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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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Mag der Graf weiter'nnt seinen Knechten Judenattacken einüben, wenn ihm jemand das nötige Terrain zur Verfügung stellt. Uns, die wir in ernstem Kampfe' stehen gegen einen mächtigen Feind, wird dieser Don Quichote aus Ktein-Tschirne für alle Zeiten eine erheiternde Gestalt bleiben! . : Bit Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. msm XI. ch bitte Dich, Kind, mache keine Szene," sagte Saulmann zu Else, die aus seinen sie umschlingenden Armen sich loszumachen suchte, als sie die. Stimme ihrer Schwester aufgeschreckt hatte. — — „Seit Wochen mußte ich Dich entbehren und heute, wo ich Dich nach langer Einsamkeit wiedersehe, schreckt Dich einer Stimme Laut, ein Phantom von meiner Seite . . ." „Agathens Stimme!" und dann, als wurde sie sich im Augenblick erst der ganzen Tragweite ihrer Handlung bewußt, brach sie in ein trostloses Weinen aus. — Er ließ sie gewähren. Er kannte ihr Wesen zu genau und wußte, daß diesem Anstürmen des Gefühls,, der Reue, eine große Apathie, eine Hilflosigkeit folgte. Nur so hatte der schlaue Kenner weiblicher Herzen es dahin zu bringen vermocht, daß sie in ein geheimes Verlöbnis willigte, daß sie seinen Schwüren, seinen Versicherungen Glauben schenkte. Er hatte seine Manöver genaü nach ihren' Charaktereigenschaften berechnet; diesem Gemisch von Sehnsucht, Leidenschaft, Träumerei und Mädchenstolz, der ein besonderes Glück als ihm gebührend und bestimmt erachtet, und Mädchendemut, die sich jubelnd dem Ersehnten unterwirft. Er wußte, daß sie ohne das behütende Auge der Mutter ausgewachsen war, ohne eigentliche Einwirkung einer starken Frauennatur auf ihr Gemüt, sich selbst und ihren Phantastereien überlassen. Er hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht. Dem ersten heimlichen Rendez-vous waren Spaziergänge auf verschwiegenen Wegen gefolgt, die er mit süßen Worten, mjt holdem Liebesgeflüster, mit verstohlenem Händedrücken und geraubten Küssen für sie zu Sonnenpfaden machte, die direkt ins Paradies führen mußten. Aus den Worten und schüchternen Liebkosungen wurden innigere Vertraulichkeiten. Jeder Blick, jedes Wort, das Erbeben ihrer Gestalt waren Aeußerungen der Liebe. Schlauberechnend tat er alles, um sein Opfer nicht zu verschüchtern und scheu zu machen. Das Vöglein flatterte von Tag zu Tag näher heran und eines Tages würde es im Garne sein. — — Aie letzten Einwendungen und Bedenken, die auf Augenblicke noch in ihm erwachten, wies er von sich. — Sie war viel zu schön und begehrenswert, als daß er sich mit Skrupeln aushalten sollte. — — Nur eines verheimlichte er vor seinem Gewissen, daß er in ihr den Glauben erweckt und erhalten hatte, daß er sie heiraten werde ... daß sie sich seine Braut wähnte, ehe sie seine Geliebte wurde. Dann war sie erkrankt und die Schwester sofort' heimgekehrt. Er' hatte sie seit Wochen nicht gesehen -- als sie heute ganz unerwartet zu ihm gekommen war. Mit zärtlichen Küssen bedeckte er ihre Hände, Antlitz und Mund, in atemlosem Entzücken stammelnd: „Du liebst mich, Du liebst mich! Diese Liebe hat nichts in Dir zu ertöten vermocht!" Sie lächelte glückselig. . | „O, und wie ich mich nach Dir sehnte. Wie Unglücklich ich war. Dich nicht sehen. Dich nicht trösten, nicht in Deiner Nähe sein zu können. . -- . — - - Sie nickte nur immer stillschweigend mit dem Kopse, jedes seiner Worte mit bebenden, halb geöffneten Lippen in sich aufsaugend. „Jetzt ist Agathe zurück und .. . und wir wollen ihr*alles sagen .. ." Er zuckte zusammen und schloß ihr dann mit erneuten Küssen den Mund. „Ich weiß, und gewiß . . . aber dieses Geheimnis in das Licht des Tages gerückt . . . o, und es ist so süß und so selig. .. daß nur Du und ich es wissen, Else, mein holdes Kind." Da war er wieder, der starke Zauber, der sie ihm. ganz unterwarf. Sie verstand kaum den Inhalt der Worte, die er ihr unter Liebkosungen zuflüsterte. Der Klang seiner Stimme reichte hin, sie zu betören, und wie Sirenenklang aus weiter Ferne umkosten sie diese weichen, berückenden Töne. Er wußte, welche Saiten in ihrem Herzen widerklingen. Und plötzlich in diese Sphärenklänge hinein die Stimme Agathens: „Auf Wiedersehen, Frau Reimers!" Sie fuhr empor. Agathe hier-ihre Schwester? Nur durch eine Tür, eine dünne Wand von ihr getrennt. Er begriff sofort die Gefahr, die ihm drohte. Er erstickte ihren Entsetzenslaut und dann — dann ließ er sie weinen. Er betrachtete sie, wie sie vor ihm saß in ihrer Verzweiflung, ihrer Hilflosigkeit schöner als je. „Else, Geliebte!" Er sank vor ihr auf den Teppich neben der Ottomane nieder, „Else..." er barg den Kops in ihren Kleidern, ihr Weinen verstummte allgemach. Wie irr wühlten ihre Finger in seinen Haaren. „Else!" Sie war völlig bewußtlos, ganz in seinem Banne ... Und dann kam es noch einmal liebevoll und zwingend aus seiner Brust: „Else!" Aus dem Gebäude der Reichsbank traten zwei Herren heraus und gingen langsam die breiten, steinernen Stufen hinab, die zur Jägerstraße führten. Sie schienen unschlüssig, zu sein, welchen Weg sie einschlagen sollten. Der Aeltere derselben, Doktor Sievers, sprach auf seinen Begleiter, dessen Gesicht den Ausländer und dessen dunkler Teint und lebhaftes Mienenspiel den Franzosen verrieten, nachdrücklich ein. Sie blieben an der untersten Stufe der Treppe stehen. Sievers schien befriedigt zu sein über die Meldungen, die ihm jetzt sein Begleiter machte. Dieser hatte soeben durch Vermittlung des Doktor Sievers, der das Vertrauen des Reichsbankpräsidenten in hohem Grade besaß, eine Audienz bei diesem gehabt. Der Franzose gehörte der baute üuanee an und war nach Berlin gekommen, um sich über die große Bewegung und die neue Gründungs-Aera/ die die Berliner Finanzkreise in Atem hielt, persönlich zu informieren. „Sie haben nun die Meinung des Präsidenten über die gegenwärtige Bewegung erforscht und gewiß Auskunft darüber erlangt, welche Stellung die Reichsbank mit ihrer Diskontopolitik gegenüber der Hochflut der Gründungen und Emissionen einzunehmen gedenkt?" „Es ist selbstverständlich mein Herr," erwiderte der Fremde, „daß mir darüber nur Andeutungen wurden, die aber ein geschulter Finanzmann richtig zu interpretieren versteht." „Also keine Geldkrisis, wie manche in der Luft schweben sehen?" entgegnete Sievers. „Vorläufig keine; allein das konnte ich aus den Worten des Präsidenten herauslesen, daß eine Anspannung in der

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