börsensaales überrascht. Ein stolzer Bau, säulengetragen, weithin — und hochaufragend, schaut mit monumentaler Ruhe und der Heiterkeit der vollen, ästhetischen Schönheit auf die sich wälzend^ Menge, wie fragend herab, warum seine mystische Stille plötzlich durch den Lärm unterbrochen wird? . ... Nur langsam vermochten Sievers und seine Begleiter vor- ^udringen. Es schien ihnen auch wenig daran gelegen, rasch den Raum zu durcheilen. Sie ließen sich lieber langsam vorwärts schieben, da die Szenen, die sich vor ihren Augen entwickelten, ihre Sinne beschäftigten und unterhielten. „Beobachten Sie nur," rief Sievers dem Fremden laut zu: „das Schieben und Drängen an dieser Stelle, die jetzt eine besondere Anziehungskraft besitzt. Hier werden Berge versetzt, die tiefsten Schachte der Erde mobilisiert, das ist der Markt für Bergwerke. Dort die kräftige, jugendliche Gestalt, breitschultrig, hochgewachsen, der echte, urgermanische Typus, der den dichten Knäuel Menschen überragt, den Tumult mit seiner kräftigen Lunge übertyrannisiert, das ist das enkam terrible der Börse. Wo er auftaucht, da gibt es ein Ereignis, da wird wenigstens ein solches vorbereitet. Die Wendung seiner Hand nach oben, das Ausschwingen des Bleistifts und des Notizbuches bilden für die Nahe- und Fernstehenden das Signal für eine Hausse, das Senken der Hand und des Bleistiftes ist das Zeichen, daß eine Baisse im Anzuge ist. Er'ist der Abgesandte der Faiseurs, die heute verbrennen, was sie gestern bekannt, morgen bekennen, was sie heute verbrannt haben, die nichts wollen als Emotionen der Kurse, um ihre Leidenschaften in Schwingungen zu bringen und zu erhalten." „Sie hier, schon hier?" rief Sievers jetzt dem. ihm begegnenden Saulmann zu, der im Gespräch mit Grosser herankam und am Markte für Bankaktien auf einem Blatte Notizen machte. Er stellte Saulmann als den Handelsredakteur eines Blattes, das großen Einfluß in der Handelswelt besitzt und Grosser als einen hervorragenden Finanzier und Industriellen vor. „Sagen Sie, Saulmann, ich bemerke heute ein ganz ungewöhnliches, lebhaftes Treiben, eine Spannung auf den Gesichtern der Spekulanten, die auf ein besonderes Ereignis schließen läßt. Herr Grosser ist so früh zur Stelle, wie überhaupt die Chefs der Banken und Bankhäuser, die sonst mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung den ersten Anprall .der spekulativen Leidenschaften zu vermeiden und lange nach Eröffnung der Börse zu erscheinen pflegen. Alles drängt sich dem Bergwerksmarkt zu, als ob dort eine Hauptschlacht geschlagen werden sollte! Was gibt's?" Saülmann sah Grosser fragend und bedeutungsvoll an und wandte sich dann, als dieser mit zustimmendem Blicke antwortete, Sievers zu, dem er ins Ohr flüsterte: „Sie haben Recht, heute gilt es, das Bergwerk Elisabeth, dessen Aktien ein Konsortium jüngst eingesührt hat und das heute die Parole des Tages bilden wird. Es gehen wichtige Dinge vor. Es gibt was zu profitieren." Sievers machte eine abwehrende Bewegung. „Guten Tag, meine Herren!" sagte ein Herantretender.. „Was gibt es Neues, was geht denn vor? Elisabeth steigt ja in die ^Puppen, ich habe leider den Anschluß versäumt, oder kann ich noch einsteigen. Sie werden es wissen . . ." „Lieber Freund, Sie sind ja ein gewiegter Spekulant," sagte Saulmann, „sehen Sie Grosser da mit dem Kommerzienrat Heimannsohn sich die Hände drücken und wie sie beide vergnügt lächeln? Diese gehören dem Konsortium an und — Sie verstehen mich wohl. . ."

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