Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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sie Ruhe und Frieden findet. Nirgend in der Welt werde ich mir einsam Vorkommen, wo ich wieder mit meinem Manne vereint werde leben können. Ich habe. es durchgemacht, was es für eine Frau bedeutet, sich allein durchzuhelfen. Kein Elend kommt diesem gleich, daß eine Frau durch die Umstände genötigt ist, für sich allein sorgen zu müssen. Keine Bosheit, keine Infamie ist groß genug, die nicht an ihr Tun und Treiben gehestet wird, um ihr die ohnedies schwierige Lage zu erschweren." ■- „Sie werden zu bitter, liebe Frau Reimers." „Zu bitter?" lachte sie schmerzlich auf! „Es gab keine harmlosere, freudigere und wohlwollendere Natur, als ich sie besaß. Im Wohlstand ausgezogen und von der Liebe einer alten, gutmütigen Tante verwöhnt, kannte ich vom Leben nichts und wußte gar nichts anderes, als daß die Menschen dazu da wären, sich untereinander zu lieben und zu erfreuen. — Da trat das Unglück an mich heran und mit ihm die traurigen Erfahrungen, die ich machte. — Sie nennen mich bitter, jawohl ich bin bitter, verbittert bis in die tiefste Tiefe meiner schwer gekränkten, grenzenlos verstimmten Seele! Wissen Sie, daß seit Jahren Ihr Kommen, die Nachrichten, die Sie mir bringen, der erste Lichtstrahl ist, der in mein verdüstertes Gemüt fällt?..." „Liebe Frau Reimers . .." suchte Agathe zu beschwichtigen... „O, bitte lassen Sie mich reden! Sie. ahnen nicht, wie wohl es tut, wieder einmal vor teilnehmenden Menschen sich aussprechen zu dürfen.. „Ich höre Ihnen mit vollem Interesse zu, nur fürchte ich, daß Sie sich aufregen." „Fürchten Sie nichts! Die Zeiten sind vorüber, wo mich das alles aufregte, dem Wahnsinn, dem Selbstmord nahebrachte ... Ich habe sie durchkämpft, . v. heute kann meine Seele in Bewegung kommen bei dieser Rückschau, aber ich werde meine Fassung nicht verlieren. Ich machte keine großen Pläne! Ich hatte mancherlei gelernt, ein oder das ändere verwertet, würde, glaubte ich, einen kleinen Verdienst schaffen, der uns unser täglich Brot liefern sollte; so mußte es gehen!" „Nun, und Sie haben es doch erreicht?" „Aber wie? Man versuchte, mich über meinen Familienstand, meine Lebensverhältnisse auszuforschen, man sah mich mit Blicken so frivolen Einverständnisses an, daß ich die Augen nicht aufzuschlagen wagte, man kam endlich mit ziemlich unzweideutigen Anerbietungen. Der erste dieser Jammermenschen entfernte sich schleunigst, als ich ihm mit der Polizei drohte. — Ich weiß heute noch nicht, wo ich den Mut dazu hergenommen hatte. Ich war verzweifelt, ich tröstete mich,^ daß nicht alle so gemein sein können. Es kam noch einer oder der andere... Es war nicht viel anders. Die Tonart variierte, das Lied blieb dasselbe. — Ich mußte ruhiger werden, die Notwendigkeit zwang mich, die Tortur zu erdulden und soviel Gemeinheit anzuhören und abzuweisen, bis es besser kam. — Die Wohnung mußte vermietet werden. Konnte ich bis zum Quartal nicht die Miete anschaffen, so verfiel unser Möbel dem Hauswirt, der sich durch den Erlös desselben bis zum Ablauf unseres Kontraktes decken wollte. — Endlich kam ein Herr, der es zunächst zwar auch nicht an kleinen Anzüglichkeiten fehlen ließ, : den aber meine Zurückweisung nicht abschreckte, mein eingeschüchtertes, ängstliches Wesen, das. die Schrecken und ' Demütigungen, die ich erduldete, wiederspiegelte, nicht unverschämt machte. Er verriet in allem den gebildeten Mann,, der mit meinen Vorschlägen einverstanden war. — Er heißt Doktor Saulmann — ein Journalist" ... „O, ich kenne den Herrn!" Wieder starrte Sophie die Sprechende bestürzt und verwundert an — Agathe kannte also Doktor Saulmann? Und die Dame, der sie damals die Tür öffnete?. .. „Das ist unmöglich," schalt sie sich innerlich, „alberne Phantasien äffen mich — zu jener Zeit war Agathe in Rußland bei ihrem Manne — jenes schüchterne Geschöpf war auch viel schlanker, jünger, etwas kleiner, ein.e fatale Aehnlichkeit verwirrt mich." Sie raffte sich aus ihrem Sinnen auf und sagte laut: „Seitdem wohnt der Doktor bei mir-Er verschaffte mir auch erst Kopistenarbeit, später Uebersetzungen aus dem Englischen und Französischen-Der Anfang zu einer Tätigkeit war gefunden. Ich lebte förmlich auf. Ich bekam Uebung und Gewandtheit, ein in mir unbewußt schlummerndes Talent regte sich, meine Uebersetzungen erhielten Schwung und Leben — — ich übersetzte belletristische Literatur, Gedichte, wissenschaftliche Arbeiten, Theaterstücke, und es waren Schriftsteller, Verleger, junge Gelehrte, Theaterdirektoren und selbst Schauspieler, mit denen ich dadurch in Berührung kam. Man behandelte mich gerade in diesen verlästerten Kreisen gütig, und wenn ich mir ins Gedächtnis rief, was ich in der bürgerlichen Gesellschaft, in der ich früher lebte, über diese Schriftsteller- und Künstlerkreise habe reden hören, wie man ihnen Moral und Sitte absprach, wie man sie verächtlich die bobeme nannte, so mußte ich an mir selbst die Erfahrung machen, daß diese Wilden doch die besseren Leute sind."- Agathe lauschte mit Interesse ihren Worten, und Frau Reimers fuhr jetzt wieder, in leichte Erregung geratend, fort: „Und das weiß ich, Wohlwollen, Güte und werktätige Hilfe findet man bei ihnen in höherem Maße als bei den anderen, die sich geberden, als seien sie die Pächter jeder Sittlichkeit und Tugend, die hochmütig und dünkelhaft auf alle anderen herabblicken dürfen und so viel Fehler an aller Welt zu sehen wissen, daß sie niemals Zeit finden, an ihre eigenen Schwächen zu denken." -- Agathe ergriff, einer augenblicklichen Wallung folgend, ihre Hand und drückte sie, als solle dieser stumme Händedruck sie ihrer Teilnahme versichern... „Was müssen Sie gelitten haben, arme Frau Reimers?" Mt trübem Blick neigte sie den Kopf. Es waren schwere Zeiten. Erst heute, wo mit Ihnen wieder etwas an mich herantritt, was mir einen Zusammenhang mit der Welt, eine Hoffnung zeigt, kommt der alte Schmerz aufs neue über mich .. . o, warum sind Sie nicht längst gekommen? Warum so spät? ... zu spät . . sie brach in ein trostloses Weinen aus. Agathe suchte sie zu beruhigen. „Glauben Sie mir, Frau Reimers, auch Ihr Mann schien trostlos, hoffnungslos, als er zu meinem Mann kam, auch er sagte in seiner Verbitterung und seinem Gram, daß er nie wieder Freude am Leben gewinnen würde, und wenn Sie ihn heute sähen, .wie er wieder, auflebt, wie er schafft und tätig ist, wie sein Wirkungskreis ihn befriedigt und interessiert, wie .er wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schaut. O, Sie werden beide dieser Leidenszeit noch mit jener Wehmut gedenken, die erlittenen Gram in Zeiten des Glückes verklärt." „Wie gütig Sie sind!" Sophie sah sie mit tränenschimmerndem Blick an. „Und nun muß ich mich entschuldigen, daß ich erst heute zu Ihnen komme, obwohl ich schon einige Zeit hier bin." „Ein Unwohlsein meiner Schwester ries mich nach Haus zurück. Sie bedurfte meiner Fürsorge und heute, wo sie zum erstenmale wieder ausging, beeilte auch ich mich, zu Ihnen zu kommen."