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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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-- 448 - Eigentlich hätten die Juden, da sie. wie wir gleich sehen werden, in weit höherem Prozentsatz höhere Schulen besuchen, und somit die üdischen Kinder.zum großen Teil bis zum 17./18. Jahr und darüber „Schulkinder" bleiben, einen größeren Prozentsatz zu den Schulkindern stellen müssen, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Wenn in Wirklichkeit das umgekehrte der Fall ist, so beweist dies (da die Zahl der durch Privatlehrer im Elternhause unterrichteten Kinder kaum ins Gewicht fällt und die allgemeine Schulpflicht streng durchgeführt ist), daß es unter den Juden — als eine Folge ihrer geringeren Geburtenzahl — erheblich weniger schulpflichtige Kinder gibt als unter den Christen. Wie die Geburtenzahl der Juden erst in den beiden letzten Jahrzehnten ihren großen Rückgang erfahren hat, so ist auch die Verminderung der jüdischen Schulkinder erst eine Erscheinung der letzten Zeit. Im Jahre 1886 waren Noch 68 102 jüdische Schulkinder vorhanden, und ihr Anteil betrug 1,30 Prozent sämtlicher Schulkinder, war also noch etwas höher als der damalige Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung (1,29 Prozent). Auf welchen Zweig der Statistik wir auch schauen, ob auf die Unterrichts», die Berufs-, die Kriminal- oder die Mortalitäts-Statistik: überall treten uns direkt und »direkt die Folgen der verminderten Geburtenhäufigkeit bei den Juden entgegen, und jede statistische Arbeit.über die Juden, welche nicht überall den möglichen Einfluß dieses Faktors (wie übrigens auch der Konzentration in den großen Städten und in bestimmten Berufen) berücksichtigt, muß zu den gröbsten Fehlschlüssen führen. . In zwei übersichtlichen Tabellen ist dargestellt, wie sich die Schulkinder in absoluten und relativen Zahlen auf die einzelnen Schulgattungen verteilen, wobei wir zum Vergleich auch die Ergebnisse der früheren Erhebungen seit 1886 heranziehen. Aus Tabelle I geht zunächst hervor, daß sich von 1901 bis 1906 die Zahl der jüdischen Schulkinder um 384 vermindert, die Zahl der christlichen (nichtjüdischen) Schulkinder dagegen uni 587 876 vermehrt hat. Die Verminderung der Zahl der jüdischen Schulkinder ist ausschließlich auf ihre Verminderung in den Volksschulen (um 1712 Schulkinder) zurückzuführen; in den Mittelschulen und höheren Lehranstalten haben die jüdischen Schüler sogar eine Zunahme (um 686 bezw- 642. Schulkinder) erfahren. In Tabelle II zeigt sich wieder die allseitig bekannte Tatsache, daß die Juden ihre Kinder in viel höherem Maße als die Christen auf die mittleren und höheren Schulen entsenden. Zahlenmäßig besuchten von je 100 jüd. Schulkindern nichtjüd. „ Volksschule Mittelschule höhere Lehranstalten 41,09 32.24 26,67 . 92,07 4,59 3,34 Scheidet man die Mittelschulen in eigeutliche Mittelschulen (gehobene Volksschulen, Bürgerschulen) und höhere Mädchenschulen, so ist das Verhältnis so, daß besuchten von je 100 jüd. Schulkind, nichtjüd. „ Volkssch. Mittelsch. höh. Mädchensch. höh. Lehranst. (für Knaben) 41,09 9,56 22,68 26,67 92,07 2,46 2,13 3,34 58,91 Prozent aller jüdischen, aber nur 7.93 Prozent aller christlicken Schulkinder erhalten hiernach einen über das Volksschulziel hinausgehenden Unterricht, d. h. unter den Juden ist bessere Schulbildung etwa 7 V2 mal so häufig als unter den Christen. Berücksichtigt man unter Weglassung der Mittelschulen nur die höheren Mädchen und Knabenschulen, so wurden diese von 49,35 Prozent aller jüdischen, aber nur von 5,47 Prozent aller christlichen Schulkinder besucht, d. h. diese eigentliche „höhere" Schulbildung ist bei den Juden sogar 9 mal mehr verbreitet als unter den Christen. Die Ursachen für diese größere Verbreitung besserer Schulbildung unter den Juden sind mannigfacher Art. Einmal wissen die jüdischen Eltern, meistens dem Kaufmanns- oder Fabrikantenstande angehörend und für ihre Kinder einen ähnlichen Beruf vorhersehend, den Wert guter Schulbildung besser zu würdigen; sodann erleichtert das überwiegende Wohnen der Juden in Städten ihnen den Besuch der ja fast ausschließlich in Städten belegenen höheren Schulen; schließlich trägt der durchschnittlich größere Wohlstand der Juden und eine von alters her-im Judentum lebendige große Wertschätzung des Wissens dazu bei, den Kindern die möglichst beste Schulbildung angedeihen zu lassen. Der Bevorzugung der höheren Schulen durch die Juden entspricht es, daß der Prozentsatz der jüdischem Schulkinder unterallen Schulkindern in den Volksschulen am geringsten, in den höheren Schulen am größten ist; er betrug in den Volksschulen 0,39 Prozent „ „ Mittelschulen3,30 „ „ „ höheren Mädchenschulen 8,54 „ „ „ höheren Knabenschulen 6,53 „ Unter den höheren Mädchenschulen weisen die öffentlichen Anstalten einen höheren Prozentsatz von jüdischen Schülerinnen auf (9,95 Prozent) als die privaten Anstalten (7,37 Prozent). Unter den höheren Knabenschulen (ohne Vorschulen) haben jüdische Schüler: die Gymnasien 6,33 Prozent „ Realgymnasien 7.35 „ „ Oberrealschulen 4,93 „ „ Realschulen und höheren Bürgerschulen 5,67 „ ' Von den 22 211 jüdischen Kindern in öffentlichen Volksschulen besuchten 8219---37,00 Prozent evangelische Schulen^ 2921 —13,15 „ katholische „ 6065 27,31 „ jüdische 5006 22,54 „ paritätische » Die absolute und relative Zahl der jüdischen Kinder, welche konfessionell jüdische Volksschulen besuchen, geht immer mehr zurück; im Jahre 1901 hatte sie 6937 d. h. 28,88 Prozent, im Jahre 1886 noch 13 249 =37,41 Prozent aller jüdischen Schulkinder in öffentlichen Volksschulen betragen. v- Ueber die Folgen der Polenpolitik, wie sie von der preußischen Regierung seit Mitte der 1880 er Jahre betrieben wird, wird von sachkundiger Seite geschrieben: In den Städten der Ostmark haben sich unter der Einwirkung der preußischen Polenpolitik höchst unerfreuliche Wandlungen, vollzogen. Bei einer Betrachtung der Bevölkerungsziffern der posenschen und westpreußischen Städte springt die auffallend große.Abwanderung des jüdischen Bürgertums in die Augen. Diese Zahl sank während des Zeitraums von 1895—1905 im Regierungsbezirk Posen von 31 000 auf 18 500, im Regierungsbezirk Bromberg von 16 500 auf 10 500, im Regierungsbezirk Marienwerder von 14 600 auf 9200. Der Grund für diesen Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist vor allem in der Erschwerung ihrer Existenzbedingungen zu suchen. Der Jude im Osten hat sich stets als Deutscher gefühlt. Er spricht die deutsche Sprache, er wählt den deutschen Kandidaten, er fördert das deutsche Bildungswesen, er beteiligt sich am deutschen Vereinsleben, kurz, er ist ein wichtiger Träger der deutschen Kultur in den gemischtsprachigen Gebieten. Ihn hauptsächlich suchen daher die Polen zu schädigen. Da er im wesentlichen Handel- und Gewerbetreibender ist, so fällt ihnen dies nicht schwer. Der nationale Handelsbohkott ist das Mittel, durch das sie ihr Ziel erreichen. Eine scharfe polnisch Propaganda sorgt dafür, daß nicht bei den Juden gekauft, nicht an sie verkauft, der Geld» und Kreditverkehr nicht durch sie vermittele wird. Dafür hat man ein polnisches Wirtschaftssystem aufgerichtet, das man als ein nahezu geschlossenes bezeichnen muß.' Polnische Vereine, polnische Genossenschaften, polnische Banken sind allenthalben anzutreffen und schmälern systematisch den Verdienst der jüdischen Kaufleute. Auf der anderen Seite hat die deutsche Handelswelt im Osten von der Ansetzung der Ansiedler so gut wie gar keine Vorteile. Unter Förderung der staatlichen Organe hat man die Begründung zahlreicher landwirtschaftlicher Genossenschaften Raiffeisenscher Richtun ins Werk gesetzt. Diese schließen die Ansiedler wirtschaftlich zu sammen, organisieren die Märkte und halten den Waren und Kredit verkehr vollkommen im Gange. Eine Denkschrift des Verbandes de amtlichen Handelsvertretungcrl der Provinzen Posen und Westpreußeu spricht ausdrücklich aus, daß die Raiffeisenschen Genossenschaften den

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