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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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An unserer Universität sind 50. Prozent jüdische Studierende, obwohl sie in der gesamten Bevölkerung höchstens 10 Prozent ausmachen. Warum ist, das?. Deswegen, - weil die Juden fühlen, daß es in den Berufen, die sie bisher gehabt haben, einfach nicht, weiter geht. Und das ist ganz richtig. Und nun stehen wir vor der wichtigsten Frage: „Was fangen wir mit den *90 Prozent Juden an, denen. heute eine Katastrophe droht? Das ist mir vollständig klar, daß sie nicht alle Advokaten, Aerzte, Beamte und Professoren werden können. Die Flucht in die gelehrten Berufe wird daher auch aufhören müssen, je früher, desto besser; denn auch hier ist eine Katastrophe im Anzuge." — Wie gesagt, ich habe nur einige markante Stellen aus dem Ganzen herausgerisien; möge jeder mit aufmerksamem Auge den ganzen Vortrag lesen, dem die Interessen des Gesamtjudentums am Herzen liegen. Nun kommt aber im nächsten Jahre noch ein erschwerender Umstand für die Juden Galiziens hinzu! Die Propiuationssrage! So harmlos das Wort sich anhört, für die galizischen Juden ist es wichtiger als für die europäischen Staaten die Kretafrage. Ca-veant consules. Lin Don Ouichllte unserer Tage. Von Dr. Victor Goldschmidt, Leipzig. or kurzem ging die Nachricht durch die Blätter, das Guides entmündigten Grafen Pückler-Klein-Tschirne sei an einen anderen Grasen Pückler verkauft worden. Das war gewissermaßen der Schlußeffekt eines Satyrspieles, das, wie alle guten Werke dieser Art, einer gewissen .nachdenklichen Wehmut nicht entbehrte. Ich muß es offen zugeben: es tut mir, ohne jede Ironie gesagt, leid, daß der Gras Pückler so ganz aus der Oeffentlichkeit verschwinden soll. Ich habe zwar geringe Neigung dazu, dem Feinde goldene Brücken zu bauen, weil er sie erfahrungsgemäß dazu benutzt, um wiederzukommen; aber hier kann ich^s ruhig sagen: , ich hab> ihn beinah geliebt. Und seit er nicht mehr redet, fehlt mir etwas, ist mir, als sei wieder ein Stück Humorein bischen Freude aus unserem öffentlichen Leben verschwunden. Viele werden, um mit Möricke zu reden, meinen, Pückler sei „weder ein Halbgott, noch ein Begeisterter, sondern ein Schweinpelz" gewesen. Das ist nicht wahr: er war ein Begeisterter. Er war nichtwie neun Zehntel seiner Gesinnungsgenoffen, Geschäftsantisemit; auch war er nicht Antisemit aus wissenschaftlicher Ueberzeugung, wie. Eugen Döhring und H. St. Chamberlain — denn die Wissenschaft an sich hielt er für nicht ganz urteutonisch, jedenfalls aber für stark verjudet und perhorrescierte sie durchaus mit Erfolg nein, er war Antisemit - aus Herzensüberzeugung, aus Haß, aus rotem, blutigem Haß! Wie er zu diesem Hasse gekommen ist — man weiß es nicht ganzgenau. Es gibt ja in seiner Familie verschiedene — Liebhabereien, die, als sie ausarteten, nicht mehr so genannt werden konnten. Ein Graf Pückler ist, wie er sich ausdrückt, Evangelist und zieht singend und leierkastenspielend in Berlin 0 und N öott einem Hofe zum andern; ein anderer Pückler wieder hat eine Leidenschaft für Hahnenkämpfe und läßt sich zu diesem edlen Behufe aus der ganzen Welt die; schönsten Hähne kommen. Möglich, daß bei unserem Pückler die, Hetze - auf Juden diese Liebhabereien seiner. Vettern ersetzen muß. Jedenfalls: sein Haß ist ernst. Wäre Pückler einer von den..zielbewußten,, klugen. Grau-., samen gewesen,^ er hätte uns unsäglich schaden können. Sein alter Name, sein-nicht unbeträchtliches Vermögen: er hätte es - ausnutzen können zu einer gewaltigen Agitation, die vielleicht die Reihen unserer tätigen Feinde nicht unbeträchtlich vermehrt hätte. Aber Gott hat es anders gewollt. Er gab dem Grafen Pückler ein gewaltiges Temperament, eine heiße Leidenschaftlichkeit, eine heftige Ueberzeugrmgstreue, aber er versagte ihm Klaren Verstand und ernste Zielbewußtheit, und begabte ihn 'mit einer Verbohrtheit, wie sie selbst in unserer Zeit ihresgleichen sucht.. Und je mehr er redete, je mehr er haßte, desto unklarer wurde sein armes Hirn, desto weniger vermochte er die Probleme, über die er sprach, zu begreifen. Es erging : ihm wie dem edlen Ritter von der Mancha: er glaubte,-zwei, oder drei Jahrhunderte früher zu leben. Und wie jener durchzog er die Lande; und er redete in den Versammlungen, . redete so Unglaubliches, so Unerhörtes, daß die, denen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung anvertraut war, sich den Kopf hielten und sich schließlich durch eine geradezu gesetzwidrige Maßregel zu helfen suchten, indem sie ihm einfach das öffentliche Reden untersagten. Als das nichts hals, ließ man ihn entmündigen. ■ .. . Schade! Denn für den, der ihn rein ästhetisch auffaßte und sich nicht etwa gar über den Inhalt seiner Reden empörte) war's ein Genuß, ihm zuzuhören. Eine Groteske, wie man sie nicht oft erlebt. Ich habe den roten Dr. Förster, der dann in Paraguay das idyllische Deutschtum rekonstruieren wollte, nicht mehr gekannt: aber so schön wie Pückler kann er^s trotz allem, was man mir von ihm erzählt hat, unmöglich gemacht haben. Die äußeren. Allüren und manches andere soll Pückler von ihm geerbt haben. Ich glaube allerdings, daß er ein ganz seltenes Phänomen von Atavismus ist und in gerader Linie von einem Laienprediger des späten Mittelalters, so etwa aus der Schule des Geiler von Keisersberg, abstammt. Denn in der nachlutherischen Zeit wird alles, was in der Schimpfkunst geleistet wurde, neben einer Leistung zum Produkt eines kläglichen Dilettantismus. „Schmeißt das dreckige alte Aas, die Sarahleben, auf den Asphalt runter, daß ihr blödes Judengehirn an der Laterne raufspritzt!" Ein Mann, der diesen Satz in' Dutzenden von deutschen öffentlichen Versammlungen wiederholen konnte, ohne ihn zu seinen kräftigsten Sentenzen rechnen zu müssen, ein solcher Mann muß jeden Schimpfer unserer Tage als Dilettanten neben sich empfinden. Und selbst unser literarischer Graf Pückler, der große Bartels zu Weimar, ' schrumpft zusammen neben ihm. (Uebrigensr nur in der Verranntheit haben die beiden innere Berührungspunkte. Pückler. hat niemals bewußt Geschichte gefälscht.) Nun wird er für immer schweigen; denn seit er staatlich für unzurechnungsfähig erklärt wurde, wollen auch seine treuesten Anhänger nichts mehr von ihm wissen. Wir aber können das eigentlich nur bedauern. Denn für uns, die er so grimmig haßte, hat er ein Stück Arbeit geleistet, das wir ihm , nie vergessen dürfen : die ganze Lächerlichkeit und Unmöglichkeit des Massenantisemitismus hat er durch seine Reden dargetan; er hat es vermocht, daß sich unter unseren Feinden die vornehmer denkenden von dem flachköpfigen, gröhlenden Janhagel schieden und einsahen, daß man die tausend Jahre alten Fragen nicht von heut auf morgen, nicht mit dem Dreschflegel und vor allem nicht mit dem von schwächlichem Hirne schlecht bedienten ' Urteutonenmaule lösen kann. Daß man aber dem Ochsen, der so wacker gedroschen hat, besagtes Maul auf immer verband: das bleibt jammerschade!

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