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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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ordnurigen, denen nicht nur sein besseres Wissen, sondern auch seine UeberzeuguNg und sein- Gewissen widersprechen. Er hgt sich zu fügen oder zu gehen. Und wenn er etwa glaubt, sich fügen zu können, und einige Jahre daraus eine Neuwahl der Gemeindebehörden stattfindet, bei der die seitherige Minorität zur Majorität wird, daun können die Neugewählten die religiösen Einrichtungen wiederum nach ihren Meinungen ändern. Und dann hat der Rabbiner sich wieder zu drehen oder zu gehen. Derartige Evolutionen oder Revolutionen mögen selten sein. Für ihre Möglichkeit hat der neue Verfassungsentwurf jedenfalls bestens gesorgt. Man wird schwerlich in den jüdischen Gemeindeordnungen anderer Länder, oder in den Verfassungen der christlichen Konfessionen ähnliches finden — wie diese Schätzung und Beachtung der Lehrer und Vertreter der jüdischen Religion. Nicht einmal als Sachverständige haben sie mitzuberaten, nur ausnahmsweise und auf ihr eigenes Verlangen können sie dem -Vorstande ihre unmaßgeblichen Meinungen Vorträgen. Den anderen Beratungskörpern, Kommissionen und Deputationen haben sie nur schriftliche Gutachten zu erstatten, welche die in diese gewählten wohlmeinenden, den speziell zu behandelnden Fragen aber oft recht fernstehenden-Herren sodann nach dem Maße ihres Verständnisses kritisieren, modifizieren oder auch ignorieren. Das lebendige Wort, das vieles erklären, Mißverständnisse beseitigen, neues anregen, das für beide Seiten belehrend und für die gemeinsame Aufgabe förderlich sein könnte, wird ausgeschaltet. Der papierne Wall zwischen Rabbiner und Gemeindeverwaltung wird überhaupt immer höher, der persönliche Verkehr nimmt ab. Man entfremdet sich einander immer mehr und vergißt, daß man doch gemeinsame Ziele hat und gemeinsam, wenn auch ein jeder nach seiner besonderen Berufsart und Befähigung, dafür wirken soll. Der neue Entwurf hat das begreifliche und zweifellos anerkennenswerte und berechtigte Bestreben, den Gemeinden ihre Einheit zu erhalten. Diesem Bestreben glaubt er am besten zu dienen, indem er die Macht des Vorstandes nach jeder Seite hin stark macht und sich bemüht, ihm die Erledigung seiner Geschäfte so glatt und so bequem wie möglich zu machen. Er glaubt, daß von einer Zentralstelle aus alles wie am Schnürchen geleitet werden könne. Er unterschätzt aber die einer solchen Erledigung entgegenstehenden 'Schwierigkeiten. Er läßt die Kenntnis des wirklichen religiösen Lebens und seiner verschiedenen Strömungen vermissen und ebenso die des Wertes der Persönlichkeiten, die sich ihm gewidmet haben, ihrer Kräfte und Fähigkeiten, ihrer Vorzüge wie ihrer Fehler. Er mag sich hie und da auf einige Beispiele für seine allgemeinen Vorschläge berufen können, im Grunde aber ist er ein Erzeugnis' des grünen Tisches und bekundet insbesondere das Mißtrauen, das dort gegen alle zu herrschen pflegt, die gerade nicht an ihm sitzen. Von diesem Mißtrauen sind seine Vorschläge über die Rabbiner geleitet und für diese bedeutet es eine weitere Verschlechterung ihrer Stellung, wie eine nicht zu rechtfertigende Minderung ihres Ansehens nach innen, wie nach außen. Er wirkt wie eine Warnungstafel vor dem Ergreifen eines solch undankbaren, unselbständigen und unsicheren Berufes. Und seine Annahme wäre geeignet, denen, die einmal darin stehen, jede Freudigkeit daran zu nehmen und ihnen die Möglichkeit eines überzeugungstreuen und charaktervollen Wirkens noch weiter einzuschränken. Er ist das letzte dornenvolle Ende eines von vornherein falschen Weges, eines Weges, der nur geeignet war, ihre Wirksamkeit, wie den Gang ihres Lebens ihnen zu erschweren. Das bezeugen insbesondere auch die erwähnten Klagen über die Stellung der Berliner Rabbiner. Ihre sachliche Richtigkeit ist im einzelnen zu bestreiten, aber sie sind ein Anzeichen dafür, daß man auch in weiteren Kreisen zu merken beginnt, daß hier ein schwerer Schaden vorliegt. Eska hat keine zutreffenden Anschauungen von den Rabbinern. Aber er hat ein gutes und zutreffendes Bild von der Stellung und der Wirksamkeit der christlichen Geistlichen gewonnen. Und er hat vollständig recht, wenn er sagt: „Es ist keine angenehme Pflicht für ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, bei einem Vergleich mit der Stellung, welche die Geistlichen der Andersgläubigen einnehmen, konstatieren zu müssen, daß der Einfluß und die Wertung dort eine viel größere ist." Der politische Liberalismus revidiert in neuerer Zeit manche Punkte seiner früheren Programme und scheut nicht das Bekenntnis, daß er in einzelnen Anschauungen und Meinungen sich geirrt hat. Auch der religiöse Liberalismus der Juden wird sich nichts vergeben, wenn er manche seiner Meinungen und insbesondere seine Schlagworte revidiert. Er wird sich noch keine Hierarchie schaffen, wenn er den Rabbinern innerhalb der Gemeinden eine Stellung gleich der der christlichen Geistlichen einräumt. Er wird dem religiösen Leben dienen, wenn er in ihnen die Autorität des durch sie vertretenen jüdischen Religionsgesetzes achtet und auch bei ihren sonstigen Erfahrungen und Anschlägen anerkennt, daß sie aus der Praxis eines verantwortungsvollen und ihre Augen schärfenden Berufes hervorgehen. Die Gemeindebehörden werden dann auch etwaige Meinungsverschiedenheiten Und selbst Konflikte nicht durch Machtsprüche erledigen, sondern auf dem Wege der Verständigung und in vertrauensvollem Entgegenkommen. Sie werden ihren Befugnissen nichts vergeben, und ihr Ansehen nicht mindern, wenn sie den Rabbiner nicht als einen von ihnen abhängigen Beamten hinstellen, sondern als denjenigen, der nach innen wie nach außen selbständig das Judentum würdig zu vertreten hat und dem dafür nicht nur das erforderliche äußere Ansehen zu Gebote stehen muß, sondern der auch innerhalb der Organisation der Gemeinde diejenige Geltung und diejenigen Befugnisse hat, die zur Erfüllung seiner religiösen Aufgaben und der weiter an ihn herantretenden Pflichten notwendig sind. Lin Mahnruk an unsere Glaubensgenossen. Von Professor Dr. Brettholz-Triest. *!.• fycibe vor einigen Jahren in diesem Blatte konkrete J Vorschläge gemacht, wie und in welcher Art den Juden Galiziens einigermaßen geholfen werden könnte. Weshalb ich diesen Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht habe, wird niemanden überraschen, der mit den tatsächlichen Verhältnissen der Gegenwart rechnet. Die Führung des Judentums haben in der letzten Zeit die deutschen Juden in die Hand genommen, und ich muß gestehendes ist eine gesunde und zielbewußte Leitung. Es wäre nun zu wünschen, daß die Juden der anderen Länder — wenngleich sie in unvergleichlich größerer Zahl sich befinden — sich dieser uneigennützigen und großzügigen Führung anvertrauen, und sich fügen. Ich will keinen Namen irgendeiner österreichischen Vereinigung nennen, ich unterlasse es ebenfalls, irgendeinen Namen der einzelnen Persönlichkeiten Deutschlands hervorzuheben (bei uns in Oesterreich wäre man in Verlegenheit, wenn auch mit Lichtern suchend, stur ein halbes Dutzend tat"

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