Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
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v. Einem, ja selbst angesichts der'kaiserlichen Kabinettsorder, die die Rücksichtnahme auf das politische Bekenntnis der Reserveoffiziers-Aspiranten bei der Wahl direkt verbietet, den Juden nach wie vor verschlossen. Kürz, überall, wohin wir in unserem' öffentlichen staatlichen Leben auch blicken, überall die gleiche kränkende Zurücksetzung der Staatsbürger jüdischen Glaubens, nirgends auch nur der. geringste Fortschritt! Dem klaren Wortlaut der Verfassung steht das eingewurzelte Vorurteil der unter, feudal-agrarisch-antisemitischem Einfluß stehenden mächtigen Kreise gegenüber, gegen welches wir deutschen Juden bis heute leider vergeblich ankämpfen. So betrübend es ist, die Wahrheit gebietet es einzugestehen, daß alle unsere großen Organisationen, die wir uns geschaffen haben, um uns unser Recht zu erkämpfeu, in den Ergebnissen ihrer' Arbeit und gewiß hoch anerkennenswerten Bemühungen leider nicht befriedigen können. Gewiß soll nicht geleugnet werden, der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat auch im verflossenen Jahre in vielen Fällen segensreich eingegriffen. Aber jenes großzügige, intensive politische Wirken, jene unermüdliche, weitsichtige Aufklärungstätigkeit hat er leider nicht in befriedigendem Maße erfüllen können. Die Erkenntnis und das Eingeständnis, daß ihm noch die größten und schwersten Aufgaben für die Zukunft Vorbehalten bleiben, schließen nicht die warme Anerkennung der selbstlosen aufopfernden Arbeit und Bemühungen aus, denen sich die Besten unserer Glaubensgemeinschaft auch im verflossenen Jahre in dieser Organisation wie in den anderen großen Verbänden der deutschen Judenheit unterzogen haben. Das gilt auch vom „Verband der deutschen Juden", der demnächst in Breslau zu seiner dritten Tagung zusammentreten wird. Seiner stillen aber regsamen Tätigkeit ist es mit zu verdanken, daß das preußische Volksschulgesetz und ganz besonders auch seine Ausführung nicht schlimmere Benachteiligungen dem jüdischen Schulwesen gebracht hat, als es jetzt der Fall ist. Er wandte jenen skrupellosen Mißachtern der jüdisch-religiösen Empfindungen, die aus rein antisemitischen Motiven, meist unter der Maske erheuchelter Tierfreundschaft, Schächtverbote anstrebten, die sorgsamste und meist erfolgreiche Achtsamkeit zu. Einen wertvollen, für die Erkenntnis des Wesens und der Verbreitung der verschiedenen Erscheinungsformen des Antisemitismus ungemein bedeutungsvollen Informationsdienst durch ein Netz von Korrespondenten, ist durch den Verband im letzten Jahre eingerichtet worden. Diese Berichte werden dereinst eine wahre Fundgrube für den zukünftigen Geschichtsschreiber sein, der die Lage der deutschen Juden unserer Zeit zu schildern unternimmt. Sie bilden aber auch die zu allererst notwendige Grundlage für eine erfolgverheißende Bekämpfung jener häßlichen Strömung unserer Tage, unter der wir Juden heute psychisch und vielfach auch wirtschaftlich ebenso zu leiden haben, wie unsere Altvordern durch den staatsgesetzlich sanktionierten Judenhaß. Diese Jnformationsberichte decken die Wurzeln des Nebels auf, ermöglichen erst die zuverlässige Diagnose der Art der Krankheit, die nur in ihrer äußeren Erscheinung als Judenhaß überall die gleiche zu sein scheint. Daneben hat der Verband es auch nicht verabsäumt, die Apologie des Judentums anzuregen und das apologetische Schrifttum zu fördern. Das alles sollte bei einer Jahresbilanz dessen, was das deutsche Judentum geleistet hat, als Aktivposten nicht vergessen werden. Gehört das alles doch zu den wenigen lichthellen Stellen, auf welche die Erinnerung uns zurückführt. Und zu diesen gehört auch vor allem die organisatorische, das Gemeindeleben befruchtende und fördernde und nicht zuletzt die so außerordentlich segensreiche sozialpolitische Arbeit des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes". Seine Fürsorge für den jüdischen Religionsunterricht und für die leistungsschwachen kleinen Gemeinden ist auch im vergangenen Jahre erweitert und vertieft worden. Wenn wir auf das blühende Gemeindeleben-blicken, das uns mit berechtigter Freude erfüllt, so dürfen wir nicht vergessen, daß ein großer Teil der Dankesschuld dem Gemeindebund gebührt, der unter der Leitung Professor Philippsons zu der bedeutungsvollsten Organisation der deutschen Judenheit emporgewachsen ist. Zu den zahlreichen Institutionen jüdisch-sozialen Charakters hat der Gemeindebund im letzten Jahre die im segensreichster Entwicklung begriffene, das gute jüdische Herz nicht minder wie das soziale Verständnis der deutschen Juden hochehrende „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder" in Beelitz eröffnet. Wenn an heiliger Stätte am bevorstehenden Roschhaschanah das so schöne Wort gesprochen wird, daß zur Neue und zum Gebet auch Wohltaten hinzutreten müssen, um das unglücksschwangere Verhängnis abzuwenden, dann werden sich jene Männer und Frauen, die mit Herz und Hand dieses sozial-humanitäre Werk gefördert haben, auf diese ihre Betätigung echt menschlichen Mitleids berufen dürfen. Aber auch jene vielen Tausende werden das tun dürfen, die unserer unglücklichen gehetzten Glaubensbrüder in den Unkulturländern gedachten und in unerschöpflicher Gebebereitwilligkeit die Werke des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" und der „Alliance Israelite Universelle" förderten. Zwar blieb das vergangene Jahr, abgesehen von vereinzelten blutigen Ueberfällen im marokkanischen Wirren gebiet, von großen katastrophalen Heimsuchungen der jüdischen Bevölkerung in den Halbkultur- und Barbarenländern verschont, allein die völlige Rechtlosigkeit, die Vogelfreiheit, das mit allen Mitteln der Bosheit und Niedertracht gegen alles menschliche und göttliche Gebot künstlich gesteigerte namenlose Elend, das jedes Maß des Erträglichen besonders in Rußland, übersteigt, hat die Flucht nach freundlicheren, menschwürdigeren Gestaden in der jüdischen Bevölkerung dieser Länder nicht eingedämmt. Der Hilfsverein wie die Alliance haben im Wetteifer der Fürsorge für diese Unglücklichen unserer Glaubensgemeinschaft auch im verflossenen Jahre Hervorragendes geleistet und zugleich das große Kulturwerk der sittlichen und kulturellen Hebung der Juden des Orients, das jüdische Schulwesen und die sonstigen sozialen Justitutionen dortselbst wesentlich gefördert und nach Kräften vermehrt. Während Rußland die systematische Helotisierung seiner jüdischen Bevölkerung „zielbewußt" und nach den Rezepten der Kruschewanschen und Purischkiewitschschen Weltanschauung fortsetzt, während Rumänien seine völlige Mißachtung der bezüglich seiner jüdischen Bevölkerung im Berliner Vertrage übernommenen Verbindlichkeiten, unbehelligt von den Garantiemächten, weiter betätigt und die Lage der Juden nach wie vor dort eine äußerst schlechte ist, hat die im türkischen Reiche erfolgte Umwandlung der absoluten Regierungssorm in eine modern-konstitutionelle unseren türkischen Glaubensbrüdern den Sonnenblick besserer Tage herausgeführt. Wohl war ihre Lage auch unter dem alten Regime eine durchaus erträgliche, indessen war ihnen das Staatsbürgerrecht ebenso versagt, wie der Zutritt zu den staatlichen Ehrenämtern und zum Militärdienst. Jetzt haben sie ohne jede Einschränkung die gleichen Rechte erhalten, wie die andersgläubigen Mitbürger und sind auf dem Wege, zu einer ähnlichen Situation zu gelangen, wie die Glaubensgenossen in den Hauptkulturländern. In Frankreich, in England, Italien wie in Amerika hat auch das vergangene Jahr keine Veränderung in der zufriedenstellenden staatsbürgerlichen völligen Gleichstellung der Juden gebracht.