Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-09-17 · Heft 38 (17.9.1909) · p. Seite 447

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 38 (17.9.1909)
Date
1909-09-17
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228891--65857-3278006
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Unähnlich den Zuständen im Deutschen Reiche in dieser Beziehung bildet dort der jüdische Glaube kein unübersteigliches Hindernis zu der Staffel der höchstenRegierungsämter und des militärischen Ranges. Anders leider, wie schon betont, in Deutschland, anders auch leider in dem uns befreundeten Oesterreich-Ungarn. In der cisleithanischen Hälfte der Monarchie ist im Laufe des letzten Jahres der klerikale Antisemitismus mit seiner rücksichtslosen wirtschaftlichen. Politischen und gesellschaftlichen Boykottierung der Juden mehr und mehr gefestigt und sogar regierungsfähig geworden. Nur die milde und streng verfassungstreue Denkart des greisen Kaisers Franz Joseph schützt die Juden in ihrer staatsbürgerlichen Rechtsstellung. Und in Ungarn, der anderen, bisher von Judengegnerschaft fast völlig freien transleithanischen Reichshälfte, mehren sich leider die Anzeichen und Vorboten erfolgreicher antisemitischer Agitationen. Die schwerste Sorge aber bildete für die Juden der Kulturstaaten auch im eben verflossenen Jahre das Problem der Judenwanderung. Die Anhäufung der Auswanderermafsen, die zum weitaus größten Teile ihren Weg in die großen englischen und amerikanischen Judenzentren nehmen, birgt schwere Gefahren in sich, deren Erörterung sich als bekannt erübrigt. Es haben im letzten Jahre mehrfach Konferenzen der großen Organisationen Englands, Amerikas und Deutschlands stattgefunden, die zwar zu einer Abschwächung, aber nicht zu einer Beseitigung des Uebels geführt haben. Auch die vor Jahresfrist begründete „A. I. K. O.", die sich die industrielle Kolonisation in den türkischen Grenzländern Palästinas zur Aufgabe gestellt hat, dient dem gleichen Ziele. An allem, was die Judenheit in ihrer Gesamtheit berührt und bedrückt, an allen Werken tatkräftiger Hilfe, an der Fülle der humanitären, philanthropischen, sozialen und auch religiösen Aufgaben, die die Not der Zeit stellte, haben die deutschen Juden den wärmsten und förderndsten Anteil genommen. Für alles und jedes fanden sich in der deutschen Judenheit edle Herzen, offene Hände, selbstlose Bereitwilligkeit. Die soeben zustandegekommene Begründung einer jüdischen Blindenanstalt legt noch am Jahresende Zeugnis ab von dem humanitären und dem sozial-sittlichen Geiste, der die deutsche Judenheit unserer Tage beseelt, wie alle die Jahrhunderte und Jahrtausende unsere Väter und Urväter. Und dennoch fanden und mußten wir Zeit finden und Kräfte wecken und sammeln zu dem uns selbst aufgedrängten Kamps ums. Recht, um Rechte, die das Staatsgrundgesetz unseres mächtigen großen Vaterlandes uns verbürgt, die aber im praktischen Leben des Tages uns auf Schritt und Tritt versagt werden. Wieviele psychische Torturen hat diese ungerechte grausame Praxis auch im vergangenen Jahre wohl auf ihrem Gewissen? Wieviele Seelenqualen der Besten und Intelligentesten unserer Glaubensgemeinschaft, die ihr bestes ganzes Ich in den Dienst des Vaterlandes und des Gemeinwohls stellen mochten und schnöde zurückgestoßen werden, nur weil sie in anderen Formen zum gemeinsamen Vater aller Menschen beten, weil sie nicht feige die Fahne des Judentums verlassen wollten, an dem Glauben ihrer Väter in berechtigtem Stolze festhalten. Mag auch die letzte. Statistik eine kleine Zunahme der Zahl jener schwachen Charaktere feststellen, die im letzten Jahre unter dem Drucke des durch die staatliche Praxis herbeigeführten Seelenzwiespalts unsere Reihen verlassen haben, aus der anderen Seite sahen wir doch auch im vergangenen Jahre das jüdische Selbstbewußtsein, den jüdischen Stolz, das jüdische Selbstvertrauen wachsen, den Jndifferentismus selbst in jenen jüdischen Kreisen mehr und mehr schwinden, die ihr Judentum auf den Höhen ihrer sozialen Lebensstellung fast vergessen hatten. Und wenn eins uns im Hinblick aus die losigkeit unserer Kämpfe ums Recht im vergangenen Jahre, im Hinblick auf die noch immer, selbst in nichtreligiösen jüdischen Fragen, leider sortbestehende Zersplitterung, wo uns Einigkeit und Geschlossenheit doch so bitter nottut, über alle die trüben Erscheinungen hinwegtrösten kann, so ist es dieses fortschreitende Erwachen des jüdischen Geistes, die mehr und mehr platzgreifende Erkenntnis und Erfassung des Wertes und der hohen Bedeutung des Judentums, die den Stolz und das Selbstbewußtsein in unserer Jugend, in den Reihen auch der Indifferenten wecken und festigen. Das größte Verdienst hieran haben zweifellos die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, die eine rege, fleißige Arbeit, wie in den vorhergehenden Jahren, so auch im verflossenen, entfalteten. Sie lehrten und lehren das Judentum kennen und darum lieben und werten. Und wenn auch die Reihe der um das Judentum hochverdienten und bedeutenden Männer, die wir im verflossenen Jahre unter dem kühlen Rasen betteten, eine schmerzlich lange ist, so müssen wir doch in diesem Zusammenhangs am Tage, der der Erinnerung gewidmet ist, pietätvoll der Manen unseres unvergeßlichen Gustav Karpeles s. A. gedenken, dessen Sorge und Mühen, dessen hoher Begabung und Können die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur ihre heutige hohe Blüte verdanken. Wenn der Helle Lichterglanz des Gotteshauses uns umfängt, wir in die weihevollen Stunden der Erinnerung eintreten, werden die Schatten der Vergangenheit, die dunklen Farben des Bildes, das uns die Jahresrückschau bietet, wird die mahnende Stimme der schonungslosen Kritik unseres Gewissens über unsere eigenen Handlungen, wird endlich auch die Erinnerung an durchlebtes Weh und auferlegte Prüfungen läuternd wirken. Die frohen Farbentöne aber, die auch aus dem dunkelsten Lebensschicksal hervorschimmern, werden uns trösten und zu dem Gedanken erheben, daß auch uns einst das volle Sonnenlicht der Freiheit, des Rechts und des Glückes scheinen wird. Möge das neue Jahr die Verwirklichung dieser Hoffnung bringen! Die Mochr. Berlin, 14. September, eber den Besuch der preußischen Schulen durch jüdische Kinder veröffentlicht der bekannte Statistiker Dr. Artur Ruppin in dem Septemberheft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" interessante tabellarische Darstellungen, die die Beachtung weiter Kreise verdienen. Die Untersuchungen basieren auf dem Ergebnis der im Jahre 19Ü6 nach fünfjähriger Pause stattgefundenen Erhebung über das Schulwesen in Preußen, die den Verfasser in den Stand setzt, über die Zahl und Verteilung der jüdischen Schulkinder in den preußischen Schulen genaue Daten zu geben und dadurch zugleich seine Arbeit über den Anteil der Juden am Unterrichtswesen in Preußen (Heft 1 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden, Berlin 1905) sortzusetzen. Wir lassen hier die Ausführungen des Verfassers folgen: Von der Gesamtzahl von 6 740 894 Kindern, welche am 20. Juni 1906 die Schulen in Preußen besuchten, waren 59103 — 0,87 Prozent Juden. Der Anteil der jüdischen Schulkinder unter allen Schulkindern bleibt damit hinter dem Anteil der Juden unter der Gesamtbevölkerung (1,10 Prozent) erheblich zurück.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.