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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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. aufzuzählen), ich will keine Vergleiche anstellenim Grunde genommen ist es ja gleichgültig, in welchem Lande wir die -Führer haben, seien wir froh, daß wir sie überhaupt haben. .Ich habe nur mit diesen Zeil.en meine Gründe angeben wollen, weshalb ich mich wieder an die „Zeitung des Judentums" wende. Ich wende mich eben an die deutschen Juden! ,.ES sind jetzt beinahe vier Jahre, als das Unglück über unsere Glaubensgenossen in Rußland hereingebrochen. Ueberäll — wo immer Juden wohnen — sind Geldsammlungen veranstaltet worden, um. die Not und das Elend der zurückgebliebenen Witwen und Waisen zu lindern. Dies zu tun, wäre zwar Pflicht der Menschheit gewesen,, aber wir sind schon,, oder richtiger gesagt, wir mußten schon durch die tausendjährigen Erfahrungen eines Besseren belehrt und gewitzigt worden sein. Mein noch vielleicht zum geringen Teil zurück- , gebliebener Idealismus und Glaube an die Menschheit sind hier in Triest gründlich zerstört worden. Es ist leider eine traurige Wahrheit, die Juden sind nur auf sich allein angewiesen. In einer so liberalen Stadt — wie es in Triest der Fall ist, wo es leider eine allgemeine Entjudung oder wie ein Witze reißender Journalist die Aeußerung getan, eine allgemeine Verjudung ist — hat ein einziger Nichtjude eine größere Spende gegeben. Man muß die Verhältnisse nur gründlich kennen, um meine letzte Aeußerung verstanden zu haben. Tatsache ist, daß wir Juden mit unseren eigenen Kräften ein nach Millionen zählendes Kapital aufgebracht haben, und was ist geschehen? Ist mit dem unter so vielen Opfern gesammelten Gelde ein für absehbare Zeiten heilbringender Zweck erreicht worden? Ich habe seinerzeit meine warnende Stimme erhoben, habe konkrete Vorschläge gemacht und zwar, man möge vom allgemeinen Gelde 20 Prozent reservieren und dieses Geld für ein groß angelegtes Waisenhaus in Florenz verwenden. Ich bin persönlich behufs Rücksprache mit den Leitern der Allianz nach Wien gefahren, habe meine Gründe auseinandergesetzt; Dr. . Margulies in Florenz war mit mir einverstanden. Dr. Kaminka, Sekretär der Allianz, meinte -- so viel Waisen gäbe es gar nicht in Rußland, und überdies würden die Mütter oder die anderen Verwandten der verwaisten Kinder unter keinen Umständen zugeben, daß dieselben nach dem Auslande „verschickt" werden. Diese mit so überzeugendem und überzeugtem Brustton apodiktisch ausgesprochenen Grundsätze, die für die Wiener Allianz maßgebend waren, haben Ich im Laufe der Jahre — wie ich es vorausgesagt und vorausgesehen habe — als irrig und falsch herausgestellt. Es waren leider mehr Waisen als man gerechnet, und diese sind nach allen möglichen Erdteilen (auch einzeln) „verschickt" worden. Eine traurige Genugtuung für mich! Welchen Hauptzweck ich jedoch mit meinem Vorschläge verfolgt habe, habe ich klar und deutlich auseinandergesetzt und durchaus kein Geheimnis daraus gemacht. Galizien geht — ich meine natürlich die Juden — dem größten Elend entgegen, und es müßte rechtzeitig dafür Sorge getragen werden, auf daß ein Teil, der Nachkommenschaft,. der uns von den Familien gern anvertraut wird, - in ein anderes Land verpflanzt wird. Italien leidet keinen Ueberfluß an Juden; ganz Italien hat nicht so viele Juden als ein Lemberg. Galizien hätte einen guten Abfluß; Italien hätte eine, gesunde und ihm gut tuende Blutseinmischung. - Ich bin sicherlich kein Jrredentist — auch der Vorwurf ist mir gemacht worden — denn ich bin nur Jude, der mit der Zeit zu dieser Ueberzeugung gekommen, daß wir Juden leider zu viel Patrioten, Chauvinisten sind — und unsere ureigenen Interessen hintanfetzen. Ich bin also von dieser Krankheit gründlich geheilt. 7 Ich möchte aber noch einmal in demselben Sinne meine - Stimme erheben, Galizien ein wachsameres Auge züzuwenden und rechtzeitig Maßregeln zu treffen, um dann nicht unvorbereitet vor 'dem Brande zu stehen. Wer sich über meinen Mahnruf des näheren belehren will, der nehme sich zur Hand einen vom Professor Dr. Eugen Ehrlich gehaltenen Vortrag im syzialwissenfchaftlichen akademischen Vereine in Czernowitz, der jetzt im Drucke erschienen ist: „Die Aufgaben der Sozialpolitik im österreichischen Osten, insbesondere in der Bukowina, mit beson derer Beleuchtung der Juden- und Bauern frage." Prof. Dr. Eugen Ehrlich, Rektor der Czernowitzer Universität, ist — kein Jude mehr, und. wenngleich er von einem , ganz anderen Standpunkte ausgegangen und andere Ziele im Auge hat, sehe ich, daß ich vor Jahren das vorausgesagt, was er jetzt wissenschaftlich begründet. Und was Prof. Ehrlich von den Juden in der Bukowina in so treffender Weise spricht — trifft in erhöhtem Maße von den Juden in Galizien zu. Ich lasse nunmehr nur ganz kurz Ehrlich sprechen: „In unserer Bukowina hat sich, ebenso wie in Galizien, Südrußland und zum Teile auch in Rumänien, die alte Stellung der Juden noch bis heute erhalten, sie haben heute noch diese Stellung, die sie während des Bestandes des alten Polen erobert haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alles, was eigentlich die wirtschaftliche Voraussetzung dieser Stellung gewesen ist, sich seither vollständig geändert hat. Diese wirtschaftliche Voraussetzung ist, daß die Menschen mehr oder weniger isoliert wirtschaften und daß sie einen Vermittler brauchen,, dem sie tatsächlich für diese Vermittlerarheit Dank wissen. Das war früher in hohem Maße der Fall, aber heute hört das selbst bei uns langsam auf. In jedem Augenblick hebt sich die Intelligenz und wirtschaftliche Kraft der Bevölkerung, und das bedeutet, daß sie mit jedem Augenblick dieses Vermittlers weniger bedarf. Ich zweifle nicht — es ist meine aufrichtige Ueberzeugung — daß, wenn die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes in normaler Weise vor sich geht, wie wir es alle wünschen und wünschen müssenin absehbarer Zeit die wirtschaftliche Vermittlung, die von den Juden besorgt wird, sehr entbehrlich werden wird, und das bedeutet, daß das Judentum in der Bukowina wie im ganzen europäischen Osten, vor einer Katastrophe steht. Es ist mir ganz zweifellos, daß sich jeder rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt in der Bukowina seit mindestens zwanzig Jahren und von nun an ununterbrochen auf Kosten der Juden vollzieht. Sie können ihre althergebrachte Stellung nicht behaupten. Welchen Fortschritt man immer hierzulande einleitet, so geschieht es auf Kosten der Juden ... Ich will Ihnen nur die Wahrheit sagenTdamit Sie wissen, daß die Juden vor einer Katastrophe stehen, die spätestens in zehn oder zwanzig Jahren zu erwarten ist. Von den 100000 Juden der Bukowina haben vielleicht 10 000 Stellungen und Berufe, die ihre wirtschaftliche Grundlage und Berechtigung haben. 90 000' haben ihre Stellung der Zurückgebliebenheit des Landes zu verdanken. Wie sich nun das Land hebt, wird die wirtschaftliche Mündigkeit dieser ihrer Stellungen aufhören, und sie müssen nach etwas anderem suchen. Im Zusammenhang damit steht die Flucht der Juden in die gelehrten Berufe. Sie werden staunen.

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