Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Sie haben eine Schwester?" Wieder ein zweifelnder, fragender Blick... „Ja, ein liebes, süßes Mädchen... viel jünger als ich. . fast möchte ich sagen, meine Tochter." „Und sie ist..dann als besänne sie sich auf etwas anderes, unterdrückte sie die ihr wie wahnsinnig, wie vermessen scheinende Frage: und sie ist mit Doktor Saulmann bekannt? und sagte nur: „und sieht sie Ihnen ähnlich?.. Mit fast angstvollen Blicken starrte sie die vor ihr Sitzende an. „Ich finde es gar nicht, obwohl es manchmal behauptet wird. Aehnlichkeit täuscht so oft . . ." Es war. als ob ein erleichternder Seufzer Sophiens Lippen entschlüpfte. Die beiden Frauen besprachen dann noch mancherlei über die Angelegenheiten Frau Reimers, bis Agathe endlich an den Ausbruch dachte. Sophie geleitete sie durch den vorderen Korridor an die Treppe. Im Vorzimmer hielten sie an, um sich nochmals zu verabschieden. In diesem Augenblick zuckte Agathe, wie von einem heftigen Schrecken ergriffen, zusammen. Sie lauschte. Es war ihr, als wäre ein Laut, ein ihr bekannter Ton an ihr Ohr gedrungen ... „Adieu, gnädige Frau!" „Auf Wiedersehen, Frau Reimers!" In einem Zimmer, dicht neben diesem Vorraum gelegen preßten sich zwei Lippen hastig auf einen blühenden Mädchenmund, um einen leisen Aufschrei des Entsetzens zu ersticken. Unter den zärtlichen Küssen kam es in unterdrücktem Stammeln hervor: „O, Gott! meine Schwester!" (Fortsetzung folgt.) ■aaar Literarische Mitteilungen. ----- Hermann Weinheimer, Geschichte des Volkes Israel, von den Anfängen bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Buchverlag der „Hilfe" G. m. b. H., Berlin-Schöneberg. Modern und dauerhaft kartoniert 3 Mark. — Wenn zu den schon vorhandenen Darstellungen israelitischer Geschichte eine neue auf den Plan tritt, kann sie ihr Erscheinen nur durch Anwendung neuer methodischer Gesichtspunkte rechtfertigen. In der vorliegenden Darstellung ist die ökonomische Geschichtsauffassung angewendet, soweit sie anwendbar erscheint. Zugleich erhält das bisher nicht genügend berücksichtigte Rassenproblem die ihm gebührende Stellung. In erster Linie beabsichtigt der Verfasser, die wichtige, hochinteressante, in einzelnen Perioden dramatisch bewegte Geschichte des alten Israel unseren Gebildeten nahezubringen. Aus diesem Grunde war der Autor ängstlich bemüht, der schweren Form wissenschaftlicher Art der Darstellung keinen Raum zu geben. Die Form der Erzählung ist streng durchgesührt. Wo rein wissenschaftliche Erörterung unbedingt nötig war, ist sie in die Anmerkungen am Schluß zusammengedrängt. Daß die Absicht des Verfassers erreicht werde, dazu gehört nun vor allem das eifrige Studium vieler Leser. Neben der neuartigen, fesselnden Gesamtauffassung und der soliden wissenschaftlichen Grundlage ist die außerordentlich lesbare Darstellung des Werkes besonders zu rühmen. Endlich sei noch hervorgehoben, daß sich der Verfasser von pädagogischen Gesichtspunkten leiten ließ, indem das plastische Herausarbeiten einzelner Lebensbilder (Ahab, Jeremia) dem Lehrer für den Unterricht im alten Testament als Handreichung dienen kann. — Dr. I. I. Unger: Gesammelte Aussätze. I. B. Brandeis, Prag 1908. Der gelehrte Rabbiner der Jglauer Gemeinde hat allen, die sich für biblische Exegese und hebräische Philologie interessieren mit der uns vorliegenden Sammlung unbestreitbar eine große Freude bereitet. Die Aufsätze enthalten „Beiträge zur hebräischen Sprachforschung und biblischen Exegese" (II., IV.—VI.), die manche berücksichtigungswerte Erläuterung und Konjektur, ferner 'manche kostbare Perle der Schrifterklärung enthalten. Treffliche Bemerkungen findet man ferner über die gegensinnigen Wörter im Hebräischen, wie heiligen und entweihen, schmähen und liebreich sein. *1*0 segnen und fluchen. Eingeleitet werden die Studien durch einen gelehrten Aufsatz über hebräische Philologie und biblische Exegese. An dritter Stelle finden wir noch eine; gründliche Abhandlung über die Opfertaseln von Marseille und Karthago. Die Analekten bringen Erinnerungen und Gedenkblätter, Männern gewidmet, die ihr Leben der Wissenschaft geweiht haben, wie Zunz, Lazarus, Josef Weiffe, David Kaufmann, Karl Werner; andere führen in die Zeiten des Rohlingsschwindels und in die innere Geschichte der Juden in Ungarn (XI. Zwei Sendschreiben an den Vorstand der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und XIII. die Kongreßbeschlüsse). Ein kurzes treffendes Wort über das Shylok- Problem schließt die Reihe der Analekten. Möge der greise Verfasser uns bald mit der Sammlung seiner zerstreuten Beiträge zur Talmud- und Midraschexegese erfreuen, die gleichfalls dankbare Leser finden werden. Vinkovcze (Slavonien). Dr. A. Marmorstein. * — Das deutsche Jahrbuch der Alliance Isra61ite Universelle für 1908 ist in einem 16 Bogen starken Bande erschienen. Nicht bloß die Mitglieder der Alliance, sondern alle Freunde gelingender Kulturarbeit werden mit Interesse lesen, auf welche Weise und mit welcher Ausdauer die Alliance an der Aufgabe weiter arbeitet, die sie seit ihrem fast 50 Jahre zurückliegenden Entstehen sich gestellt hat, wie das Schulwerk bis in die fernsten Lande hin dazu beiträgt, ein unterrichtetes Geschlecht heranzuziehen, das die seitherige Rückständigkeit verläßt und neues wirtschaftliches Leben beginnt, und die Schlacken abstreift, die durch andauernde Verfolgung sich gehäuft hatten. Uebexall in Uebereinstimmung mit den Staatsgewalten hat die Alliance in allen Landen' die Anerkennung gewonnen, daß ihr Tun zum Segen gereicht, nicht bloß für die, die unmittelbar beteiligt sind, sondern für die ganze Bevölkerung. Eine zweite Aufgabe der Alliance besteht darin, Hilfe zu bringen, wo augenblickliche Not sich zeigt, gegen Bedrückung aufzutreten und der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Von besonderem Interesse, auch für weitere Kreise, ist in dem vorliegenden Jahrbuch der Bericht, den Herr Nahum, der jetzige Chacham Baschi der Türkei, über die Reise erstattet hat, die ihn im Aufträge der Alliance zu den Falaschas nach Abessinien führte. Eine besondere Karte von Abessinien zeigt den Weg, den die Expedition zurückgelegt hat; Bilder von Falaschas und Falaschadörfern machen den Bericht besonders lebendig. Nicht minder lehrreich und interessant ist der Bericht, den Herr Rabbiner Dr. Porges-Leipzig über die von der Alliance zu den Allianceschulen im Orient entsandte Expedition erstattet hat. * — Dr. I. Günzig, „Haesclikol“. Hebräisches Sammelbuch für Wissenschaft und Literatur. Bd. VI. Krakau 1909. Verlag des Herausgebers. Zum sechstenmal erscheint dieses vortreffliche Jahr-' buch, das alle seine Konkurrenten überdauert hat. Auch diesmal enthält es sehr interessante, wissenschaftliche und belletristische Aufsätze von dem Herausgeber, von S. Bernfeld. S. Rubin, I. Freimann, Abraham Epstein, H. Wettstein, A. Lewinsky. N. Libowitsch. S. Funk und andere. Von kulturhistorischem Wert ist die Veröffentlichung der ersten Ausgabe des 8efer Machkim von Nathan ben Jehuda, die Freimann mit gewohnten Akribie besorgt hat. Großes Interesse wird ferner die Veröffentlichung von Abraham Epstein über den Jalkut Schimeoni erregen. Das Jahrbuch ist gut ausgestattet und es ist zu wünschen, daß es in den Kreisen derer, die die hebräische Sprache noch verstehen und lieben, Verbreitung finden möge, damit der Herausgeber für die Mühen und große Opfer, die ihm die Erhaltung desselben auferlegt, einigermaßen entschädigt werde. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.