Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1909)
- Date
- 1909-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 15. September 1909. 73. Jahrgang. Nr. 38^ < 'Xt i>, ' viV-',,-.1.4;njJg Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Dieses Zettyng'. "erscheint >7'« ä ch<n tli ch. Abo nnem«n ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin .v.'t)orortrn durch unsere Perrrieb5stellen) bezogen.vier1e:jähr!ich 3 M. " ( . ... Segcuhtjet oott , Rabbiner D»- Ludwig Philippson. MlgM-LlveMM: Berlin, Jernsalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen fflr Redaktion und Expedition sind an die. Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Iudentum»*, Berlin 8^., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten.; der Erinnerung. 7/ - ■ Berlin, 14. September. IMs^Hr^ VerWWyhM in die .Gegenwart führt die - Erinnerung, zur Zukunft leitet die HöKuNg/' -Stille und weihevolle Freuden und Schmerzen löst die Erinnerung aus, die ernste Lehrmeisterin des engen Zusammenhangs von menschlicher Schuld und Sühne, die eindringliche Mahnerin, aus der Vergangenheit für. das Heute und Morgen zu lernen. Die Hoffnung aber flattert erdenlosgelöst im schwanken Aether der Phantasie, enthüllt sich als Trug, wenn sie sich nicht des engen Zusammenhanges mit dem Heute und Gestern bewußt bleibt. Uns. Juden, ist der Merkstein der Jahreswende vornehmlich ein Tag der Erinnerung, einFom hasikaron. Erst den nachdenklichen Blick rückwärts, den schonungslosen Blick auch in das eigene Innere, die bange Prüfung, ob das Göttliche im Menschen Triebfeder unserer Handlungen gewesen, dann erst erschauen wir die Blume der Hoffnung. Darum feiern wir Juden auch nicht in ausgelassener lärmender Freude, nicht Mit lauttönendem Jubel die Wende des Jahres. Weihe- : volle, ernste undwehmütigeStimmung herrscht am Neujahrs- Lage in Israels Häusern. Ein jeder von uns enthüllt vor sich . ..selbst sein Herz, legt sich Rechenschaft ab über die innersten ''Seelenregungen, über die Motive seiner Handlungen, und über .sein Geschick im vergangenen Jahre. Aber nicht nur der einzelne, auch die Gesamtheit der Juden- . heit blickt am Tage der Erinnerung achtsam darauf zurück, was r^das verflossene Jahr an Gutem wie Bösem gebracht hat, was von Mns geleistet, was verabsäumt^ wordenist, was wir erreicht und -was wir noch im Kampfe ums Recht zu erstreiten haben.. Da ^nuß denn ganz allgemein gesagt werden, daß bei den deutschen Huden der Rückblick auf' das vergangene Jahr nur die .-gleichen- 'Empfindungen - des Unbefriedigtseins auslöst, wie >dies leider' -Gottes .schon seit einer Reihe, von Jahren : ber gleiche Fallist. Ganz wenige helle. Farbentöne Än dem. dunkeln Bilde der Gesamtlage, leider nicht nur .1 außerhalb, sondern auch.innerhalb unserer eigenen Reihen, v In unseren eigenen Reihen haben die Bestrebungen weitblickender Männer und Kreise, die auf eine straffere Zusammenfassung der jüdischen Kräfte zur Lösung der großen Aufgaben des Gemeinwohles anstrebten, bisher nicht die wünschenswerten Erfolge zu verzeichnen. In. den beiden größten deüt- Aschen Bundesstaaten, in Preußen und Bayern, war im letzten KJatzr eine Fülle von Arbeit-auf diegroßenGemeindeorgani- ^satiqnsfragen. verwandt worden. Jn.Preußen wie in Bayern Ghat-MerWer.triehMe^AüE^-v.or - GewiffMbedrückungen^das AWerk einer , ersprießlichen staatlichen Neuordnung des jüdischen' 8Gemeindewesens .nichts -zur '"..Lösung-, zur NäHen Vollendung | gelangen lassen. Die - lebhaften und erregten Debatten in dem; | bayerischen Landesverband ebenso wie auf dem Berliner' Gemeindetage über die staatliche Organisation und die! heftigen Widerstände, die diesem notwendigen Schritte sich j entgegensteÜten,: besonders - aus jenen iKreisem denen der Separatismus Lebenselement ist, mußtenauf alle Freunde einhelligen Zusammenwirkens, der Judenheit höchst betrübend wirken. Nur das umfassende, -allgemeine lebhafte Interesse, das sich aus dem Gemeindetage bekundete, .gewährte einen Lichtblick. Dabei zeigte jeder Tag die Notwendigkeit und Ersprießlichkeit geschlossener Aktionen der gesamten Judenheit.. Das preußische Volksschülgesetz, das ja im verflossenen Jahre auch-auf das. jüdische Religionsschulwesen seinen-Einfluß begonnen hat, hätte eine für die Judenheit wesentlich günstigere Form und; Gestalt , erhalten können, wenn man zu jener.Zeit bereits eine staatlich anerkannte Organisation gehabt Hätte. Die wenigeZ geringen Rechte, die das Gesetz dem jüdischen "Schulwesen konzediert, werden noch, wie bekannt, in -ihrem Werte und ihrer Bedeutung durch die Interpretationen gewiffer Schulbehörden verkümmert und vermindert. Auf dem Gebiete unseres.Verfassungsrechtes aber ist leider so ziemlich alles beim alten geblieben. Noch immer kommt uns deutschen Juden auf Schritt und Tritt .jener Geist des Uebelwollens entgegen, dem die Tatsache zuzuschreiben ist, daß an den Universitäten wie an den höheren Richterstellen, in der Staatsverwaltung wie im Heere den Juden besondere, für unsere andersgläubigen Mitbürger nicht bestehende unübersteigliche Schranken noch immer gestellt sind. Auch die Blockpolitik, in deren Zeichen -ja das verflossene politische Jahr stand, hat nicht M^MenaMgeN'Blüten-.-veWndM-? können, die uns.'über die wahre Gesinnung ... vrel?rr ntafe* gebenden Stellen recht deutlich orientieren. Da ist der Fall des Professors Schücking, der von einem Dezernenten des Kultusministeriums: gerüffelt wurde, weil er sich des Rechtes Zeines jüdischen Referendars angenommen hat. Da ist der Fall . des Lehrers Kimpel, der gemaßregelt wurde, weil er bei..der Stichwahl zwischen Antisemiten und Sozialdemokraten nicht für den Antisemiten stimmte Da ist endlich der jetzt bekanntgewordene Fall einer direkten Propagandatätigkeit zugunsten des Antisemitismus-, seitens einer Stelle des .Kultusministeriums des früheren Ministers v. Studt. Dir antisemitischerseitsherbeigeführteGpaltungtmBerlinerzahnärztlichen Verein ist, wie sich dieser Tage erst heraüsstellte, auf direkte Anregungaus dem Kultusministeriumdes Herrn Studt erfolgt. Hier hat sich einmalfeststellenflaffen, haß die Qu ekle ^antisemitischer Anregung dWkt in einem königlich preußischen > Ministerium ÜeM Did Reserveoffiziers-Karriere ist in Preußischen ^Mndenckrotz aller schönen Zusagen des früheren Kriegsministers