Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwischenhandel in allen denjenigen Erzeugnissen, die von den Ansiedlern geerntet, und in denjenigen'Artikeln, die von ihnen gebraucht werden, ausschalten und zur Verdrängung eines wesentlichen Teiles der Kaufleute aüs den beiden Provinzen führen. Da aber die jüdischen Kaufleute die Hauptvertreter des freien Handelsverkehrs im Osten sind,-so werden sie am empfindlichsten von diesem System der genossenschaftlichen Bindung getroffen. Bedrängt von den polnischen Genossenschaften auf der einen Seite, von den Raiffeisenschen auf der anderen, in ihrer wirtschaftlichen Existenz aufs ärgste bedroht bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Gebiete, in denen sie seit Generationen gelebt haben, zu verlassen und sich anderswo ein Fortkoimuen zu suchen. - Diese Abwanderung der Juden hat unmittelbar zur Folge, daß die Finanzlage der kleinen Städte in Posen und Westpreußen in sehr unangenehmer Weise beeinflußt wird. Durch den Wegzug der in wirtschaftlicher Beziehung vielfach leistungsfähigen jüdischen Bürger wird die Finanzkrast der Städte nicht unbedeutend geschwächt. Da anderseits infolge der von der Negierung im Interesse des Deutschtums getroffenen Maßnahmen die Schullasten und Kreisabgaben ständig steigen, so sind die kleinen Städte darauf angewiesen, Unterstützungen bei dem Kreise, der Provinz oder dem Staate nachzusuchen. Dadurch aber werden sie mehr und mehr von der Regierung abhängig und verlieren ihre freie Selbstbestimmung * Aus Hildesheim wird der Abwehrvereins-Korrespondenz geschrieben: Ihr Artikel „Jüdische und katholische Wachskerzen" in Nr. 35 der „Mitteilungen" veranlaßt mich, Ihnen, .folgendes mitzuteilen: Bekanntlich haben im Dezember vergangenen Jahres hier drei Bankfirmen ihre Zahlungen eingestellt. Bei allen drei Fallissements sind leider viele kleine'Kapitalisten beteiligt, welche ihre Ersparnisse verloren haben. Von den Inhabern der betreffenden Firmen gehört einer der lutherischen Konfession an, während die Inhaber der anderen beiden Firmen gläubige Katholiken sind. Ich würde Ihnen niemals über die Konfession dieser drei Bankiers etwas mitgeteilt haben, wenn nicht die Redaktion des einflußreichen katholischen Blattes ,,Leo" damit begonnen hätte, einen. Unterschied zwischen katholischen und jüdischen Kaufleuten zu machen. Die nachstehenden Ausführungen werden das katholische Blatt überzeugen, daß nicht immer katholische Kausleute ehrlicher sind als andersgläubige Kaufleute, und daß es ein Fehler ist, wenn rin Kaufmann seinem Geschäft eine konfessionelle Grundlage gibt. Gerade bei den hiesigen Fallissements hat es sich gezeigt, daß die allzu große Betonung der Konfession dazu gedient hat, schlechte finanzielle Verhältnisse zu verdecken. Die Inhaber der sämtlichen drei falliten Firmen haben es stets versucht', Nutzen aus ihrer Zugehörigkeit zu einer christlichen Kottfession für ihr Geschäft zu ziehen. Der protestantische Bankier, welcher Führer der Antisemiten und Vorstandsmitglied der hiesigen konservativen Partei ist, pries seinen Kunden gegenüber stets seine Firma als reell im Gegensatz zu dem unlauteren Geschäftsgebaren der jüdischen Bankiers. Die katholischen Bankiers, die übrigens wegen Betruges sich in Untersuchungshaft befinden, machten ihre katholischen Kunden darauf aufmerksam, daß es ihre Pflicht sei, nur mit katholischen Bankiers zu arbeiten. Man erzählt hier, daß die katholischen Geistlichen der Umgegend die 'Glaubensgenossen ersuchten, ihre Bankgeschäfte bei katholischen Bankiers zu erledigen. Tatsache ist jedenfalls, daß man bei einem protestantischen oder jüdischen Bankier früher selten einen katholischen Kunden traf. Das Vertrauen, das den beiden katholischen Bankiers in großem Maße entgegengebracht wurde, haben diese in schmählicher Weise mißbraucht. Bei einer Firma sind Forderungen im Betrage von rund einer Million Mark angemeldet worden, wogegey eine Aktivmasse überhaupt nicht vorhanden ist. Bei der anderen Firma entfallen auf zwei Millionen Mark Forderungen zirka 10 bis 20 Prozent! Das Bekanntwerden dieses jämmerlichen Status hat unter der katholischen Landbevölkerung, die hauptsächlich beteiligt ist, große . Entrüstung.hervorgerufen, und oft hört man jetzt die Worte: „Ich . werde mich in Zukunft nicht mehr nach der Konfession richten, sondern gehe zu dem Bankier, der mir reell'und ehrlich erscheint." Ich kann dabei erwähnen, daß sowohl die jüdischen. wie auch die protestantischen Bankiers wieder eine Menge Katholiken zu ihren Kunden zählen. ' ' ■ * Aus Petersburg wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten gemeldet: Es^ist seit länge, ein offenes Geheimnis, daß die Rücksichtnahme der russischen Negierung auf ihre auswärtigen Anleihen eine wesentliche Rolle in ihrem Verhalten zur Judenfrage spielt. Von besonderem Interesse ist es nun, dies vom Finanzminister Kokowzew offen eingestanden und deutlich hervorgehoben zu sehen. Das jetzt publizierte Journal über eine Ministerberatung vom 22. Juli 1909 enthält Hierüber wichtige Angaben, die als Beitrag zur Judenpolitik der russischen Regierung besondere Beachtung verdienen. In der genannten Sitzung wurde über das Aufenthaltsrecht der jüdischen Kaufleute in Moskau, die seit dem Jahre 1899 in der Stadt ansässig sind, beraten. Zunächst wurde eine, schriftliche Meinungsäußerung des Premierministers. Stolypin verlesen, der in der Sache einen gemäßigten Standpunkt einnahm und für eine „wohlwollende Behandlung der Frage in den Grenzen der Möglichkeit", „mit vornehmlicher Berücksichtigung der Interessen des allgemeinen Kaufmannsstandes", plädierte. Der Finanzminister Kokowzew und der Handelsminister Timirjasew gingen noch weiter in ihrem Eintreten zugunsten der Juden und erklärten, „der Allerhöchste Erlaß vom 3. Februar 1898 ist zumindest nicht klar und bedarf entsprechender Erläuterungen und Ergänzungen. Die Ausführung des darin vorgezeichneten Verfahrens gegen die Juden würden den ohnehin in schwieriger Lage sich befindenden Finanz- und Handelsmarkt schädigen. Eine Liquidierung der großen jüdischen Handelshäuser, deren Umsatz Hunderte Millionen Rubel jährlich beträgt, würde nicht nur die Inhaber derselben treffen, sondern auch den mit den Juden durch Handelsbeziehungen verbundenen christlichen Bürgern Schaden bringen. Außerdem würden dadurch viele ausländische Firmen, die den jüdischen Kaufleuten in Moskau Kredit gewähren, Schaden erleiden; eine Ausweisung dieser Juden aus Moskau würde ihren Bankerott verursachen. Und da die Einigkeit der Juden groß ist, und sie alle geeigneten Mittel zum Schutze ihrer Interessen anwenden, und einen großen Einfluß in den kapitalistischen Kreisen und der Presse besitzen — würden sie wegen der Ausweisung einer ganzen Gruppe von Juden aus Moskau heftige Angriffe gegen die russische Negierung Hervorrufen und der Negierung die Aufnahme einer auswärtigen Anleihe im Bedarfsfalls sehr erschweren. Dieses Dokument sollte vor allem der jüdischen, aber auch der nichtjüdischen Finanzwelt beweisen, daß sie bei wirklich solidarischem Verhalten in der Lage wäre, das Los der russischen Judenheit zu bessern und so durch die Macht des Geldes ein wirkliches Werk der Humanität und der Kultur durchzuführen! ■ , Lur Nsbbmerkrsge. Von Rabbinus. II. - acht und Einfluß verleiht - das Lehramt, so wichtig es ist, nicht. Es verleiht sie im Staate und in der Gesellschaft nicht, und es verleiht sie ebensowenig in den jüdischen Gemeinden, deren Anschauungen in der neueren Zeit sich immer mehr nach denen der herrschenden Gewalten richten. Und hiermit kommen wir zu dem, was wir den berechtigten Kern der Klagen über die Stellung und die Wirksamkeit der Berliner Rabbiner genannt haben. Dieser Kern ist die Stellung des modernen Rabbiners überhaupt. Die mit ihr verknüpften Schwierigkeiten sind auch in vielen anderen Gemeinden, großen wie kleinen, vorhanden. Sie sind in Berlin nur mehr kompliziert durch das Nebeneinanderwirken einer Anzahl von Rabbinern und dadurch, daß bei der Größe der Gemeinde die